Afghane in Sachsen-Anhalt über Taliban-Machtübernahme "Uns wurde unser Vertrauen und unsere Hoffnung genommen"

Thomas Vorreyer
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"Stellen Sie sich vor, Sie gehen schlafen und am nächsten Morgen haben Sie Ihr Land verloren." So beschreibt Ahmat, ein in Sachsen-Anhalt lebender Afghane, wie er die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan erlebt hat. Der Bundesregierung wirft er vor, die Ortskräfte vergessen zu haben, und fordert jetzt schnelle unbürokratische Lösungen – sowohl für die Afghanen und Afghaninnen auf der Flucht, als auch hierzulande.

Ahmat ist Afghane. Er lebt in Sachsen-Anhalt, kam 2013 mit einem Stipendium hier her, um zu studieren. Heute hat er einen Bürojob. Ahmat ist nicht sein richtiger Name. Weil er aber Konsequenzen für seine Familie in Afghanistan fürchtet, möchte er nur anonym sprechen.

MDR-SACHSEN-ANHALT: Ahmat, wie haben Sie von Deutschland aus die letzten Tage erlebt, in denen die Taliban immer schneller immer größere Teile Afghanistans eingenommen haben?

Ahmat: Stellen Sie sich vor, Sie gehen schlafen und am nächsten Morgen haben Sie Ihr Land verloren. Das Land, für das man zwanzig Jahre lang gekämpft hat. Ich war schockiert und hoffnungslos. Ich habe die Taliban noch vor 2001 erlebt. Ich weiß, was auf uns zukommt.

Hat es Sie überrascht, dass es am Ende so schnell ging?

Es war immer klar, dass es mit den Taliban mehr Krieg geben wird. Aber nicht im Traum habe ich gedacht, dass sie das in zwei Wochen schaffen. Selbst die US-Regierung ging davon aus, dass die Taliban drei Monate brauchen würden, um Kabul zu erobern.

Wie konnte es aus Ihrer Sicht dazu kommen?

In den letzten zwanzig Jahren herrschte immer Krieg in Afghanistan. Die deutsche Regierung hat gesagt, das Land sei sicher. Es war nie sicher. Wir Afghanen haben das immer verstanden.

Die Taliban hatten ungefähr 75.000 Kämpfer, ausgestattet mit Kalaschnikows und Motorrädern. Die afghanische Armee war schwer bewaffnet und ihnen eigentlich um das Dreifache überlegen. Offenbar hat ihre Ausbildung zwanzig Jahre lang nicht funktioniert.

Seit Sonntag ereignen sich dramatische Szenen am Flughafen von Kabul. Die Taliban haben den Flughafen mittlerweile abgeriegelt. Sie sollen Menschen zurückhalten, die keine ausländische Staatsbürgerschaft besitzen. Manchmal auch die. Führt der einzige Weg raus aus Afghanistan denn über den Flughafen von Kabul?

Wenn die Menschen eine andere Option zum Flüchten hätten, würden sie die nutzen. Aber: Der Abzug der NATO-Truppen war schon länger geplant. Warum haben Deutschland, die USA und die anderen Länder nicht daran gedacht, mindestens diejenigen mitzunehmen, die mit ihnen gearbeitet haben? Seit Jahren kommen Menschen hierher nach Deutschland und sagen, sie haben mit der Bundeswehr, mit der NATO gearbeitet und seien nun in Gefahr. Das war ein bekanntes Problem.

Und was passiert mit denjenigen, die in den letzten Wochen in Nachbarländer wie Tadschikistan geflüchtet sind? Müssen die jetzt auch Asyl beantragen und dann zwei Jahre warten, um hoffentlich eine Zusage zu bekommen? Kann man wirklich nicht ohne Bürokratie diese Personen mitnehmen und das ganze Verfahren in Deutschland laufen lassen?

Die Taliban haben eine Pressekonferenz abgehalten, geben sich verhältnismäßig gemäßigt. Sie versprechen eine Generalamnestie für ehemalige Regierungsmitarbeiter. Gleichzeitig gibt es verschiedene Videos und Berichte, von Gewalt gegenüber der Bevölkerung. Glauben Sie den Taliban?

Die Taliban werden am Anfang nichts vor den Kameras der Medien machen, nicht so lange die westlichen Länder aufmerksam sind. Sie führen ja auch gerade ein Interview mit mir. Schauen wir, was in einem Monat passiert.

Auf der Pressekonferenz wurde gesagt, man setze sich jetzt für Frauenrechte "im Rahmen der Scharia" ein. Was soll das bedeuten? Da wird etwas Schreckliches schön verpackt. Die Scharia hat sich seit der letzten Taliban-Regierung nicht verändert.

