Existenzgründer haben keine Chance Wirtschaft während Corona: Traum endet in Insolvenz

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Mit einer nachhaltigen Eventagentur wollten Torsten Ehrling und Vincent Schiefke in Magdeburg durchstarten. Dann kam die Corona-Krise und ihr Start-up zündete nie. Obwohl der Bund die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt hat, mussten die Gründer im November Insolvenz anmelden. Hier erzählen sie, warum das unvermeidlich war.

Die beiden Gründer Torsten Ehrling (rechts) und Vicent Schiefke
Torsten Ehrling (rechts) und Vicent Schiefke bei der Auftaktveranstaltung für ihre eigene Event-Agentur. Viele weitere Abende sollten nicht folgen Bildrechte: Privat

Die Idee war einfach, aber überzeugend. Eine nachhaltige Event-Agentur sollte es sein. Der Strom aus Wind- und Sonnenkraft, keine Strohhalme aus Plastik, faire Bezahlung aller Beteiligten – so hatten Torsten Ehrling und Vincent Schiefke sich das vorgestellt.

Anfang November 2019 gründeten die beiden die Firma "Event On" in Magdeburg. Ein Jahr später zog Corona dem Gründer-Traum den Stecker. Der Fall der beiden zeigt: Nicht nur Traditionsbetriebe kämpfen derzeit um das wirtschaftliche Überleben, auch wer den Neustart wagte, muss um seine kleine Existenz bangen – und kann durch das weite Netz der Corona-Hilfen fallen.

Der erste Lockdown erwischte die Firma mitten in der Aufbauphase

10.924 Gewerbe wurden 2019, im Jahr vor der Pandemie, in Sachsen-Anhalt angemeldet. Das heißt fast 11.000-mal Hoffnung auf ein gutes Geschäft. Doch die allermeisten Neugründungen bestanden kein ganzes Jahr, bevor auch sie die Krise erwischte.

Ehrling und Schiefke kommen aus Sachsen-Anhalt, wollten in der Heimat durchstarten. Ehrling (37) hat einst eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerwirtschaft gemacht, war dann zwölf Jahre beim Bund, holte sein Abitur nach. Schiefke (22) und er haben sich während des Studiums im sächsischen Riesa kennen gelernt. Hier an der Berufsakademie organisierten sie Mensa-Partys, beschlossen dann, gemeinsam ihr erstes Unternehmen zu gründen.

Die Wirtschaft während Corona: Am Montagabend bei Fakt ist! im MDR Fernsehen

"Teurer Lockdown – wie viel Stillstand kann sich Deutschland leisten?" – unter diesem Titel steht die Sendung von Fakt ist! Aus Magdeburg am Montag, 22:10 Uhr, im MDR. Moderatorin Anja Heyde diskutiert dafür mit Armin Willingmann (SPD, Wirtschaftsminister Sachsen-Anhalt), Dietmar Bartsch (Die Linke, Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag) und Prof. Reint Gropp (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle). Außerdem zu Gast: die Ladenbetreiberin Betsy Peymann, die Gastronomin Christina Lich, der Steuerberater Hilmar Speck sowie der Veranstalter und Vertreter von "Alarmstufe Rot" Dirk Wöhler.

Event On ist ihr Uni-Projekt. Ehrling und Schiefke haben ein duales Studium in BWL/Dienstleistungsmanagement mit einem speziellen Fokus auf Event- und Sportmanagement absolviert. Sie machten eine Marktanalyse, ermittelten die Stärken und Schwächen ihrer Idee. Am Ende waren sie sich sicher, mit nachhaltigen Veranstaltungen eine noch unbesetzte – und damit erfolgsversprechende – Nische in Magdeburg gefunden zu haben. "Wir haben da eine Chance gesehen, vor der Politik zu sein", sagt Vincent Schiefke. Das sahen auch ihre Dozenten so.

Ihre Firma nannten sie "Event On". Ehrling bezog als Geschäftsführer ein kleines Büro am Magdeburger Wissenschaftshafen. Kindergeburtstage, Jugendweihen, Hochzeiten für Privatkunden, Firmenfeste, Tage der offenen Tür und Eventmarketing für professionelle Kunden: Die beiden boten das volle Programm an. Eine Bank gab ihnen den dafür nötigen Existenzgründerkredit. 80.000 Euro wollten sie im ersten Jahr umsetzen. Doch selbst dieses bescheidene Ziel sollten sie verpassen.

