Neuer Parteivorsitzender Sachsen-Anhalts CDU-Basis setzt große Hoffnungen in Merz

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Vor einer Woche wurde Friedrich Merz zum neuen CDU-Parteivorsitzenden gewählt. Immerhin brauchte er drei Anläufe und eine verlorene Bundestagswahl, um die Führung der Partei zu übernehmen. Wäre es nach Sachsen-Anhalts CDU gegangen, dann hätte wohl Merz auch die CDU in den Wahlkampf geführt. Wie ist nun die Stimmung an der Parteibasis eine Woche nach der Wahl? Uli Wittstock war in Haldensleben.

Friedrich Merz
CDU-Chef Friedrich Merz gilt als der neue starke Mann der Christdemokraten. Bildrechte: IMAGO / Chris Emil Janßen

Wenn Politik Beziehungsmanagement ist, dann gilt das für die Kommunalpolitik in besonderem Maße. Wer sich in Städten wie Haldensleben politisch engagiert, der spürt unmittelbar die Folgen seiner Entscheidungen, wenn es um Radwege, Kitasanierungen, Schulstandorte oder Bushaltestellen geht. Ständig gilt es etwas auszuhandeln, einzufädeln oder auch zu verhindern. Und dazu muss man miteinander reden.

Es ist Mittwochabend, 20 Uhr, der 1. FCM siegt gerade ziemlich eindeutig in Duisburg und in der Bülstringer Straße Nummer 40 brennt noch immer Licht. Hier befindet sich das Wahlkreisbüro von Tom Teßmann. Eine Handvoll CDU-Mitglieder sitzt um einen großen Besprechungsstisch, die Kaffeetassen sind leer, einige Schinkenbrote sind noch übrig. Der offizielle Teil des Abends ist vorbei.

Neuanfang mit über 60-Jährigen?

Obwohl Tim Teßmann sich schon seit einem halben Jahr im Magdeburger Landtag für die Belange seines Wahlkreises einsetzt, wirkt das Büro noch ziemlich vorläufig. Von der Decke hängen nackte Birnen, ein paar Wahlplakate lehnen an der Wand und außer einem verlorenen Jahreskalender sind die Wände schmucklos. Er habe noch keine Zeit gehabt, sich richtig im Büro einzurichten, sagt Teßmann.

Doch auch für die Partei sind es bewegte Zeiten, denn die Christdemokraten müssen sich nun bundespolitisch an die Oppositionsrolle gewöhnen und sich zugleich für jüngere Wählerschichten attraktiv machen. Doch ist da ein über 60-Jähriger als Parteichef das richtige Signal für einen Neuanfang? Tim Teßmann sieht da kein Problem: "Natürlich kann auch ein über 60-Jähriger jugendlich wirken. Ob das jetzt bei ihm so ist? Darüber habe ich mir noch nicht so Gedanken gemacht. Aber man muss auch sagen, er steht ja derzeit außerhalb der Partei nicht zur Wahl."

Nachrichten

Anja Maier und Malte Pieper 29 min
Bildrechte: MDR/Isabel Theis/Imago/Ute Mahler/Agentur Ostkreuz
29 min

Der neue CDU-Chef Merz war für viele immer nur dieser Typ aus den '90ern. Nun könnte 2022 sein Jahr werden. Muss es auch - aus CDU-Sicht.

Mo 03.01.2022 08:00Uhr 29:29 min

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Merz soll die Partei einen

Wie der neue Parteichef in der Öffentlichkeit ankommt, scheint keine große Rolle bei den Haldensleber CDU-Mitgliedern zu spielen. Derzeit ist es wohl wichtiger, Ruhe in die eigenen Reihen zu bringen. Das zeigt sich exemplarisch im Streit um Max Otte, dem Chef der Werteunion, der sich als CDU-Mitglied von der AfD als Kandidaten für die Wahl zum Bundespräsidenten aufstellen ließ.

Auch wenn sich in der Haldensleber CDU niemand offiziell dazu äußern will, so wird doch schnell deutlich, dass alle zufrieden sind über die klare Haltung des neuen Parteivorstands. Die von Merz angekündigte scharfe Abgrenzung zur AfD findet hier deutlichen Zuspruch.

Was ist konservativ?

Die einzige Frau in der Runde ist Anke Fricke, Unternehmerin und Kreisvorsitzende der einflussreichen CDU-Mittelstandsvereinigung. Dass Merz ein Mann der Wirtschaft ist, ist aus ihrer Sicht ein klarer Vorteil, so Fricke. Doch zugleich erhofft sich so mancher auch ein klareres konservatives Profil der Partei, vor allem in den ostdeutschen CDU-Landesverbänden. Wohl auch deshalb hat Friedrich Merz hier viele Anhänger.

Doch was ist eigentlich konservativ? Das scheint auch weiterhin in der Partei ungeklärt zu sein. Anke Fricke formuliert es diplomatisch: "Also konservativ ist ja ein weit gefasster Begriff. Jeder versteht da vielleicht auch sogar etwas anderes darunter. Ich denke schon, dass jetzt wirklich klare Kante auch gefordert ist. Dafür ist Friedrich Merz der Mann, den wir uns auch erhofft haben. Hierzu eine klare Abgrenzung auch als Oppositionspartei."