Am Anfang ihres Vormarschs haben die Taliban auf dem Land Kriegsverbrechen verübt. Die UN und die EU haben das damals verurteilt. Es wurde Konsequenzen angekündigt. Passiert ist nichts.

Sie scheinen schwer enttäuscht von der internationalen Politik zu sein.

Wir Afghanen sind auf uns allein gestellt. US-Präsident Biden hat gesagt: "Es war nicht unsere Aufgabe, Nation-Building zu betreiben", also einen neuen Staat aufzubauen. Aber hat man es nicht trotzdem gemacht? Und wenn ja, warum hat man es dann nicht gründlich gemacht?

Die Afghanen haben sprichwörtlich ihre Finger an die Wahlen verloren. Die Taliban haben den Menschen die mit Tinte markierten Finger abgeschnitten. Währenddessen waren die westlichen Länder dafür verantwortlich, wer die Wahl gewinnt.

Und Deutschland hat erst letzte Woche die Abschiebungen nach Afghanistan ausgesetzt. Wer übernimmt dafür eigentlich die Verantwortung? Herr Seehofer? Und kann eine Entschuldigung von ihm das Leben der abgeschobenen Menschen retten? Ich würde gerne so gut schlafen können wie er.

Der afghanische Botschafter in Deutschland hat sein Twitter-Profil gelöscht. Die Taliban wollen bald einen neuen Staat ausrufen. Was bedeutet das für die Afghanen und Afghaninnen hier?

Die deutsche Regierung sollte dafür eine Strategie planen. Wenn die Afghanen hier jetzt Papiere wie Geburtsurkunden oder Reisepässe brauchen, muss es in Deutschland Möglichkeiten geben, diese Dokumente zu besorgen. Etwa bei der Ausländerbehörde oder dem BAMF. Wo sollen sie sonst hin? Sie brauchen zumindest einen Blauen Pass [Reiseausweis für Geflüchtete – Anm. d. Red.].

Aber mich würde es auch nicht mehr überraschen, wenn die deutsche Regierung die Taliban-Regierung jetzt anerkennt. Die Staaten, die mit den Taliban verhandelt haben – China, Russland, die USA – haben diese Anerkennung quasi verschenkt.

Wie geht Ihr Umfeld in Afghanistan mit der Situation um?

Viele, mit denen ich Kontakt halte, sagen: "Wir müssen eigentlich raus, wir haben unsere Hoffnung verloren. Unser Land ist kein Zuhause mehr für uns." Aber sie wissen nicht, wohin. Man sieht für sich keine Zukunft. Die Taliban haben nicht nur das Land und unsere Flagge genommen, sondern unser Vertrauen und unsere Hoffnung.

Am Wochenende saß ich mit Freunden zusammen. Die hatten keinen Kontakt zu ihren Verwandten. Stellen Sie sich das vor: Sie schreiben auf WhatsApp "Wie geht es Euch?" und es kommt nichts zurück. Was für ein Gefühl ist das? Darüber kann man nicht reden.

Man denkt immer an seine Familie und ich habe keine Ahnung, was auf meine zukommt. Wir warten.

Viele Menschen in Deutschland würden gerne helfen. Welche Möglichkeiten gibt es derzeit?

Wem muss geholfen werden? Allen 32 Millionen Afghanen und Afghaninnen oder nur denjenigen, die den westlichen Streitkräften geholfen haben? Deren Regierungen sollten ihre Helfer jetzt rausholen. Aber wie soll den anderen geholfen werden? Das wurde zwanzig Jahre lang versucht. Das ist genug.

Seit den 70er Jahren laufen politische Spiele in Afghanistan. Wer an die Macht kommt in Afghanistan, muss Beziehungen zu den Nachbarländern haben, zu den USA. Es ist noch keine Regierung an die Macht gekommen, für die sich allein die Afghanen entschieden haben. Eine Regierung, die die Menschen auch am Leben erhalten wollen.

Das Gespräch fand am Mittwochmorgen statt. Laut Bundesregierung sind mehrere Hundert Menschen bereits aus Afghanistan evakuiert worden. Die ersten kamen am Mittwoch in Deutschland an. Hilfsorganisationen schätzen aber allein die Zahl der Ortskräfte in Afghanistan deutlich höher ein als die Bundesregierung.

#MDRklärt Darum werden Ortskräfte aus Afghanistan nach Mitteldeutschland gebracht

Zur Zeit werden sogenannte Ortskräfte aus Afghanistan nach Mitteldeutschland gebracht, um dort Schutz vor den Taliban zu finden. Doch warum und was sind Ortskräfte? Das zeigt #MDRklärt.