Ende Februar 2020 machten sie einen Testlauf: die Launch-Party von Event On im Wasserturm in Salbke. Es gab ein eigenes Kinderprogramm, am Eingang wurden Spenden für den WWF gesammelt, nur wenig Müll fiel an. "Darauf konnten wir aufbauen", so Ehrling. Erste kleine Aufträge gingen ein.

Und dann ging plötzlich nichts mehr. Am 10. März wurden die ersten Corona-Infektionen in Sachsen-Anhalt nachgewiesen. Einen Tag später untersagte die Landesregierung Großveranstaltungen. Nochmal eine Woche darauf trat die erste Eindämmungsverordnung in Kraft. Kaum jemand war mehr zu feiern zumute – und selbst wenn: Es war nicht mehr erlaubt. "Auf Partys aller Art werden wir wohl leider länger verzichten", sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Anfang April.

"Wir waren in einer Schockstarre", erinnert sich Schiefke. "Unser Business-Modell, an dem wir ein Jahr gearbeitet hatten, konnten wir nach zweieinhalb Monaten in die Tonne kloppen." Zwar bekamen sie die erste Corona-Soforthilfe. Die deckte allerdings nur die laufenden, geringen Betriebskosten. Ehrling kann als Gesellschafter auch kein Kurzarbeitergeld für sich beantragen.

Warum eine neue Produktidee scheitert und die Überbrückungshilfen nichts brachten

Die beiden berappelten sich. Ehrling konnte im Sommer bei Veranstaltungen auflegen. Für einen Bräutigam organisiert er eine eindrucksvolle Lasershow, um damit bei der Hochzeit zu beeindrucken. Keine große Finanzspritze, aber eine Spritze Hoffnung. Und sie haben eine neue Idee: Wenn Veranstaltungen nicht in großem Rahmen stattfinden können, kann doch wenigstens daheim im Kleinen ordentlich gefeiert werden. Gemeinsam mit einer anderen Partner stellten sie dafür Party-Pakete zusammen, die Kunden sich nach Hause liefern lassen können.

20 Frauen und Männer stehen mit Mund-Nasen-Schutz bei einer Kundgebung vor der Staatskanzlei in Magdeburg.
Proteste der Kulturszene, wie hier im Oktober 2020 vor der Staatskanzlei in Magdeburg, haben Ehrling und Schiefke online unterstützt Bildrechte: MDR/Guido Hensch

Doch Schiefke, der sich um das Online-Marketing kümmerte, stößt bald auf Probleme. Zu einem werben krisenbedingt immer mehr Unternehmen online, die Preise gehen dafür gehen hoch. Es ist schwer, für das neue Angebot die richtigen Zielgruppen zu finden. Zum anderen kippt die allgemeine Stimmung. In den Kommentaren auf Facebook hätten sich mehr und mehr Leute getummelt, die den beiden Verantwortungslosigkeit vorwerfen, sagt Schiefke.

Fünf bis sechs Tausend Euro wollen sie investiert haben, am Ende haben sie nur ein paar Pakete verkauft. Das Lager blieb voll. Ende Oktober stellten sie das Angebot ein. In dieser Zeit fiel ihre Firma bei der ersten und zweiten Corona-Überbrückungshilfe durch das Raster. Man erfüllte als Neugründung die Vorgaben nicht. Die dritte Überbrückungshilfe ist dann weit genug gefasst, dass auch Ehrling sie beantragen hätten können. Ein Steuerberater rechnete durch. Maximal 700 Euro hätte es gegeben. Bestenfalls ein Pusten auf den heißen Stein.

Deshalb hilft dem kleinen Unternehmen auch nicht, dass die Bundesregierung die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt hat. Denn die gilt weiterhin für all jene, denen keine Hilfen zustehen oder wenn diese ihnen nur "unzureichend" helfen würde.

