Interview Energieexperte: "Ein Importstopp von russischem Gas ist sehr wahrscheinlich"

Einen kurzfristigen Lieferausfall von russischem Erdgas kann verkraftet werden, sagt Energieexperte Dominik Möst im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT. Problematisch wird es, wenn längerfristig Alternativen zu Lieferungen aus Russland aufgetan werden müssen. Dafür gebe es kaum Kapazitäten, was den Gaspreis langfristig hochhalten wird. Die Folge: Firmen könnten ihre Produktion verlagern.

Rohre in deutschen und russischen Nationalfarben auf Rubelscheinen
Derzeit gibt es kaum Alternativen für russisches Erdgas, sagen Experten (Symbolbild). Bildrechte: IMAGO / IlluPics

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie stark hängt Deutschland von russischem Erdgas ab?

Dominik Moest: Deutschland importiert knapp über 50 Prozent seines Gases aus Russland. Und wenn man sich die Transportinfrastruktur anschaut, dann kann man festhalten, dass die Abhängigkeit, je weiter man in den Osten kommt, das gilt auch für die osteuropäischen Länder, immer größer wird.

Dominik Möst, Professor von der TU Dresden, im Portrait. Er schaut in die Kamera.
Professor Dominik Möst forscht an der TU Dresden über Energiewirtschaft. Bildrechte: Dominik Möst

Prof. Dr. Dominik Möst ... forscht und unterrichtet am Lehrstuhl für Energiewirtschaft der Fakultät Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität Dresden.

Seine derzeitigen Forschungsprojekte betreffen Fragen zur Integration erneuerbarer Energien, zur langfristigen Entwicklung von Energiemärkten und -preisen.

Wofür wird Erdgas in Deutschland eingesetzt?

Erdgas wird zu ca. 30 Prozent genutzt, um im Haushaltssektor Wärme bereitzustellen. Das heißt, wesentliche Abnehmer sind die Endkunden. Knapp 15 Prozent fließen in die Stromerzeugung. Etwas über 10 Prozent werden in der Kraft-Wärme-Kopplung und öffentlichen Wärme sowie weitere circa 10 Prozent in Gewerbe, Handel und Dienstleistung benötigt. Den restlichen Anteil, grob 35 Prozent, verbraucht die Industrie vor allem in der Eisen-, Stahl- und chemischen Industrie.

Derzeit wird ein Importstopp von russischem Gas diskutiert – was hätte der für Auswirkungen?

Hier ist erst mal die Frage, wie lange ein solcher Lieferstopp anhalten würde und wie schnell man diese Kapazitäten ersetzen kann. Grundsätzlich ist es so, dass ein kurz anhaltender Lieferstopp noch relativ gut abgepuffert werden kann. Kurzfristig heißt weniger als ein bis zwei Monate. Aber wenn ein Lieferstopp länger andauert, stehen Alternativen in dem Ausmaß nur begrenzt zur Verfügung.

Und alle Maßnahmen, die man auf der Angebotsseite nutzen kann, also beispielsweise eine Erhöhung des Flüssiggasvolumens im Markt oder Erhöhung der Produktionskapazitäten in Europa werden nicht ausreichen, um diesen Wegfall vollständig zu kompensieren. Je nach Dynamik lassen sich damit grob 55 bis 70 Prozent ersetzen.

Das heißt, auch auf der Nachfrageseite muss Erdgas in größerem Umfang eingespart werden. Das heißt beispielsweise in der Stromerzeugung von Gas auf Kohle zu wechseln, wobei dies bei den hohen Gaspreisen bereits automatisch geschieht und natürlich begrenzt ist, denn in den Spitzenlaststunden werden Gaskraftwerke zur Lastdeckung benötigt. Entsprechend kann man die Abschaltung von Kohlekraftwerken verschieben, um mehr Kohlekapazität im Markt zu lassen, den Gasverbrauch bei Haushalten reduzieren, in dem weniger Wärme bereitstellt wird, und in der Industrie auf andere Energieträger wechseln.

Aber insgesamt muss man sagen, dass ein dauerhafter und sofortiger Verzicht auf russisches Gas zu einer extrem angespannten Situation führen würde und es wäre fraglich, ob alle Maßnahmen ausreichen, um den Anteil von russischen Gas vollständig zu ersetzen.

Wie schnell kann es gelingen, andere Gaslieferquellen zu erschließen?

