Kommentar zur Leuna-Raffinerie Wandel durch Handel – Vom Ende einer Idee

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Inwieweit wir Deutschen durch die Energiepreise den russischen Krieg in der Ukraine mitfinanzieren, ist Gegenstand aktueller Debatten. Frieren für den Frieden fordert so mancher, doch die Situation ist so einfach nicht zu lösen. In dieser Woche hat nun der französische Großkonzern Totalenergie angekündigt, in der Raffinerie Leuna kein russisches Öl mehr zu verarbeiten. Das wirft einige Fragen auf, so Uli Wittstock.

Blick auf die Destillationsanlage der Mitteldeutschen Erdoel-Raffinerie GmbH (MIDER) in Leuna
Das Rohr, aus dem in Leuna Öl aus Russland ankommt, ist ein unscheinbares, sagt Kolumnist Uli Wittstock. Bildrechte: IMAGO / Eckehard Schulz

Wer die Total-Raffinerie in Leuna besucht, der muss schon genau hinschauen, um das Rohr zu finden, aus dem seit Jahrzehnten kontinuierlich russisches Öl fließt. Es sieht überraschend unscheinbar aus, kaum größer als ein Fallrohr. Doch dreht man den Kopf um einhundertachtzig Grad, dann kann man die Bedeutung erahnen.

Über Hunderte Kilometer Rohrleitungen nimmt das Öl seinen Weg durch die Raffinerie und wird in zahlreiche Produkte aufgespalten, die entweder beim Verbraucher im Tank landen oder im Chemiepark Leuna, wo rund zehntausend Menschen damit beschäftigt sind, die Produkte der Raffinerie weiter zu verarbeiten.

Drushba hat ausgedient

Dass nun der Betreiber der Raffinerie, der französische Energieriese Totalenergie, zum Ende des Jahres kein russisches Öl mehr beziehen will, folgt einem Trend der letzten Wochen, nämlich Russland international zu isolieren. Beim Öl scheint dies einfacher zu sein als beim Gas, doch auch hier könnte es in den nächsten Jahren zu einem Anbieterwechsel kommen.

Einst war unter dem Namen "Drushba" die Öl- und Gastrasse in Betrieb genommen worden, um die Rohstoffe aus Sibirien in die Länder der damaligen sowjetischen Einflusszone zu pumpen. Das Ende der Sowjetunion hat daran nichts geändert, auch nicht die völkerrechtswidrige Besetzung der Krim.

Doch nun hat der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine die jahrzehntelangen Lieferbeziehungen zu einem Auslaufmodell werden lassen. Drushba scheint im Bombenhagel von Mariupol bis auf Weiteres politisch ausgedient zu haben, und zwar sowohl konkret als Pipeline, wie aber auch im übertragenen Sinn: Der Begriff Freundschaft ist mit Blick auf Russland derzeit äußerst erklärungsbedürftig.

Wandel durch Handel

Dabei blickte der Kapitalismus während des Kalten Krieges mit großem Interesse in die damalige Sowjetunion, wo es Millionen Konsumenten gab, in einer staatlich organisierten Mangelwirtschaft. Pepsi lieferte seit den späten Fünfzigerjahren den Cola-Grundstoff in die Sowjetunion, im Tauschgeschäft gegen Wodka.

Coca-Cola folgte 1980, im Zuge der Olympischen Sommerspiele in Moskau. Während also in der DDR abschätzig von "Kapitalistenbrause" die Rede war, schlürften die Klassenbrüder und -schwestern zwischen Kaliningrad und Wladiwostok schon cool eine Coke zum Pioniergeburtstag.

Den größten PR-Erfolg landete allerdings Pepsi im Jahr 1989, als das Unternehmen einen bemerkenswerten Tauschhandel einging, nämlich Cola-Konzentrat lieferte, gegen siebzehn außer Dienst gestellte U-Boote und drei Kriegsschiffe, die Pepsi als Schrott verkaufte.

Wandel durch Handel, diese Idee hätte kaum sinnfälliger inszeniert werden können. Als dann McDonald's im Januar 1990 die erste Niederlassung in Moskau eröffnete, sollen mehr als 30.000 Menschen angestanden haben.

Menschen sitzen vor einem McDonald's-Restaurant in Moskau
McDonald's Moskau.Die erste Filiale in der russischen Hauptstadt war 1990 eröffnet worden. Bildrechte: dpa

Neue Risse – alte Reflexe

Ziemlich genau zweiunddreißig Jahre später hat nun McDonald's alle Filialen in Russland geschlossen. Angeblich plant die russische Regierung, eine eigene Kette aufzubauen, unter dem Namen "Onkel Wanja". Hungern oder frieren wird also niemand wegen der Sanktionen in Russland, doch das Leben vieler Menschen dürfte noch beschwerlicher werden.

