Diskussion im Landtag Gespräche für ein Magdeburger "Großkrankenhaus" nehmen Fahrt auf

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das Universitätsklinikum und das Städtische Klinikum in Magdeburg wollen zusammengehen. So soll das Aus eines der beiden Häuser verhindert werden. Der Plan hat viele Unterstützer in der Stadt- und Landespolitik. Nur von einer "Fusion" will niemand sprechen. Denn die hätte schwere Konsequenzen bis in den Süden Sachsen-Anhalts.

Magdeburg soll ein "Großkrankenhaus" bekommen. Das landeseigene Universitätsklinikum und das Städtische Klinikum in Olvenstedt wollen zusammengehen. Am Mittwoch informierte die Stadt über die Pläne. Zunächst soll ein Grundlagenvertrag erarbeitet werden. "Ziel ist es, spätere Doppelstrukturen zu vermeiden", lässt sich Magdeburgs Oberbürgermeister Trümper zitieren. Er hat die Pläne mit angeschoben.

Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT soll ein solcher Grundlagenvertrag nach der Wahl der nächsten Landesregierung zeitnah vorgelegt werden. Denn im Falle des Uniklinikums beeinflussen die Überlegungen auch einige millionenschwere Bauvorhaben. Auch wurden in dieser Woche bereits erste Bedenken angemeldet.

Engere Kooperation soll Überleben beider Klinika sichern

Die Vorstände der beiden großen Klinika sprechen bereits seit Jahren über eine engere Kooperation. Seit man im März 2020 ein gemeinsames Memorandum unterzeichnet hat, bearbeitet man für dieses Ziel auch Stadt- und Landespolitik, unter anderem mit einer Infoveranstaltung Anfang vergangenen Oktobers im Stadtrat. Denn, so sagen es gleich zwei Gutachten: Gehen Uniklinikum und Olvenstedt nicht aufeinander zu, wird am Ende einer nicht überleben. Beide kämpfen nicht nur mit immer weiter steigenden Kosten, sondern schon jetzt regelmäßig um dasselbe Personal. Eines der Gutachten hatte deshalb 2017 resultierende Kosten von bis zu 150 Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre prognostiziert.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU/ l) und der Chef des Uniklinikums, Hans-Jochen Heinze, unterhalten sich vor dem Landtag.
Der Ärztliche Direktor des Uniklinikums Magdeburg, Prof. Dr. Heinze (rechts), pflegt einen guten Kontakt in die Politik Bildrechte: dpa

Vor einem "ernsthaften, grundlegenden Versorgungsproblem" warnte der Ärztliche Direktor des Uniklinikums, Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze, bei MDR SACHSEN-ANHALT. Ein "Zusammengehen" der beiden Häuser solle die "bestmögliche Versorgung für Magdeburg und den Norden Sachsen-Anhalts gewährleisten". Ein größeres Klinikum wäre zudem attraktiver für Top-Spezialisten.

Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD) unterstützt die Kooperationspläne. "Ich finde das gut", sagt er MDR SACHSEN-ANHALT. Man befinde sich zwar noch in einem frühen Stadium, die Politik werde den Prozess aber eng begleiten. Willingmann ist der Aufsichtsratsvorsitzende des Universitätsklinikums.

Von einer "Fusion" will niemand sprechen – die hätte weitreichende Folgen für das ganze Land

Das böse Wort heißt nun "Fusion". Eine solche könnte weitreichende Folgen für ganz Sachsen-Anhalt haben. Das wurde am Donnerstag im Wissenschaftsausschuss des Landes deutlich. Dort befragten die Abgeordneten Landesregierung und Klinikumsvorstände zu den Plänen.

