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Für Autor Leonard Schubert kann auch ein Stück Brot Heimat sein. Bildrechte: Becker Jost Volk Verlag/Hubertus Schüler

Kommentar zu Faeser-TweetHeimat ist manchmal ein Stückchen Brot

von Leonard Schubert, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 21. Mai 2022, 16:48 Uhr

Der Heimat-Tweet von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sorgt für heftige Diskussionen. Wie schon beim Thema "Heimatministerium" und "Leitkultur" hagelt es Kritik von allen Seiten. Aber gibt es eigentlich "die eine Heimat"? Und ist das überhaupt wichtig? Nein, kommentiert unser Autor Leonard Schubert.

In Deutschland tobt seit Nancy Faesers Tweet, man müsse den Heimatbegriff umdeuten, wieder mal eine heftige Debatte, von der ich mich frage, was sie uns bringen soll? Ich bin Leonard, ich bin 29 Jahre alt, und lebe seit fünf Jahren in Magdeburg. Ich habe versucht, diese Stadt so gut ich konnte zu einem Zuhause werden zu lassen. Die Leute hier sagen oft: "Home is where the dome is." Ist die Stadt eine Heimat für mich? Irgendwie ja. Ist sie meine einzige Heimat? Definitiv nein. Warum ist sie Heimat für mich? Gute Frage.

Hier in Magdeburg habe ich manchmal Heimweh nach Norwegen, wo ich lange gelebt habe und was für mich ein Stück Heimat bedeutet. Als ich nach Magdeburg zog, damals in eine kleine Wohnung, und versuchte, mir meinen Weg zu suchen, schickten mir meine Eltern einmal ein selbstgebackenes Brot, mit dem ich Kindheit und irgendwie Heimat verbinde. Das Brot kam aus dem Rheinland, das oft liebenswert-bekloppt ist und unheimlich vertraut.

Heimat sind Orte, Gerüche, Geräusche, Lieder, Gedanken, Gefühle

Für mich sind manche Menschen eine "innere Heimat". Aber auch das Gefühl, beim Wandern in weiter Natur irgendwie ein Teil dieses Planeten zu sein, ist Heimat. Heimat, das sind also Orte, Gerüche, Geräusche, Lieder, Gedanken, Gefühle. Heimat genau erklären zu wollen, ist für mich ein bisschen, als wollte man Liebe erklären: Es geht am Ende eigentlich nicht so ganz. Heimat ist für mich kein festes Konstrukt.

Wir haben Millionen Heimatbegriffe

Was genau meint also Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) damit, wenn sie sagt, wir müssten "den Begriff Heimat positiv umdeuten und so definieren, dass er offen und vielfältig ist"? Ich weiß nicht einmal, was sie mit "dem (einen) Begriff Heimat" meint. Denn ich glaube, dass wir ein paar Millionen Verständnisse von "Heimat" auf diesem Planeten haben – mindestens. Und die sind nicht einmal fest, sondern verändern sich mit der Zeit und mit den Kontextfaktoren.

Noch dazu haben wir in Deutschland einen aufgeladenen Bezug zum Thema "Heimat". Der Begriff wurde so oft politisch und ideologisch missbraucht, um Menschen etwas vorzuschreiben oder auszuschließen, und er ist so oft mit persönlichen Schicksalen und auch mit Leid verbunden, dass es schwierig ist, allgemein über ihn zu sprechen.

Die Meinungen gehen in der Debatte weit auseinander und die Menschen reagieren oft heftig. Was verständlich ist, angesichts dessen, wie tief und persönlich verwurzelt "Heimat" in vielen Menschen ist und wie viele unter dem Begriff "Heimat" ausgeschlossen und angegriffen wurden.

Gut miteinander leben statt "Heimat" definieren

Müssen wir deshalb als Gesellschaft "den Heimatbegriff" umdeuten? Können wir das überhaupt? Ich glaube: Nein.

Ich bin mir sogar unsicher, ob es den Begriff "Heimat" in dieser Debatte braucht. Denn so, wie ich Nancy Faeser verstehe, geht es ihr darum, dass es unsere Pflicht ist, als Gesellschaft dafür zu sorgen, dass sich Menschen hier in ihrer ganzen Vielfalt zu Hause und sicher fühlen können – unabhängig davon, wen sie lieben, was sie glauben, wo sie herkommen oder wie sie Heimat definieren. Und dass sie, vielleicht, auch ein Stück Heimat füreinander bauen und selbst Heimat füreinander werden.

Wie genau das gehen soll? Darauf gibt es ebenso keine Antwort wie auf die Frage, was "Heimat" denn eigentlich ist. Es gibt Menschen, die es trotzdem jeden Tag versuchen, auf die unterschiedlichsten Arten, in all ihrer Diversität. Am Ende ist das viel wichtiger.

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MDR (Leonard Schubert)

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