Kommentar Corona-Impfstrategie erreicht pflegende Angehörige nicht: fehlende Anerkennung

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Die Corona-Impfstrategie sieht vor, dass zunächst Menschen aus der Hochrisikogruppe sowie die Beschäftigten aus Medizin und Pflege geschützt werden sollen. Doch in der Praxis erweist sich das als schwierig. So fallen pflegende Angehörige zum Beispiel durchs Raster. Ein Kommentar

85 jähriger Demenzpatient in seinem Krankenbett versucht mit seiner 82 jährigen Ehefrau Karten zu spielen.
Knapp 60.000 Menschen in Sachsen-Anhalt werden zuhause betreut. Bildrechte: IMAGO

Wer in Sachsen-Anhalt ein Pflegefall wird, muss nicht automatisch seine häusliche Umgebung verlassen. Das ist eigentlich eine gute Meldung, denn sie zeigt, dass es in vielen Fällen ein soziales Umfeld gibt, welches in schwierigen Lebenslagen unterstützend zu Seite steht. Das wird auch an den aktuellen Zahlen deutlich.

Von den rund 130.000 Pflegebedürftigen in Sachsen-Anhalt werden mehr als zwei Drittel zu Hause versorgt. Davon übernehmen zu großen Teilen die Angehörigen die Pflege, denn nur jeder Dritte in häuslicher Pflege wird von einem professionellen Pflegedienst betreut.

Häusliche Pflege ist günstiger

Weil die meisten Pflegebedürftigen möglichst lange im vertrauten privaten Umfeld bleiben wollen, gibt es von der Politik Unterstützung. So erhalten pflegende Angehörige je nach Pflegegrad einen finanziellen Ausgleich. Zudem gibt es die Möglichkeit, dass Pflegebedürftige tagsüber in speziellen Einrichtungen betreut werden können. Dennoch ist die häusliche Pflege in der Summe günstiger, so dass auch die öffentlichen Kassen entlastet werden.

In Sachsen-Anhalt kostet die Zuzahlung zu einem Heimplatz zwischen 1.200 und 2.100 Euro. Da das die Monatsrente vieler Pflegebedürftigen übersteigt, zahlt die öffentliche Hand den Restbetrag. Bei der häuslichen Pflege stellt sich dieses Problem nicht. Doch in Folge der Corona-Pandemie zeigen sich nun auch die Nachteile der häuslichen Pflege.

Organisatorische Probleme

Ähnlich wie Kindergärten und Schulen wurden auch die Angebote für eine geriatrische Tagespflege drastisch zurück gefahren. Nur wer nachweist, in einem systemrelevanten Bereich tätig zu sein, kann die Angebote der Tagesbetreuung nutzen. Aber auch von der Impfstrategie werden die Menschen in häuslicher Pflege nicht erreicht.

Während die Pflegeheime von medizinischen Teams aufgesucht werden, um die Bewohnerinnen und Bewohner wie auch die Beschäftigten zu impfen, gibt es diese Möglich für Menschen in häuslicher Pflege derzeit nicht. Dies liege vor allem an organisatorischen Gründen erklärt Ute Albersmann, Pressesprecherin von Sachsen-Anhalts Sozialministerium. Denn der Impfstoff von Pfizer-Biontech könne nach dem Öffnen der Ampulle nicht mehr weiter transportiert werden. Da aber in jeder Ampulle mindestens fünf Impfdosen enthalten sind, würden die restlichen Dosen nach dem ersten Hausbesuch nicht weiter verwendet werden können. Deshalb sei der Impfstoff von Pfizer -Biontech für Hausbesuche derzeit nicht vorgesehen, so Ute Albersmann. Bei Impfungen in Pflegeheimen hingegen kann eine optimale Nutzung der Impfdosen gewährleistet werden.

Impfstrategie erreicht häusliche Pflege nicht

In ähnlicher Form wird auch in den regionalen Impfzentren verfahren, denn die Termine werden so vergeben, dass der Impfstoff optimal genutzt werden kann. Das allerdings setzt voraus, dass die Impfwilligen mobil sind, was für die meisten Menschen in häuslicher Pflege wohl nicht zutreffen dürfte. Dies führt aktuell zu der Situation, dass immerhin zwei Drittel der Pflegebedürftigen in Sachsen-Anhalt derzeit von der Impfstrategie nicht erreicht werden können. Umso wichtiger ist also ein indirekter Schutz, indem Angehörige und Pflegedienste sich an die Corona-Schutzempfehlungen halten und, soweit möglich, sich selbst gegen Corona impfen lassen.

Während die Beschäftigten der Pflegedienste möglichst schnell den Corona-Schutz erhalten können, fallen die pflegenden Angehörigen allerdings durchs Raster. Eine Bevorzugung bei der Impfstoffverteilung gibt es nicht. Das aber ist ein falsches Signal , denn die pflegenden Angehörigen sind für das Betreuungssystem in Sachsen-Anhalt relevant. Wertschätzung sieht anders aus.

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Dass die pflegenden Angehörigen jedoch nicht denselben Schutz erhalten wie die Beschäftigten der Pflegedienste ist ein falsches Signal, denn relevant für das Pflegesystem sind die pflegenden Angehörigen nicht minder. Eine Anerkennung für das soziale Engagement ist dies jedenfalls nicht.

In der folgenden Grafik können Sie die Verteilung der Pflegekräfte in Sachsen-Anhalt nachlesen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie.

Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und Kommentare

MDR/Uli Wittstock, Mario Köhne, Cornelia Winkler

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 31. Januar 2021 | 12:00 Uhr

4 Kommentare

Mike.... vor 25 Wochen

Wenn das mutierte Virus erstmal da ist. Dann werden eh viele sagen. Total verkehrte Reihenfolge.
Erst Mediziner, Krankenschwestern,Pfleger und pflegendes Personal. Alle um das Gesundheitswesen am laufen zu halten. Dann die die den Staat das Geld reinbringen. Die Industrie und deren Arbeitnehmern.
Die können das Virus nicht mehr zu den Senioren in die Heime Bringen. Das mutirende Virus greift auch die Jugend an. Also diese danach. Vorteil. Die können ihre Schule, Ausbildung.. beenden. Durch die vielen lange Ausbildungszeit gehen dem Staat Jedes Jahr Milliarden verloren. Noch ein zusätzliches Jahr wegen Corona braucht keiner. Damit wären die meisten geimpft die den Senioren gefährlich werden können. Sohn,Tochter, Enkel. Partys werden nicht gleich zum Hotspot die Polizisten müssen weniger Angst haben und nach Impfungen schreien.

MDR-Team vor 25 Wochen

Zuerst geimpft werden alle Menschen im Alter von über 80 Jahren - ihnen wird damit eine "sehr hohe Priorität" zugeschrieben. Die Gruppe umfasst außerdem Heimbewohner, Rettungsdienst, Pflegekräfte im ambulanten und stationären Bereich sowie Beschäftigte in Notaufnahmen, Covid-19-Stationen und in medizinischen Einrichtungen mit engem Kontakt zu vulnerablen Gruppen, ebenso andere Beschäftigte in Pflegeheimen. Mehr dazu hier: https://www.tagesschau.de/inland/impfen-priorisierung-101.html

Damit ist nicht klar, was genau Sie mit Ihrem Kommentar aussagen wollen.

Atheist vor 25 Wochen

Nicht nur pflegende Angehörige fallen durch das Raster, wer sich die Prioritäten Liste ansieht weis wiedermal wer hier besonders geschützt wird!
Jedenfalls nicht die die jahrelang Kassenbeiträge und Steuern bezahlt haben.

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