Kindeswohlgefährdung Kinderschutz per App aus Sachsen-Anhalt

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

55.500 Kindeswohlgefährdungen haben die Jugendämter in Deutschland 2019 festgestellt. In Sachsen-Anhalt waren es 3.624. Experten vermuten eine höhere Dunkelziffer, auch weil Erzieher, Lehrer oder Trainer mitunter unsicher sind, ob und wann sie eine Kindeswohlgefährdung melden sollen. Ein Kinderheim und Softwareentwickler aus Sachsen-Anhalt haben jetzt eine deutschlandweit einmalige App entwickelt, die helfen soll, Kindeswohlgefährdungen zu erkennen.

Sohn und Vater schreien sich an.
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Im Kindergarten kann es eine schwierige Situation für alle sein: Ein Erzieher oder eine Erzieherin sieht blaue Flecke bei einem Kind und beginnt, sich Fragen zu stellen: Ist das Kind Zuhause einfach nur gestürzt? Kommt es häufiger vor? Spielt das Kind nicht mehr mit anderen Kindern? Soll der Kindergarten etwas unternehmen? Die Polizei oder das Jugendamt rufen?

"Wir haben festgestellt, dass es Erziehern schwerfallen kann, Eltern konkret auf einen solchen Sachverhalt anzusprechen", sagt Sven Schulze, der das Kinder- und Jugendhilfezentrum in Groß Börnecke leitet. "Das kann die Eltern-Erzieher-Beziehung enorm belasten und deshalb für Ängste bei Erziehern sorgen."

Ein Mann mit kariertem Sakko und Brillo
Sven Schulze leitet das Kinder- und Jugendhilfezentrum Groß Börnecke und hat die "KiSchu"-App entwickeln lassen. Bildrechte: Sven Schulze/KJHZ

Als Leiter eines Kinderheims kennen sich Schulze und seine Erzieher und Erzieherinnen mit solchen Situationen aus. Und: Sie kennen auch die Regeln, wie man damit umgeht. Deswegen haben sie ihr Wissen jetzt in die App "KiSchu" gepackt und auch schon bei Youtube vorgestellt. KiSchu: Die Abkürzung steht für Kinderschutz und die App ist für Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, Kinderärztinnen und –ärzte, Jugendarbeiterinnen und –arbeiter gedacht, aber auch für Trainerinnen und Trainer in Sportvereinen.

Digitale Hilfe in schwierigen Situationen

"Denn auch mit der besten Ausbildung sind Menschen in einer solchen konkreten Situation emotional überfordert und ringen mit sich, ob ihre Beobachtung eine einmalige oder eine wiederkehrende Sache ist." Mit der neuen App ließen sich die Beobachtungen fundiert beurteilen, sagt Schulze.

"Die App ist kostenlos und bietet einen strukturierten Fragenkatalog", sagt Robert Böhm von Perdix Creations aus Köthen, der die App entwickelt hat. Nutzer können in der App einen Verdachtsfall anlegen und werden dann durch einen Fragenkatalog aus mehr als 70 Fragen geführt. "Abhängig vom Alter des Kindes stellt die App die richtigen Fragen. Und diese Fragen decken alle Bereiche des Lebens ab."

KiSchu-App: So sieht sie aus

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KiSchu will vor allem eines: unterstützen. Erzieherinnen und Erzieher sollen sicherer in ihren Entscheidungen werden. Bildrechte: KJHZ/Perdix Creations
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KiSchu will vor allem eines: unterstützen. Erzieherinnen und Erzieher sollen sicherer in ihren Entscheidungen werden. Bildrechte: KJHZ/Perdix Creations
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Für jedes Kind kann ein Fall angelegt werden. Auch ohne dass dort der echte Name auftaucht. Ein Passwort muss immer vergeben werden. Bildrechte: KJHZ/Perdix Creations
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Mehr als 80 Fragen können beantwortet werden. Bildrechte: KJHZ/Perdix Creations
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Es muss aber auch nicht jede Frage beantwortet werden. Bildrechte: KJHZ/Perdix Creations
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Dazu können auch Fotos zur Dokumentation gespeichert werden. Bildrechte: KJHZ/Perdix Creations
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Jede Eingabe wird ausgwertet. Am Ende steht eine Einschätzung, an der sich Erzieherinnen und Erzieher orientieren können. Bildrechte: KJHZ/Perdix Creations
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KiSchu empfiehlt konkrete Handlungen und kann auch Kontakte zu Polizei oder Jugendamt anzeigen. Bildrechte: KJHZ/Perdix Creations
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Außerdem enthält die App zum Nachlesen auch die notwendigen rechtlichen Grundlagen. Bildrechte: KJHZ/Perdix Creations
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Die App kann die Antworten automatisch auswerten und zeigt dann eine Einschätzung an, ob und wie wahrscheinlich eine Gefahr für das Kind besteht. "Man bekommt dann eine rechtssichere Handlungsempfehlung und auch Hilfe, um Kontakt zur Polizei oder zum Jugendamt aufzunehmen", sagt Böhm. Die App kann auch empfehlen, dass man das Kind weiter beobachten oder mit Kolleginnen und Kollegen darüber sprechen soll. Die App generiert dafür sogar einen Gesprächsleitfaden, um mit den Fachkräften über die richtigen Fragen zu sprechen. Und sollte sich tatsächlich ein Fall von Kindeswohlgefährdung daraus entwickeln, kann die App auch eine Fallakte für das Jugendamt oder die Polizei erstellen.

