Corona-Pandemie Bildungsminister Tullner über nächstes Schuljahr: Bei Luftfilter-Debatte auf Wissenschaft hören

Die Diskussion darüber, wie die Schulen sich am besten auf den Herbst vorbereiten, sind in vollem Gange. Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) will dabei auf die Wissenschaft hören, vor allem in der Luftfilterdebatte. Neben der Corona-Pandemie seien auch der Lehrermangel und die Digitalisierung Herausforderungen für den Bildungsbereich.

MDR SACHSEN-ANHALT: Corona wird uns so schnell nicht loslassen. Was unternehmen Sie, damit das nächste Schuljahr sicher anläuft?

Marco Tullner: Wir werden zunächst alle Erkenntnisse auswerten, die wir zur Verfügung haben. Es gibt ja Bundesländer, wie Mecklenburg-Vorpommern, die in 14 Tagen schon wieder mit der Schule anfangen. Und wir werden dann auch die Entwicklung der Inzidenzen, Delta-Variante, etc. sehr genau über die Ferien analysieren.

Fakt ist: Stand heute werden wir auf jeden Fall mit einer vollständigen Testung in das neue Schuljahr starten, wollen dann aber mit einer wissenschaftlich basierten Stichprobe umstellen auf ein Stichproben-Testmodell. Parallel dazu werden alle anderen Maßnahmen ergriffen, um Schule möglichst sicher zu machen.

Eine mögliche Maßnahme sind Luftfilter. Was sagen Sie zu denen?

Die Wirksamkeit von Luftfiltern bleibt ambivalent und in der Wissenschaft durchaus umstritten. Wir sind gut beraten, hier auf die Experten zu hören. Die letzten Expertisen, die uns vorliegen, was das Landesamt für Umweltschutz und auch das Umweltbundesamt angeht, sagen, dass wir in bestimmten Kategorien von Räumen mit solchen Geräten arbeiten.

Der Bund hat ein Förderprogramm aufgelegt. Sachsen-Anhalt wird die fehlenden Co-Finanzierungsmittel bereitstellen, sodass die Kommunen als Schulträger eine hundertprozentige Finanzierung für diese Geräte bekommen. Und wenn diese Dinge klar sind, werden wir die auch bereitstellen, beziehungsweise dafür sorgen, dass Kommunen sie bereitstellen können.

Eva Gerth von der Lehrergewerkschaft hat uns Folgendes gesagt: "Wir erwarten auch, dass das schnell geht. Dass man jetzt nicht erst die Hausmeister durch die Schulen schickt und guckt, ob ein Luftfilter gebraucht wird, sondern, nachdem jetzt ausreichend diskutiert worden ist, dass das schnellstens umgesetzt wird." Werden dann in sechs Wochen in allen Klassen Luftfilter stehen?

Wer idealtypische Verhältnisse einfordert auf wissenschaftlich brüchigen Grundlagen, wird enttäuscht werden. Das will ich ganz klar sagen. Die wissenschaftliche Expertise sagt ganz eindeutig, dass wir die Räume vorher analysieren müssen, ob sie gut, schlecht oder gar nicht lüftbar sind. Da muss ich sagen, vertraue ich lieber auf Experten als auf wohlwollende Meinungen von anderen und deswegen wird es ein bisschen dauern. Die Schulträger müssen die Analyse erst machen, wir müssen die Geräte anschaffen, die Geräte müssen lieferbar sein, sodass ich optimistisch bin, dass wir Geräte zur Verfügung haben werden, aber ob wir eine flächendeckende Versorgung in den Räumen haben, wo es notwendig und sinnvoll ist, da mache ich mein Fragezeichen.

Zusätzlich sollen alle Klassenzimmer mit CO2-Messgeräten ausgestattet werden, die den Lehrerinnen und Lehrern signalisieren sollen, wann sie lüften sollen oder nicht. Herr Tullner, heißt das nicht einfach nur, dass die meisten Klassen auch im nächsten Jahr wieder in der Zugluft sitzen?

Wir wissen Stand heute nicht, wie der Herbst wird. Wir können Vermutungen anstellen, es gibt Hochrechnungen, aber niemand weiß es verlässlich. Wir sind auf alle Dinge bestmöglich vorbereitet. Wir haben allen Lehrern in Sachsen-Anhalt als erstes Bundesland ein Impfangebot gemacht. Das hat die überwiegende Anzahl der an Schulen Tätigen auch angenommen.