Wie am Ende die Bank das Ende des Unternehmens besiegelte

Den Stecker zog ihnen aber die Hausbank. Die hatte zu Beginn der Krise zugestimmt, die Tilgungen des Kredits für ein paar Monate auszusetzen. Als Ehrling sich Anfang November erkundigte, ob man der Firma ein weiteres Mal entgegenkommen könnte, wird er abgewiesen. Die Bank ahnte wohl längst, dass auch 2021 kein normales Jahr für die Veranstaltungsbranche werden wird. Einen Tag später kündigte Bank fristlos den Kredit. In der Woche darauf pfändet sie das Konto. So erzählt es Ehrling.

Von einem Tag auf dem anderen ist Ehrlings und Schiefkes Firma 75.000 Euro in den Miesen. Ein Jahr nach der Gründung war klar: Event On hat keine Zukunft. Ehrling meldete die Insolvenz an. Am 27. Januar 2021 ließ das Amtsgericht das Insolvenzverfahren eröffnen. Ein Magdeburger Rechtsanwalt verwaltet nun, was übrig blieb. Die Firma ist offiziell Geschichte.

Sind die Maßnahmen der Bundesregierung damit nutzlos? Im November, dem Monat, in dem Ehrling seinen Insolvenzantrag gestellt hat, gab es mehr als ein Viertel weniger Unternehmensinsolvenzen als noch ein Jahr zuvor – sagt das Statistische Bundesamt. Das große Firmensterben blieb in Deutschland also zumindest aus; vorerst.

Vincent Schiefke lebt derzeit noch in Düsseldorf, wo er ein duales Studium des Kommunikationsmanagements drangehängt hat. 2022 hätte er eigentlich voll in Magdeburg in der Firma einsteigen wollen. Daraus wird nun nichts.

Torsten Ehrling ist zertifizierter Nachhaltigkeitsmanager. "Das kann mir keiner nehmen", sagt er. Seine Familie hat ihm über den Winter geholfen. Mittlerweile macht er ein Praktikum bei einem anderen Unternehmen, ganz andere Branche. Dass er nochmal hauptberuflich Veranstaltungen organisiert, glaubt er nicht.

Er ist enttäuscht von der Politik, hätte sich gewünscht, dass diese noch mehr Hilfen für Start-ups und die Veranstaltungsbranche bereitgestellt und Entscheidungen verlässlicher kommuniziert hätte. Dabei hatten Ehrling und Schiefke mit ihrer nachhaltigen Event-Agentur ja eigentlich "vor der Politik" sein wollen.

MDR, Thomas Vorreyer

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Fakt ist! Aus Magdeburg | 22. Februar 2021 | 22:10 Uhr

4 Kommentare

ule vor 30 Wochen

Es ist in Deutschland nahezu unmöglich, sich ohne eine Stange Eigenkapital, sich in der Dienstleistungsbranche selbstständig zu machen. Der Druck, der übers Internet und von außen kommt, ist erheblich. Selbst die Abhängigkeit von einer Bank, kann einen jeden Jungunternehmer mit Leichtigkeit zu Fall bringen.
Und wenn du schon über 40-50 Jahre alt bist, dann ist dieser Prozeß, hin zu Selbständigkeit, doppelt so schwer.

Hier ist die Politik gefordert, endlich Entscheidungen zu treffen, die das Jungunternehmertum, insbesondere im Dienstleistungssektor auf lokaler Ebene schützt. Nicht nur dass das Geld, welches dabei erwirtschaftet wird, dann in der Heimat bleibt, es trägt auch zum sozialen Frieden bei, wenn die Eigentums- und Selbständigkeitsquote wieder ansteigt.

Was mich dabei besonders ärgert, dass gerade Handwerkskammer oder IHK dabei, wie in einer Blase gefesselt, operieren.


Realist62 vor 30 Wochen

Man kann doch davon ausgehen, daß die Kulturbranche in Sachsen-Anhalt auch schon vor Corona gut aussah. Die beiden sollten doch eher etwas anderes machen. In den anderen Wirtschaftsbereichen gibt es bestimmt gute Möglichkeiten für gut ausgebildete Manager in Sachsen-Anhalt.

jackblack vor 30 Wochen

Und da werden sie nicht die Letzten sein, aber Hilfe ist in Sicht, die Bundestagsabgeordneten verzichten ab Juli auf S E C H Z I G Euro, endlich mal ein ECHTES Opfer. LOL

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