Datenschutz ist mitgedacht

Daten von Minderjährigen, Fotos von möglichen Verletzungen, Verhaltensbeobachtungen: In der App "KiSchu" können hochsensible Daten entstehen. Die Softwareentwickler von Perdix Creations haben sich deshalb von Anfang an von Datenschutzexperten beraten lassen. Robert Böhm: "Die Daten bleiben ausschließlich auf dem jeweiligen Gerät, man kann die App komplett anonym benutzen und für jeden Fall muss man ein eigenes Passwort vergeben." So könnte in einer Kita zum Beispiel auch ein Fall angelegt werden, wenn die Gefahr für ein Kind von einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin ausgeht.

Junger Mann mit Brille
Robert Böhm von Perdix Creations aus Köthen hat die "KiSchu"-App entwickelt. Bildrechte: Robert Böhm/Perdix Creations

Aber in der App würden Daten nicht willkürlich gesammelt, sagt Schulze. "Bei einem Verdachtsfall muss man aber Daten sammeln, um einen Fall zu fundieren. Und das Risiko an Leib und Leben für ein Kind hat meiner Meinung nach eine höhere Priorität als Datenschutz", sagt der Kinderheim-Leiter. Softwareentwickler Böhm meint, jedes Smartphone könne Fotos machen, in der "KiSchu"-App sind die Fotos aber durch ein Passwort geschützt, also besser als in der Fotogalerie auf dem Smartphone.

Logo einer Firma
Das Start-Up Perdix Creations aus Köthen entwickelt auch Apps für Museen. Bildrechte: Perdix Creations

Vorteil Spieleentwicklung

Die Konzeption der App hätte mehrere Monate gedauert – das eigentliche Programmieren sei in vier Wochen erledigt gewesen, sagt Robert Böhm von Perdix Creations. Das Start-Up hat in Köthen drei Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin. Alle haben an der Hochschule Harz in Wernigerode Spieleentwicklung studiert. Böhm sagt, die Art, wie Spiele entwickelt würden, hätte ihm auch beim Programmieren der "KiSchu"-App geholfen. "Das ist ein etwas anderer Prozess der Softwareentwicklung. Bei Games geht es vor allem darum, dass man zuerst die Benutzeroberfläche entwickelt."

Perdix Creations entwickelt auch Apps für Museen und will, dass mit der "KiSchu"-App auch Kinder- und Jugendschutzorganisationen ansprechen. "Wir sprechen gerade auch mit dem Kinderschutzbund Sachsen-Anhalt und wollen die App kontinuierlich weiterentwickeln." Wenn sich zum Beispiel Gesetze ändern oder es andere Hilfsangebote geben würde, werde man das in die App einpflegen.

Kinderheim-Leiter Sven Schulze und Softwareentwickler Robert Böhm haben auch vorher schon zusammengearbeitet und eine App entwickelt, die bei der Einarbeitung von Mitarbeitern im Kinderheim von Schulze hilft. Dass ein Unternehmen aus der Sozialwirtschaft sich für digitale Technologien engagiert, wirkt ungewöhnlich.

Technologien in der Sozialwirtschaft

Schulze sagt aber: "Ich sehe gerade eine Veränderung, dass auch in der Sozialwirtschaft Technologie als Werkzeug angesehen wird, um pädagogische Prozesse zu unterstützten und zu erleichtern." Aber zu oft beschränke sich das auf Software-Produkte für Büro oder Organisation und kaum auf Software für den wirklichen Erziehungsalltag, die Erzieher in belastenden Situationen helfen könne.

Da sei man Vorreiter, sagt Schulze. "Oft ist es eine Generationenfrage. Denn die Menschen, die jetzt in der Branche anfangen, kennen YouTube und Whatsapp." Sie könne man schnell mit Technologie begeistern. "Aber grundsätzlich muss man natürlich sagen, dass die Branche beim Thema Technologie sehr konservativ ist."