Sie seien ja selbst schuld an dieser Entwicklung ist oft zu hören, denn schließlich lehne sich ja kaum jemand gegen Putins Regime auf. Besonders aus ostdeutschem Mund klingt das merkwürdig geschichtsvergessen, denn auch hierzulande jubelte man jahrzehntelang greisen Potentaten zu, obwohl man privat oft anderer Meinung war. Menschen mit Diktaturerfahrung sollten eigentlich wissen, dass nicht jeder, der da Fahnen schwenkt, tatsächlich auch ein Hurrapatriot ist.

Ebenso schwer erträglich sind aber auch jene MitbürgerInnen, die aus der sicheren Beobachterposition ihres Fernsehsessels wissen, welchen Ratschlag man dem ukrainischen Präsidenten zu geben habe, nämlich zu kapitulieren, um Schlimmeres zu verhindern. Wer nicht in Kellern vor Bomben und Granaten Zuflucht suchen muss, sollte sich mit Ratschlägen zurückhalten.

Vielleicht lohnt es sich, in alten Frontbriefen der Vorfahren zu stöbern, denn die letzten, die Kiew, Odessa oder Charkiv beschossen, waren deutsche Wehrmachtssoldaten. Und auch die beschwerten sich seinerzeit schon über den mangelnden Kapitulationswillen der Einheimischen.

Abschottung als Irrweg

Mit jedem Bombentreffer entfernt sich Russland weiter aus Europa, mit unabsehbaren Folgen für das Land, denn es droht für lange Zeit von Technologie, Kultur und dem Austausch von Ideen abgeschnitten zu werden. Doch irgendwann wird auch dieser Krieg enden und spätestens dann stellt sich die Frage, welche Rolle Russland in Europa spielen soll.

Das System Putin hat als politischer Partner jegliche Legitimität verloren, doch das kann nicht auf die russische Bevölkerung übertragen werden. Dass der Krieg die alte Russophobie des Westens wieder nach oben spült, ist hinlänglich kritisiert worden. Doch zugleich wachsen vor allem in Deutschland merkwürdig rückwärtsgewandte Ideen von einer größeren Unabhängigkeit, insbesondere bei der Energieversorgung.

Die Vorstellung ist keinesfalls neu und wurde bei den Nationalsozialisten sogar die Grundlage einer Wirtschaftspolitik. Deshalb entstanden unter anderem in Zeitz und Magdeburg große Hydrierwerke, um aus Braunkohle das Benzin für den Krieg herzustellen. Wenn es heute also erneut politisch chic zu sein scheint, vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs über eine energiepolitische Unabhängigkeit Deutschlands nachzudenken, sollten die historischen Bezüge nicht ausgeblendet werden.

Sachsen-Anhalt wird sich nicht selbst versorgen

Derzeit produziert zwar Sachsen-Anhalt noch mehr Strom als es verbraucht, doch das dürfte sich in den nächsten Jahren ändern. Allein die Umstellung der chemischen Industrie auf Klimaneutralität braucht mehr regenerativen Strom, als in Sachsen-Anhalt hergestellt werden kann.

Wenn nun so mancher meint, das Ende der russischen Energielieferungen beflügele den klimaneutralen Umbau hierzulande, dann stimmt das nur bedingt, denn während die Nachfrage nach klimaneutralem Strom steigt, kommt das Angebot schnell an seine Grenzen.

Insofern war es ein richtiger Schritt, dass Wirtschaftsminister Habeck bei seinem Besuch in den Golfstaaten nicht nur über die Lieferung von Gas, sondern auch über die Herstellung von grünem Wasserstoff verhandelt hat. Solcher Wasserstoff könnte natürlich auch aus Russland nach Sachsen-Anhalt gepumpt werden. Doch sollten die Verbindungen nach Russland, wie etwa die Drushba-Trasse, dauerhaft unterbrochen bleiben, dann würde sich Europa seinen östlichen Flügel amputieren. Das mag Putin kaum stören, uns hingegen sollte es beunruhigen.

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MDR (Uli Wittstock, Julia Heundorf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. März 2022 | 12:30 Uhr

26 Kommentare

Fakt vor 27 Wochen

@Anni22:

Nicht nur Deutschland lehnt die Zahlung in Rubel ab, sondern auch andere Länder, zum Beispiel alle G7-Länder. Vertraglich vereinbart ist zudem die Zahlung in Euro oder Dollar, nix mit Rubel. Und es gilt auch dort der Satz "Pacta sunt servanda" - Veträge sind einzuhalten!

Fakt vor 27 Wochen

@Steffen1978:

Ja, vertragsgemüße Lieferungen sollten bezahlt werden! Und zwar in der Währung, die vertraglich vereinbart ist: in Euro oder Dollar!
An Verträge müssen sich nun mal beide Seiten halten, oder shen Sie das anders?

ElBuffo vor 27 Wochen

Es geht doch um Wandel durch Handel. Nun setzen die Umweltschützer nicht mehr auf Russland. So wandeln sich eben die Ansichten. Dauert manchmal etwas länger.

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