Darum werden Ortskräfte aus Aufghanistan in Mitteldeutschland aufgenommen
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Darum werden Ortskräfte aus Aufghanistan in Mitteldeutschland aufgenommen
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Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in den USA, begann der Afghanistan-Krieg. Truppen aus mehreren Ländern, darunter auch Deutschland, wurden 20 Jahre lang vor Ort stationiert, um gegen die radikal-islamischen Taliban zu kämpfen.
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Hilfe haben die Truppen von sogenannten Ortskräften erhalten. Also Afghan*innen, die entweder direkt oder indirekt bei der Bundeswehr beschäftigt waren. Zum Beispiel als Dienstleister*in, Fahrer*in oder Übersetzter*in vor Ort.
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Nun ziehen sich nach zwei Jahrzehnten die internationalen Truppen nach und nach aus dem Land am Hindukusch zurück. Die Taliban erobern nun das Land zurück. Am Montag wurde die Hauptstadt Kabul erobert.
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"Der Krieg in Afghanistan ist vorbei! Wir versichern allen, dass wir für die Sicherheit der Bürger und der diplomatischen Vertretungen sorgen werden." Sprecher des Taliban-Politbüros, Mohammad Naeem, im Sender Al-Dschasira. Die Taliban verkündeten eine Strafmilderung für diejenigen, die für die Regierung oder ausländische Kräfte gearbeitet haben. Doch aus eroberten Gebieten gibt es bereits zahlreiche Berichte über Vergeltungsmorde.
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Das Leben der Ortskräfte ist so in Gefahr. Sie sollen deshalb nun außer Landes und damit in Sicherheit gebracht werden – unteranderem nach Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen.
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Über den Autor Thomas Vorreyer arbeitet seit Herbst 2020 für MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Schwerpunkte sind Politik, Gesellschaft und investigative Recherchen. Er ist in der Börde und in Magdeburg aufgewachsen, begann anschließend ein Politikstudium in Berlin. Zuletzt hat er als Redakteur und Reporter beim Online-Magazin VICE.com gearbeitet. In Sachsen-Anhalt ist er am liebsten an Elbe, Havel oder Bode unterwegs.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 19. August 2021 | 12:00 Uhr

60 Kommentare

Rico Marbach vor 8 Wochen

Ich teile die Auffassung der US-Administration. Um Afghanistan müssen selbstverständlich Afghanen kämpfen. Ich finde es ehrlich gesagt eine Unverschämtheit, wenn hier von seiten einer bestimmten Öffentlichkeit das weitere Engagement Deutschlands gefordert wird und von seiten der Afghanen kommt gar nichts - außer natürlich, das Ziel hierher zu kommen. Vielleicht hätten viele junge Männer die den Weg hierher gesucht, auch gefunden haben, besser daran getan ihr eigenes Land zu verteidigen. Diese Möglichkeit besteht auch aktuell; wenig wird darüber berichtet, dass sich der vormalige Vizepräsident mit einiger Unterstützung aus Kabul zurückgezogen hat und Truppen sammelt...

Wessi vor 8 Wochen

nö @ knarf2, da lasse ich mir nicht was einreden.Die Terroristen regierten.Das Volk hat die Konsequenz zu tragen, denn man hat mitgemacht.Nicht anders als bei uns 1945!Meiner Meinung nach hat die Besetzung ab 2001 mit viel zu wenig Truppen statt gefunden!Beispiel DDR: die sowjetischen Befreier blieben in größerer Anzahl+länger. Resultat: mehr Naziverbrecher wurden adäquat abgeurteilt! (leider viel zu wenig, sonst gäbe es heute da keine solchen Erfolge für rechtsextremistischen "Mist"!Die Welt ist heute real globalisiert+ unsere Freiheit muß am Hindukush verteidigt werden...heute noch mehr als damals! Der Fehler indeß ist, daß die christlich geprägte westliche Zivilisation die Afghanen mit unserer Kultur beglücken wollte.

knarf2 vor 8 Wochen

Wessi:Hier sind Sie glaube ich im Irrtum.Die Angriffe auf die USA 2001 wurden doch von Einzelpersonen durchgeführt und nicht vom afghanischen Volk!Also war die Besetzung des Landes eigentlich gegen Völkerrecht zumal die kriminellen Lenker des Angriffs auf die USA sich in den Nachbarstaaten Afghanistans versteckten! Terrorismusekämpfung war wohl auch ein Vorwand.

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