Sorge vor Nebenkostenabrechnung Explodierende Energiepreise: Mehrkosten von bis zu 5.000 Euro "leider realistisch"

Überall steigen die Preise. Besondere Sorgen machen sich viele Verbraucherinnen und Verbraucher wegen Mehrkosten für Strom und Heizung. Was tun? Besonders viel Hoffnung machen Fachleute nicht. Wie sich Mieterinnen und Mieter in Sachsen-Anhalt dennoch vorbereiten können.

Eine Hand an einem Temperaturregler 6 min
Sehen Sie hier den Beitrag von MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE über steigende Preise. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Steigende Preise überall – und die meisten Mieter in Sachsen-Anhalt werden nicht viel gegen die hohen Energiekosten tun können. Darauf hat der Bund der Energieverbraucher hingewiesen. Vorsitzende Leonora Holling sagte MDR SACHSEN-ANHALT am Mittwoch, sie rate Mietern, das Gespräch mit ihrem Vermieter zu suchen.

Im Gespräch könnten womöglich gemeinsam Ideen gesucht werden, wo es Einsparpotenzial gebe. Als Beispiel nannte die Vereinsvorsitzende das Licht im Treppenhaus und wie lange es brennt. Das könne man zum Beispiel verkürzen. Auch könnten Vermieter in Rücksprache womöglich die Temperatur senken. "Keine Lösung ist, einfach das warme Wasser abzudrehen", sagte Holling mit Blick auf einen solchen Fall im sächsischen Dippoldiswalde. "Das ist nicht zulässig."

Wenn möglich, Geld auf die Seite legen

Nach den Berechnungen des Vereins muss sich ein Drei-Personen-Haushalt angesichts der steigenden Preise auf Mehrkosten von durchschnittlich bis zu 5.000 Euro jährlich einstellen. Das sei "leider Gottes" realistisch, sagte Holling. Als Mieter könne man gar nicht viel dagegen tun, außer Geld auf die Seite zu legen, um Nachzahlungen abzumildern, wie Holling sagte. Möglich sei auch, Vorauszahlungen zu erhöhen, "damit die böse Überraschung nicht im nächsten Jahr kommt".

Auch der Mieterverein Magdeburg empfiehlt Verbrauchern, angesichts der stark gestiegenen Energiepreise ausreichend Rücklagen zu bilden. Das sagte Rechtsberater Zakaria Said MDR SACHSEN-ANHALT am Mittwoch. Er rechnete im Interview vor, welche Nachforderungen entstehen könnten. Würden die Gas-Preise sich beispielsweise verdreifachen, könne das für einen Haushalt mit einer Gas-Rechnung von 1.000 Euro eine Nachzahlung von 2.000 Euro bedeuten.

Mehrkosten von durchschnittlich 3.800 Euro erwartet

Bereits am Dienstag hatte die Wohnungswirtschaft in Sachsen-Anhalt wegen der steigenden Preise einen Schutzschirm der Politik verlangt. Verbandschef Jens Zillmann sagte MDR SACHSEN-ANHALT, die Wohnungswirtschaft sei abhängig von den Energieunternehmen und Mittler zwischen Versorgern und Mietern. Wenn Energieunternehmen Zulieferungen drosselten, könne man den Versorgungsauftrag nicht mehr erfüllen. Diese Debatte erwarte er aber erst im Herbst. Noch seien die Gasspeicher für zwei Monate voll.

Angesichts der weiter steigenden Rohstoffpreise erwartet Zillmann in diesem Jahr eine Mehrbelastung der Haushalte bei der Energieabrechnung von durchschnittlich rund 3.800 Euro. Bei rund 330.000 Wohnungen seines Verbandes seien das mehr als eine Milliarde Euro an zusätzlichen Kosten.

Wer soll das bezahlen? Die Wohnungsunternehmen können nicht die Inkasso-Beauftragten der Energiewirtschaft werden.