Wir arbeiten mit den bekannten Hygienemaßnahmen und das Lüften wird eine wesentliche Komponente sein, das Lüften als Fenster-, Stoß- und Querlüften. Und wir werden verstärkend dazu jetzt die technischen Möglichkeiten nutzen, die von der Wissenschaft als sinnvoll erachtet werden. Denn niemand möchte am Ende ein Gerät in der Schule haben, das eine Wirkung vortäuscht oder gar schädlich ist. Deswegen müssen wir hier sehr achtsam und sorgsam auf die Wissenschaft hören, mehr auf Fakten hören und weniger auf Gefühle.

Abgesehen von der Corona-Pandemie prägt der Lehrermangel den Schulalltag in Sachsen-Anhalt. Wie läuft die aktuelle Einstellungswelle für Lehrerinnen und Lehrer?

Das Einstellungsgeschäft, so will ich es mal salopp formulieren, ist auch während der Corona-Pandemie weitergelaufen. Wir haben insgesamt in dieser Wahlperiode über 5.000 Kolleginnen und Kollegen neu eingestellt, die aber durch die Abgänge von Kolleginnen und Kollegen und Schwangerschaften, Krankheit, etc. natürlich in der Balance zu sehen sind. Und wir werden auch in diesem Jahr deutlich über 1.000 Kolleginnen und Kollegen einstellen und damit systematisch das Thema Lehrermangel weiter abarbeiten. Aber es bleibt ein schweres Geschäft und auch hier werden wir in den nächsten Jahren weiter hart arbeiten müssen.

Falls es jetzt doch wieder hart auf hart kommen sollte: Zu wie viel Prozent sind denn die Schulen mit digitalen Endgeräten ausgestattet?

Wir haben circa 45.000 Endgeräte für Schülerinnen und Schüler. Wir haben knapp 200.000 Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt. Also ist knapp ein Viertel mit den Geräten ausgestattet. Die Programme sind vollständig abgeschlossen, sodass wir hier eine gute Grundversorgung haben. Zum Schuljahresstart werden alle Kolleginnen und Kollegen ein Dienstgerät zur Verfügung gestellt bekommen. Die Geräte sind faktisch da und werden gerade eingerichtet. Der Bildungsserver ist ertüchtigt, indem wir ihn auf die neuen Strukturen umgezogen haben. Wir haben eine Fülle von inhaltlichen Angeboten, die helfen, Unterricht interessanter, relevanter und auch zielführender zu machen.

Sachsen-Anhalts Schulen sind im Bereich der Digitalisierung deutlich besser aufgestellt als in den vergangenen Monaten. Aber auch hier sind Baustellen. Die Schulen ans Glasfasernetz anzuschließen, dauert bis Ende 2022. Die digitale Infrastruktur in den Familien zu Hause ist nicht überall so, dass wir flächendeckend von einer Grundversorgung sprechen können. Auch hier werden wir noch weitere Hausaufgaben haben. Aber insgesamt sind wir einen großen, großen Schritt vorangekommen.

MDR/Fabienne von der Eltz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. Juli 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

ule vor 4 Tagen

Da tut sich ein neuer und ein teurer Markt auf.
Die Geräte sind nicht nur teuer, sondern müssen auch teuer gewartet werden. (Folgekostenberechnung)
Das kann darauf hinauslaufen , dass die Geräte nahezu wöchentlich gereinigt werden müssen - Das ist wie bei einem Staubsauger.

Wissenschaftlicher, weniger spektakulär und dafür nachhaltiger, wäre eine komplett Gebäude- Belüftungsanlage die auch einen kompletten Luftaustausch innerhalb der Klassenzimmer und des Gebäudes (inc. Toiletten; Flure ; Nebenräume) realisiert.

Hier sollte man mal, auch wenn es etwas unpassend erscheint, dafür aber bereits hochbewährt, einen Blick in die Massentierhaltung bei der Landwirtschaft werfen. Die arbeiten dort mit hocheffektiven Lüftungsanlagen, (Luftaustauschvorrichtungen) .
Auf großen Passagier-Schiffen, im Flugzeugen oder sehr hohen Gebäuden ist es nicht anders .

Warum also die teuren, reparaturanfälligen Kleingeräte ?
Will man damit die Wirtschaft beleben ?

Mehr Politik in Sachsen-Anhalt