Wirtschaft und Kommunen nicht vollends überzeugt Warum Homeoffice in Sachsen-Anhalt wohl ein Corona-Phänomen bleiben wird

Im kommenden Monat läuft die Homeoffice-Pflicht wohl bundesweit aus. Viele Menschen in Sachsen-Anhalt werden deshalb vom heimischen Küchentisch zurück ins Büro gehen. Denn Arbeitgebende aus Wirtschaft und Verwaltung sehen weiterhin Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Homeoffice. Und auch die Gewerkschaften sind nicht vollends davon überzeugt.

Die Homeoffice-Pflicht in Deutschland entfällt aller Voraussicht nach im Juli. So will es die Bundesregierung. Damit dürften auch in Sachsen-Anhalt zehntausende Menschen wieder in die Büros zurückkehren. Und das vorerst dauerhaft: Denn die Wirtschaft und die Verwaltungen im Land haben lediglich gemischte Erfahrungen mit dem Homeoffice gemacht.

Wirtschaft und öffentliche Hand sehen noch immer große Herausforderungen

Markus Rettich von der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau sagte MDR SACHSEN-ANHALT, in der Diskussion um das Homeoffice würden viele Geschäftsbereiche vergessen: medizinisches Personal in Krankenhäusern etwa oder die Entsorgungswirtschaft. Da hätten sich in der Pandemie klare Grenzen aufgetan.

"Unsere Wirtschaft funktioniert nicht allein aus dem Homeoffice", so Rettich. Dort, wo es aber möglich sei, müssten dauerhaft die Anforderungen von Unternehmen, Belegschaft und auch Kunden betrieblich wie technisch in Einklang gebracht werden.

Wenige Bedienstete der Ministerien und Behörden im Homeoffice

Sachsen-Anhalts öffentliche Arbeitgebenden taugen für solche Umstrukturierungen allerdings nur bedingt als Vorbild. Eine Kleine Anfrage der Grünen hatte ergeben, dass im Corona-Jahr 2020 gerade mal ein Fünftel der Bediensteten von Landesministerien und den angeschlossenen Behörden im Homeoffice arbeiteten.

Auch auf der Ebene der Gemeinden, Städte und Landkreise sah es kaum besser auf. Die Verbandsgeschäftsführerin des Kommunalen Arbeitgeberverband Sachsen-Anhalt, Diana Häseler-Wallwitz, spricht von einer "Herkulesaufgabe". Gerade kleinere Kommunen hätten Probleme, ihre Angestellten zu Hause schnell genug so auszustatten, dass sie von dort auch tatsächlich arbeiten können. Die entsprechende Ausrüstung sei zudem nahezu vergriffen, so Häseler-Wallwitz.

Effekt von Homeoffice auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist umstritten

Neben der Frage, wie leicht Homeoffice umsetzbar ist, steht auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Mittelpunkt der Diskussion. Die Meinungen gehen auseinander. 

Diana Häseler-Wallwitz sagt für die Arbeitgebendenseite, das Homeoffice würde diese Vereinbarkeit verbessern – und so gerade für jüngere Beschäftigte eine "ausgewogene Work-Life-Balance" schaffen.

Dem gegenüber steht die Haltung der Landeschefin des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Sachsen-Anhalt, Susanne Wiedemeyer. Wiedemeyer zufolge entsprechen harmonische Bilder von arbeitenden Müttern neben ihren spielenden Kindern kaum der Realität. "Wer Kinder hat, weiß, dass Kinderbetreuung nicht nebenbei geht", sagt sie. Man brauche dafür wirklich Zeit. Zudem verwische im Homeoffice die Grenze zwischen Beruf und Freizeit.

Kritisch sieht Wiedemeyer auch ausbleibende Bestätigung und Wertschätzung mangels persönlichen Kontakts unter Kolleginnen und Kollegen. Arbeitgebende sollten ihre Beschäftigten zudem mit entsprechenden Möbeln für zu Hause unterstützen. Ein Küchentisch sei schließlich kein ergonomischer Arbeitsplatz, so Wiedemeyer.

Gesetzlicher Anspruch auf Homeoffice wird abgelehnt

Im Bundestagswahlkampf 2021 dürfte auch ein gesetzlicher Homeoffice-Anspruch wieder Thema werden. Mit einem solchen Vorschlag war Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im vergangenen Herbst am Widerstand der CDU gescheitert. Diana Häseler-Wallwitz vom Kommunalen Arbeitgeberverband lehnt einen solchen Anspruch ebenfalls ab. Sie spricht sich aber grundsätzlich dafür aus, alle Corona-bedingten Veränderungen auf den Prüfstand zu stellen. Vieles sei zu schnell gegangen. Aber: "Was sich in der Krise bewährt hat, sollte danach auch Bestand haben", sagt Häseler-Wallwitz.

Vor Corona hatte der Anteil der Homeoffice-Nutzenden unter den Beschäftigten in Sachsen-Anhalt gerade einmal 6,3 Prozent betragen. Das geht aus Zahlen des Statistischen Landesamtes hervor. In der Pandemie dürfte dieser Anteil stark gestiegen sein: Laut der Hans-Böckler-Stiftung arbeitete im Januar 2021 etwa ein Viertel aller Beschäftigten bundesweit von Zuhause aus. Die Homeoffice-Pflicht wurde erst drei Monate später, im April, eingeführt.

MDR/Thomas Tasler/Thomas Vorreyer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 21. Juni 2021 | 07:10 Uhr

15 Kommentare

MichaelNey vor 23 Wochen

Das Recht auf "HomeOffice", das gegenwärtig diskutiert wird, bedeutet, dass ein*e Arbeitnehmer*in den Bedarf anmelden kann, dass dieser im Einklang mit den betrieblichen Belangen stehen muss und von Arbeitnehmer*in un Arbeitgeber gemeinsam verhandelt wird. Erst wenn es eine pauschale Ablehnung oder grds. Verweigerung gibt, greift das Recht der Umsetzung im Sinne de Antrags (und auch das befristet für 6 Monate), sowet der Plan.

MichaelNey vor 23 Wochen

Das ist zum Glück inzwischen deutlich überholt und in der Pandemie wurde durch HomeOffice eine Produktivitätsteigerung von 13% identifiziert. Damit einher geht eher das Problem von entgrenzter und verdichteter Arbeit, das wir lösen müssen - das aber, so denke ich, lösbar ist.

MichaelNey vor 23 Wochen

Ich bin mir nicht sicher, dass das Ergebnis der kleinen Anfrage heute das gleich Ergebnis hätte, immerhin ist die im Frühjahr 2020 getelt worden. Seitdem hat sich doch einiges - auch in den Behörden getan.

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