Mammutaufgabe für Ehrenamtliche "Ohne Auftritte ist es schwer, Jugendliche für den Karneval zu motivieren"

Seit zwei Jahren steht der Karneval in Sachsen-Anhalt still. Die Corona-Pandemie lässt kaum bis gar keine Veranstaltungen zu. Im ersten Jahr der Pandemie war das noch kein großes Problem, aber mittlerweile schwindet in den Vereinen die Motivation und Kraft. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit dem obersten Karnevalisten im Land über die Lage der Vereine gesprochen – und über deren Zukunft. Dirk Vater, Präsident des Karnevalsverband Sachsen-Anhalt, im Interview.

Dirk Vater
Dirk Vater ist der oberste Karnevalist in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: dpa

  • Die aktuellen Corona-Regeln würden Karnevalsveranstaltungen unter bestimmten Bedingungen zulassen. Für viele Vereine sind die Maßnahmen aber nicht umsetzbar.
  • Im zweiten Jahr der Pandemie lassen sich Mitglieder immer schwerer motivieren, da die Perspektive für Auftritte und Veranstaltungen fehlt.
  • Eigentlich darf der Karneval nicht so einfach im Sommer nachgefeiert werden. Aber Existenznot steht über strengem Festhalten an Traditionen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie geht es den Karnevalsvereinen in Sachsen-Anhalt?

Dirk Vater: Den Karnevalsvereinen geht es stellenweise nicht so gut. Wir haben mittlerweile fast 24 Monate eine Pandemie. Das heißt, für die Vereine sind im Prinzip zwei komplette Sessionen weggefallen. Wobei man bei der aktuellen Session immer noch gehofft hatte, dass vielleicht in Richtung Ende Februar die Außenveranstaltungen noch machbar sind. Aber es zeichnet sich mehr und mehr ab, dass da sicherlich wenig bis gar nichts stattfindet. Und das ist für die Vereine, die seit zwei Jahren in ihrem Brauchtum nichts machen können, sehr belastend.

Haben alle Vereine in Sachsen-Anhalt ihre Veranstaltungen abgesagt?  

Es sind schon viele Vereine, die sagen, unter den Bedingungen ist so gut wie nichts machbar. Zum Beispiel ist in Halle der Rosenmontag abgesagt worden.

Fabian Frenzel im Männerballett-Kostüm 5 min
Bildrechte: MDR/Biggi Starke
5 min

Corona: MDR-Reporter Fabian Frenzel über den Karneval in Pandemie-Zeiten

MDR SACHSEN-ANHALT Do 20.01.2022 07:40Uhr 04:51 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/audio-karneval-corona-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Im Zweifel sind unter bestimmten Bedingungen trotzdem Veranstaltungen möglich. Wie realistisch ist das?

Das ist das Problem. Die Eindämmungsverordnung gibt unter bestimmten Voraussetzungen immer noch etwas her. Aber dann muss man immer in die Realität gucken und sagen, was geht unter 2G oder 2G+? Was ist da noch wirtschaftlich umsetzbar? Können das die Vereine überhaupt durchsetzen und kontrollieren? Und da muss man realistischer Weise sagen: Nein, das ist nicht zu leisten.

Gibt es denn alternative Ideen? Letztes Jahr hat man ja viel digital gemacht.

Im vergangenen Jahr waren wir sehr stolz auf unsere Vereine, als sie Formen gefunden haben, in der digitalen Welt noch etwas umzusetzen. Aber das ist natürlich immer nicht vergleichbar mit einer Präsenzveranstaltung. Karneval lebt von einer Gemeinschaft und lebt auch von der Zusammenkunft von Menschen. Und das kann man in der digitalen Form nicht umsetzen. Im ersten Jahr war das sicherlich auch noch spannend und Neuland. Aber die Motivation der einzelnen Mitglieder, das dieses Jahr noch mal so zu machen, nimmt sukzessive ein Stückchen ab. Da sind dieses Jahr nicht so viele Aktivitäten zu verzeichnen wie das im vergangenen Jahr der Fall war.

Im vergangenen Jahr hieß es, der Mitgliederschwund sei in vielen Vereinen nicht so hoch gewesen. Wie sieht das ein Jahr später aus?