Jens Zillmann Verbandschef der Wohnungswirtschaft in Sachsen-Anhalt

Dass die Wohnungsgesellschaften in Sachsen-Anhalt Energie- oder Wärmeversorgung drosseln wie jüngst im sächsischen Dippoldiswalde, sieht Zillmann momentan nicht. Aus dem Wirtschaftsministerium von Sachsen-Anhalt ist Ähnliches zu hören. Ministeriumssprecherin Tanja Andrys sagte MDR SACHSEN-ANHALT, aktuell sei nicht bekannt, dass Unternehmen oder Wohnungsgesellschaften in Sachsen-Anhalt Energie oder Wärmeversorgungen drosseln. Es habe auch keiner etwas derartiges angekündigt.

Große Wohnungsgesellschaften haben keine Drosselung angekündigt

Sicherlich machten sich alle Sorgen wegen der steigenden Energiepreise. Aber so detailliert habe noch kein Unternehmen Veränderungen angekündigt. Man sei auch mit den großen Unternehmen im Land im Gespräch. Auch die Dessauer Wohnungsgenossenschaft mit ihren 4.000 Wohnungen plant nicht, die Warmwasserversorgung zu drosseln. Geschäftsführer Nicky Meißner sagte MDR SACHSEN-ANHALT, für so etwas brauche es gesetzliche Vorgaben. Sollte der Gesetzgeber vorgeben, dass die Temperaturen in Wohnungen gedrosselt werden müssen, werde man das aber umsetzen. Im Alleingang gehe das aber nicht. Dann hätten die Mieter einen Rechtsanspruch auf Mietminderung.

Man setze nun auf neue Lösungen unter anderem bei der Haustechnik und auf die Beratung der Mieter. So empfehle man, etwaige Guthaben aus alten Abrechnungen stehen zu lassen.

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MDR (Susanne Reh, Kevin Poweska, Stefan Bernschein, Stefanie Hornig, Luca Deutschländer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 06. Juli 2022 | 19:00 Uhr

79 Kommentare

Soldaten Norbert vor 5 Wochen

In den USA hat sich der Strompreis seit 2008 halbiert , bei uns fast verdoppelt ! Wo wird die Wirtschaft da wohl ansässig werden und produktiv Wirtschaften können ?

Soldaten Norbert vor 5 Wochen

Make America great again ! Wir Deutschen zahlen an den Gasbörsen den 9-fachen Preis wie US-Bürger ! Die Franzosen haben noch nie soviel Öl aus Russland importiert, wie zuvor. Die Türkei zieht Gas als gäbe es kein Morgen. Aus Indien kaufen wir raffiniertes russisches Öl zu hohen Preisen zurück ! Sicher, mit unserer Preispolitik zwingen wir Putin in die Knie ! Laaaaach ... Fakt ist, der grösste Teil der Welt beteiligt sich nicht an den Sanktionen !!!

ralf meier vor 5 Wochen

Weiter unten schrieb ich bereits: Der Preisanstieg ist gewollt.

Nun erfährt man das auch auf n-tv und schlimmer noch:

n-tv 08.07.2022 : Artikel Experte fordert mehr Preisdruck
"Verbraucher sparen Gas, aber es reicht noch nicht aus"

Nun ja : Der Wähler hat gewählt und die Regierung liefert zuverlässig, wie schon lange vor der Wahl zumindest von den Grünen angekündigt.

Für die Benzinpreise konnte man dazu am 03. Juni 2021 im Vorwärts Artikel
'Forderung der Grünen: Teures Benzin ist noch kein Klimaschutz' lesen:

'Trotz deutlicher Preisschwankungen für den Rohstoff Öl ist aufgrund von Steuern und Abgaben, zuletzt dem CO2-Preis, der Preis für eine Tankfüllung stetig gestiegen. Und er wird auch weiter steigen, so sieht es auch der Klimaschutz-Plan der großen Koalition vor. Doch den Grünen geht das nicht schnell genug. Sie wollen den Preis für Benzin möglichst schnell möglichst deutlich erhöhen.'

Der Vorwärts Artikel fand das da noch asozial.

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