Das kommt darauf an. Manche Dinge gehen dann tatsächlich etwas schneller, innerhalb von wenigen Wochen bis Monaten. Auf dem Weltmarkt lässt sich zusätzliches Flüssiggas beziehen und hierfür die bisherigen Überkapazitäten bei Flüssiggasterminals in Europa nutzen. Auch die Ausweitung der Produktion in anderen europäischen Ländern, unter anderem in Norwegen, Großbritannien, Polen und Niederlande sowie in Nordafrika, sollte in einem Zeitraum von Wochen bis ein paar Monaten grundsätzlich möglich sein. Die Erschließung von neuen Feldern beziehungsweise der Zubau von Flüssiggasterminals dauert im Gegensatz dazu mehrere Jahre.

Aber natürlich ist auch bei den jetzigen Kapazitäten die Frage, inwieweit man die volle Kapazität ausschöpfen kann. Bei Flüssiggas konkurriert Europa um die Mengen mit dem asiatischen Markt und auch müssen die Flüssiggastanker in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen.  

Bei einem Verzicht auf russisches Erdgas – stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel?

Aus der aktuellen Entwicklung ist für einen längerfristigen Zeitraum absehbar, dass wir Erdgas auf einem deutlich höheren Preisniveau besorgen werden. Und das wird dazu führen, dass in der Industrie Anpassungen vorgenommen werden. Unter Umständen wird es Industrien geben, die ihre Produktion verlagern. Die größte Herausforderung wird in einer etwaigen Knappheitssituation sein, eine Priorisierung so vorzunehmen, dass möglichst wenige Auswirkungen auf Lieferketten resultieren. Inwieweit dadurch insgesamt Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, kann ich schwer einschätzen. Es werden auf der anderen Seite auch neue Arbeitsplätze geschaffen, gerade in Bereichen, wo es darum geht, die Energiewende voranzutreiben.

Die Bundesregierung möchte gerne bis 2024 sämtliche Erdgasimporte aus Russland beenden. Das mitteldeutsche Energieunternehmen VNG hält das für wenig realistisch. Warum, erklärt uns MDR Wirtschaftsredakteur Ralf Geißler im Video.

Wie wird sich der Gaspreis zukünftig entwickeln?

Der Preis für Gas wird längerfristig hoch bleiben. Das kommt daher, dass wir in den letzten Jahren vom günstigen Gas aus Russland profitiert haben. Im Durchschnitt haben wir für Gas zwischen 20 und 25 Euro für die Megawattstunde gezahlt. Wenn wir jetzt stärker auf andere Quellen umsteigen, beispielsweise ein höheres Flüssiggasvolumen nutzen, stehen wir auf dem Weltmarkt viel stärker in Konkurrenz. Dort beziehen wir Gas tendenziell zu höheren Preisen.

Wenn wir uns die Terminmarktnotierungen von Erdgas anschauen, auch im Vergleich zu den anderen Energieträgern, dann reicht das höhere Preisniveau deutlich länger in die Zukunft als bei anderen Energieträgern. Wir sehen derzeit am Terminmarkt Preise von über 100 Euro für die Megawattstunde bis hinein in den Herbst 2023. Das ist ein Indikator, dass die Akteure im Gasmarkt die Erwartung haben, dass die Preise länger auf hohem Niveau bleiben werden.

Für wie wahrscheinlich halten Sie einen deutschen Verzicht auf russisches Erdgas?

Auf jeden Fall wird der Gasbezug aus Russland deutlich reduziert werden. Unter den aktuellen Entwicklungen und wie die Vorbereitungen aussehen, ist auch ein kurzfristiger Verzicht nicht mehr auszuschließen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Hannes Leonard.

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MDR (Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. April 2022 | 12:00 Uhr

1 Kommentar

hinter-dem-Regenbogen vor 17 Wochen

Da liegt eine fertige PipeLine auf dem Meeresgrund der Ostsee (ca. 2-3 Milliarden Euro teuer). Diese wartet nur darauf, in Betrieb genommen zu werden.

Bereits in den Jahren 2020 und 2021 kamen Stimmen aus den USA, auch vom Präsidenten Trump, dass die USA den Betrieb dieser Pipeline mit allen Mittel verhindern werden - was nun, vermeindlich durch den Krieg in der Ukraine, auch gelungen ist.

Warum das Meer der Tränen nun in Deutschland unaufhörlich ansteigt, dazu fehlen mir die Worte. Bereits vor 2 Jahren war bekannt, dass kein Erdgas durch die Pipline Nordstream II geleitet wird. In den USA stehen Händler bereit, Deutschland mit Flüssiggas zu beliefern - Die Fortschritts-Regierung Deutschlands ist bereits vor dem Ukraine-Krieg darauf eingegangen - Deutschland ist somit in allen Richtungen abhängig,
>> Eine Abhängigkeit , die uns immer als Freiheit verkauft wurde.
Nun verstehe ich auch das Vorhaben, dass Deutschland die Welt retten muß - alles unter dem Aspekt des Klima wegen,

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