"CDU muss moderner werden"

Verbunden mit der Person Merz ist auch die Hoffnung, dass es auch mit den Mitgliederzahlen der CDU wieder bergauf geht. Allerdings hat es in Haldensleben eine Art vorgezogenes "Merz-Wunder" gegeben. Im letzten Jahr gab es immerhin 20 Parteieintritte in der Kreisstadt, so dass es nun in Haldensleben 80 CDU-Mitglieder gibt. Von westdeutschen Mitgliederzahlen ist man dennoch weit entfernt.

Landtagsabgeordneter Teßmann hofft, dass der Mitgliedertrend in Haldensleben anhält: "Mit Friedrich Merz wird man vielleicht auch den einen oder anderen wieder mehr zurückgewinnen, weil sich gerade hier in Sachsen-Anhalt ihn viele gewünscht haben als Parteivorsitzenden. Aber Sie sprechen das ja auch oft an: Die CDU musste sich verändern. Sie muss moderner werden, sie muss offener werden und auch neue Dinge und neue Diskussionen zulassen. Und sie muss natürlich auch jungen Köpfen die Chance geben, sich zu entfalten."

Im digitalen Abseits

Mit seinen 32 Jahren ist Tim Teßmann der jüngste Abgeordnete der CDU-Fraktion und von Beruf studierter Sozialarbeiter, was in der CDU ein eher ungewöhnliches Berufsbild ist. Für ihn ist klar, dass die Christdemokraten in einigen Bereichen den Anschluss verloren haben. Bei der Bundestagwahl ging der Wahlkreis Börde-Jerichower Land an die SPD und auch bei den Zweitstimmen lag die SPD in Haldensleben vorn.

Dass insbesondere der Kontakt zu den jüngeren Wählergruppen fehlt, habe auch etwas mit mangelnder Präsenz im Digitalen zu tun, so Teßmann: "Es hört sich jetzt vielleicht banal an. Aber man muss vielleicht nachdenken, wo ich mich als Partei präsentiere. Die soziale Plattform TikTok zum Beispiel, nehme ich sie dazu oder nicht? Umfragen haben gezeigt, dass gerade die FDP so stark bei den jüngeren Wählern war, weil sie zum Beispiel TikTok als Plattform stark genutzt hat. Wir waren auf Facebook unterwegs oder haben Instagram genutzt. Und da muss man vielleicht auch genau beobachten, wie erreiche ich meine Wähler? Und mit welchen Inhalten erreiche ich sie?"

Die ostdeutschen CDU-Kreisvorsitzenden haben nach der verlorenen Bundestagswahl einen Ostgipfel der Partei verlangt. Eine Forderung, die noch nicht von Tisch ist. Zwar waren die letzten Landtagswahlen für die CDU in Sachsen-Anhalt durchaus erfolgreich, doch nun fehlt der Berliner Rückenwind in der Magdeburger Staatskanzlei.

Das zeigte sich exemplarisch bei der Debatte um einen früheren Kohleausstieg und dürfte sich wohl beim Streit um die Pipeline NordStream 2 fortsetzen. Machtverlust bleibt nie folgenlos.

MDR (Thomas Tasler)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 29. Januar 2022 | 12:00 Uhr

5 Kommentare

DER Beobachter vor 21 Wochen

Naja, es hat sicher Gründe, warum ausgerechnet Ost-CDU- und Ost-AgD-Fans den wirtschaftsliberalen "konservativen" "mittelständischen" Millionär hofieren, der bisher auf Wertekonservatismus, Mittelstand, liberale Werte, Frauen, Ostdeutsche und Arme schiss und auch in der CDU deswegen nur als vorübergehend behandelt wird, jedenfalls nicht als Kanzlerkandidat. Wobei ich es durchaus als interessant finde, dass er nun doch bspw. ostdeutsche CDU-Frauen und die CDA zu bewerben versucht...

W.Merseburger vor 21 Wochen

Friedrich Merz ist zweimal von Merkel und mit einer geringen Mehrheit der "Merkel Freunde"bei Wahlen verhindert worden. Das hat der CDU bezüglich der Wahlen zum Bundestag sehr geschadet. Selbst bei einem Kandidaten Söder hätte die CDU ein besseres Ergebnis erzielt. Ich hoffe, dass Merz eine politisch erfrischende Oppositionsarbeit leisten wird und die fragile Ampel Koalition vor sich hertreiben kann. Allerdings muss sich die CDU unter Merz entscheiden, ob sie eine eigenständige Europapolitik anstrebt oder die verlängerte Werkbank von US-Interessen sein will.

Britta.Weber vor 21 Wochen

Ich bin hinsichtlich von Merz eher skeptisch. Selbst wenn er eine Erneuerung will (was nicht klar ist), er hat es mit der alten CDU zu tun, die den desaströsen Merkelkurs mitgetragen hat und Frau Merkel mit 10-minütigen Klatschorgien gefeiert hat.

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