Es wird gerade im Kinder- und Jugendbereich schwieriger. Das war immer so ein Pfund in Sachsen-Anhalt. Wir haben 50 Prozent Kinder- und Jugendanteil in unserem Verband. Da waren wir auch sehr stolz darauf. Aber wir merken, es wird schwieriger, weil man den Kindern und Jugendlichen momentan nicht die Perspektive eines Auftrittes oder eines Wettkampfes im karnevalistischen Tanzsport geben kann. Durch die vielen Unsicherheiten weiß man nicht, wann das nächste Event stattfinden kann. Viele Vereine versuchen, das durch Online-Training noch zu kompensieren, und versuchen auch mit Zusammenkünften – insoweit die Vorschriften das zulassen – weiterzumachen. Aber es ist natürlich für jeden Verein eine Mammutaufgabe, Mitglieder zu motivieren – sowohl im Erwachsenenbereich als auch im Kinder- und Jugendbereich.

Gibt es Hilfe aus der Politik?

Rosenmontagsumzug in Köthen
Umzüge fallen in diesem Jahr das zweite Jahr in Folge aus. Den Karneval einfach in den Sommer legen, ist nicht so einfach wie es klingt. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Gaby Conrad

Wir arbeiten mit der Landesregierung zusammen. Mittlerweile gibt es aber auch Programme, die wir über den Bund Deutscher Karneval (BDK) haben. Dabei wird mit einer größeren Summe Geld versucht, alles am Leben zu halten oder wieder Aktivitäten zu forcieren. Der BDK stellt dafür drei Millionen Euro zur Verfügung. Das wird versucht realistisch über alle 36 Landesverbände aufzuteilen.

Natürlich ist es schade, dass man relativ lange dafür gebraucht hat. Schade, dass für das Brauchtum nicht ein bisschen eher Unterstützungsmittel da waren. Im Moment sind wir aber froh, dass es Programme gibt, die auch von Vereinen in Anspruch genommen werden können.

Sind in Sachsen-Anhalt Vereine in existentieller Not?

Da gibt es Vereine. Man darf nicht vergessen, wenn 100 Prozent der Einnahmen über 24 Monate fehlen, aber die Ausgabenseite in Form von Vereinsräumen, Nebenkosten, Versicherungen weiterlaufen, dann gibt es schon Vereine, die sehr am Limit sind. Es mussten teilweise auch Verträge gekündigt oder Vereinsräume aufgegeben werden, weil man das im Moment nicht mehr finanziell leisten kann.

Dirk Vater
Bildrechte: dpa

Die Karnevalsvereine sind in den kleineren Orten mittlerweile auch regionale Kulturträger.

Dirk Vater, oberster Karnevalist in Sachsen-Anhalt

Warum kann man den Karneval dann nicht einfach so in den Sommer verschieben?  

So einfach geht es nicht, weil unser Brauchtum lebt nun mal vom kirchlichen Kalender. Und da ist er eigentlich zwischen dem 11.11. und dem Aschermittwoch präsent. Jetzt ist natürlich immer die Frage, inwieweit gibt es Ausnahmesituationen? Wir müssen da auch ein Stückchen weit umdenken. Im Moment geben wir jedem Verein die Chance, wenn er etwas im Sommer machen will, dann soll er das auch tun. Denn es geht mittlerweile eben mehr oder weniger um die Existenz. Da sind wir im Moment auch sehr kulant. In dieser Ausnahmesituation würden wir das als Verband auch tolerieren.

Was müsste man anders machen bei einem Sommerkarneval?

Es gibt viele Karnevalsvereine, die im Sommer sowieso schon sehr aktiv sind. Das darf man erstmal nicht vergessen. Die Karnevalsvereine sind in den kleineren Orten mittlerweile auch regionale Kulturträger, weil Sommerfeste oft auch von diesen Vereinen ausgestaltet werden. Aber man trägt dabei dann nicht Ornat und Kappen oder hält Büttenreden. Das alles sollte alles in einer normalen Zeit im Sommer nicht passieren. Jetzt müssen wir uns aber sicherlich fragen, was nützt uns das schönste Brauchtum, wenn wir im nächsten Jahr am 11.11. nur noch mit der Hälfte der Vereine dastehen, weil es die anderen nicht geschafft haben.