Dabei hat Schulze noch viel mehr Ideen. "Wir wollen mit Technologie Nutzen stiften und konkrete Produkte für die Sozialwirtschaft entwickeln." Am liebsten würde er einen Online Store anbieten, in der sich Kinderheime, Kindergärten, Jugendämter und Schulen branchenspezifische Software herunterladen könnten. Und diese Software sei für mobile Geräte gedacht. Denn "Erziehung und Pädagogik sind mobil und in Bewegung – deswegen wollen wir keine Desktop-Anwendungen", sagt Schulze.

Und er glaubt, auch Sachsen-Anhalt könnte er damit aus seinem Schattendasein als Technologieland herausholen. Denn weil es in der Sozial-Branche kaum solche Software-Produkte gebe, rechne man sich gute Chancen aus, sagt Schulze. Er sieht auch die Politik im Land in der Pflicht: Er wünscht sich, dass in seiner Branche nicht nur Projekte, sondern auch die Entwicklung konkreter Produkte gefördert werde. Sachsen-Anhalts Wirtschaftsministerium hat zum Beispiel eine Einarbeitungs-App für Erzieherinnen und Erzieher im Kinderheim gefördert. Daraus sei die "KiSchu"-App hervorgegangen. "Es gibt in Sachsen-Anhalt schlaue Leute, die hier ausgebildet werden. Und die gezielte Förderung von marktfähigen Produkten ist langfristig gut für Sachsen-Anhalt, weil dann diese Menschen auch hier gehalten werden können."

Kinderheimleiter Schulze meint damit Menschen wie Robert Böhm, der die "KiSchu"-App entwickelt hat, die ab dem 1. Juni kostenlos in allen Appstores heruntergeladen werden kann. Eine bestimmte Download-Zahl hat sich Böhm nicht als Ziel gesetzt. Er sagt: "Wenn die App einmal heruntergeladen und so auch nur ein Kind gerettet wird, hat sich die Arbeit schon gelohnt."

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Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 01. Juni 2021 | 12:00 Uhr

3 Kommentare

Herr Mann vor 8 Wochen

Interessant. Aber wie immer hängt es am Ende am menschlichen Faktor der falsche Anschuldigungen und Verleumdung von echter Gefahr unterscheiden kann. Und kommt man dann dahin das menschlich und berufliche Vollversager an der falschen Stelle Entscheidungen treffen dann ist auch eine solche App nicht zielführend. Auch in Jugendämtern arbeiten Menschen die völlig in ihrem Aufgabenbereich versagen. Bestes Beispiel, das Jugendamt im Landkreis Mansfeld Südharz, Eisleben. Da hilft auch keine App wenn selbst die krassesten Fehler nicht geahndet werden. Wieviele Kinder und Eltern müssen noch leiden bis dieses Amt endlich auch diese Kultur des Wegsehens und der falschen Entscheidungen abstellt. Kinderschutz ist eine Sache die nicht in falsche Hände gehört.

wer auch immer vor 8 Wochen

Wenn ich bedenke wie meine Mutter meinen Bruder und mich sehr oft verdroschen hat, teils wegen Nichtigkeiten oder weil in ihrem Leben etwas nicht so funktionierte wie gedacht.
Wir mussten Leiden. Das schlimme daran ist, das noch heute, 55 Jahre später, die Folgen das eigenen Leben bestimmen. Man ist in eine Rolle gepresst wie z.B. ein NEIN SAGEN - ist ganz schwer möglich.

Und noch heute, sie ist 86 Jahre, fordert sie ständig Hilfe ein, die in dem Alter nötig ist, aber zum Teil ungern gemacht wird.

Ja, die Eltern haben den Krieg erlebt, nichts zu Lachen gehabt. Nur hat die ihrige Erziehung die unsrige Erziehung bestimmt.

Heute sind die Zeiten völlig anders. Gut so, keine Gewalt gegen Kinder.
Aber muss es eine App sein um sich Hilfe zu holen ?

Ein_Papa vor 8 Wochen

Ich finde auch, dass ein persönliches Gespräch deutlich mehr bringt - eine App kann da nur zusätzlich etwas bringen.
Was mich jedoch richtig aufregen könnte, wenn ich es nicht schon so gewohnt wäre - bei Gewalt gegen Kinder gibt es bildlich immer nur Väter/Männer! Schon mal etwas von Diskriminierung oder Vorverurteilung gehört?
In "meiner" Selbsthilfegruppe gibt es Männer und Frauen, denen man das Wort Mutter/Vater absprechen müsste, weil es da bis zur versuchten Tötung ging!
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