#MDRklärt Darum kann man Karneval nicht in den Sommer verlegen

Eine Jeckin feiert mit medizinischer Maske und Kostüm beim Auftakt der Karnevalssession.
Bildrechte: dpa
Eine Jeckin feiert mit medizinischer Maske und Kostüm beim Auftakt der Karnevalssession.
Bildrechte: dpa
Der Karneval richtet sich nach dem kirchlichen Kalender. Er findet zwischen dem 11. November und dem Aschermittwoch statt.
Bildrechte: Colourbox.de
Nach dem Aschermittwoch darf eigentlich kein Karneval mehr gefeiert werden.
Bildrechte: MDRklärt
Narrenkappen, Büttenreden und Ordensverleihungen sind im Brauchtum des Karnevals im Sommer verboten.
Bildrechte: MDRklärt
Feiern Vereine trotzdem mit allem Drum und Dran im Sommer, droht ihnen im schlimmsten Fall der Verlust der Gemeinnützigkeit und der Ausschluss aus Verbänden.
Bildrechte: MDRklärt
In der Pandemie drücken die Verantwortlichen aber ein Auge zu. "Im Moment geben wir jedem Verein die Chance, etwas im Sommer zu machen. Sie sollen es einfach probieren. Es geht mittlerweile um die Existenz der Vereine."Dirk Vater, Präsident des Karnevalsverbands Sachsen-Anhalt
Bildrechte: dpa
"Was nützt uns das schönste Brauchtum, wenn wir im nächsten Jahr nur noch mit der Hälfte der Vereine dastehen, weil es die anderen nicht geschafft haben."
Bildrechte: MDRklärt
Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 20. Januar 2022 | 07:40 Uhr

MDR (Fabian Frenzel, Max Schörm)
Bildrechte: MDR/Max Schörm
Alle (8) Bilder anzeigen

Was droht denn, wenn ich als Verein einfach so mit allem Drum und Dran Karneval im Sommer feiere?

In einer normalen Zeit würden wir das sicherlich abmahnen. Wir stehen unter der Ethik-Charta des BDK. Man darf nicht vergessen, der Karneval ist noch nicht so lange gemeinnützig. Erst in den 1990er-Jahren ist das so geworden. Und die Gemeinnützigkeit begründet sich natürlich auch durch das Brauchtum. Und die Ausübung dieses Brauchtums ist nun mal festgelegt auf einen bestimmten Zeitraum.  Vereine, die im Sommer feiern, könnten ihre Gemeinnützigkeit eventuell gefährden. Aber ich denke, auch hier sind mittlerweile die Behörden, die die Gemeinnützigkeit erteilen, in der Lage zu sagen, diese Ausnahmesituation muss man tolerieren. Da muss man einfach auch ein Stück weit mitgehen, denn wir müssen das Überleben der Vereine sichern können.

Die Fragen stellte Fabian Frenzel.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 20. Januar 2022 | 07:40 Uhr

2 Kommentare

hilflos vor 22 Wochen

Ich bin zwar kein Karnevalist, aber letztlich soll doch jeder Spaß haben können wie er will. Allerdings schätze ich mal, dass mindestens 75% die Ampelparteien und die CDU wählten. Da muss man dau stehen und die tolle guten Massnahmen auch mit Initiative mittragen und nicht jammern.

Horst Schlaemmer vor 22 Wochen

Wer sagt´s denn: Die Pandemie hat also doch was Gutes. Der Karneval droht erneut auszufallen. Die Jecken-Vereine im Land bröseln. Was Grund zur Freude ist, verursacht bei manchem Ober-Narren pures Entsetzen: Karnevalsvereine seien doch "Kulturträger", meint einer noch keck. Endlich mal ein guter Witz. Was es mit jener Karnevals"kultur" wirklich auf sich hat, hat Wolfgang Niedecken schon vor Jahren treffend besungen und danach für sich beschlossen: "Oh, nit für Kooche, Lück, bliev ich Karneval he. Nä, ich verpiss mich hück, ich maach nit met dobei." Dem kann ich mich nur anschließen.

Mehr aus Sachsen-Anhalt