Ein de facto vergrößertes Uniklinikum müsste in Magdeburg nach derzeitiger Gesetzeslage 150 Medizinstudierende mehr pro Jahr ausbilden. Der Wissenschaftminister beziffert die Kosten dafür auf 30 Millionen Euro. Geld, das das Land nicht hat. SPD und Linke fürchten zudem, das Uniklinikum Halle könnte ins Hintertreffen geraten. Im schlimmsten Fall könnte die Geisterbahn der Sparpolitik eine längst vergessene Debatte zutage fördern: Doch die Frage, ob Sachsen-Anhalt wirklich zwei Uniklinika braucht, wurde im Ausschuss von allen Seiten mit Ja beantwortet. Der CDU-Abgeordnete Uwe Harms warnte zudem davor, "einen wichtigen und notwendigen Prozess in der Öffentlichkeit zu zerreden".

Vor dem Ausschuss sagte Prof. Heinze schließlich, dass die Frage der späteren Rechtsform eine "für die Juristen" sei.

Uniklinikum Halle unterstützt Magdeburger Pläne grundsätzlich

Aber auch in Halle wird derzeit an einer engeren Zusammenarbeit zwischen dem dortigen Uniklinikum und dem Klinikum Bergmannstrost gearbeitet. Der ebenfalls geladene Ärztliche Direktor des halleschen Uniklinikums, Prof. Dr. Thomas Moesta, warb deshalb im Landtag dafür, dass die Landespolitik flexible Modelle sowohl in Magdeburg als auch in Halle ermögliche. Nötig wäre dafür eine Anpassung des Hochschulmedizingesetzes. Wissenschaftsminister Willingmann unterstützt dieses Anliegen. Es dürfte nach der Wahl wieder auf der Agenda stehen.

Politische Brisanz hat das Vorhaben in Magdeburg auch aus einem zweiten Grund. Nach Jahren des Investitionsstaus hatten das Land und der Vorstand des Universitätsklinikums zuletzt um millionenschwere Bauvorhaben gerungen. Mehrere Gutachten hatten erhebliche Mängel in einer Vielzahl von Klinikbereichen festgestellt. Unter anderem für die Hautklinik, Krebsklinik und Kinderklinik seien Baumaßnahmen "dringend" entweder "zwingend" erforderlich, um die medizinische Versorgung und die Sicherheit von Personal und Patienten dauerhaft zu gewährleisten, hieß es.

Gespräche verzögern derzeit wichtige Bauvorhaben am Uniklinikum

Eine Zentralisierung der vielen Kliniken in drei das "Magische Dreieck" genannte Neubauten soll die Probleme lösen. Mit einer solchen Erweiterung des bisherigen Haupthauses könnten auch die jährlichen Logistikkosten von 17 Millionen Euro massiv werden. Allein, im Juni 2020 hatten Wissenschaftsministerium und Universitätsmedizin in einer Zielvereinbarung festgehalten, diese "hochprioritären Baumaßnahmen" zunächst nicht weiterzuverfolgen. Der Grund dafür: die beginnenden Kooperationsbemühungen mit dem Klinikum Magdeburg.

Entsprechend ist Eile geboten. Zuletzt hatte ein Brandbrief, der vorgeblich aus der Belegschaft des Universitätsklinikums stammt, die neuerlichen Verzögerungen scharf kritisiert. Im Zuge dessen hatte Prof. Dr. Heinze gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT erklärt, es habe vor Ort bereits "umfassende Maßnahmen" bis hin zu Sanierungen gegeben. Eine Gefahr für Patienten oder Mitarbeitende bestehe nicht. Heinze versprach nun am Donnerstag, die Belegschaft in den kommenden Kooperationsprozess mitnehmen zu wollen.

Auf sein "Magisches Dreieck" soll das Uniklinikum bis dahin nicht komplett verzichten müssen. Im Finanzausschuss hatte das Finanzministerium schon Anfang Februar klar gemacht, dass zumindest eines der drei Häuser für je 100 Millionen Euro unabhängig von den jetzigen Gesprächen begonnen werden soll. Bereits gebaut werden unter anderem ein neues Herzzentrum und ein Container-Bettenbau.

Klinikum Magdeburg schrieb zuletzt schwarze Zahlen, dem Uniklinikum fehlen Millionen

Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Eva von Angern, sieht dennoch einige "Hausaufgaben" beim Ärztlichen Direktor des Uniklinikums, die vor neuen Kooperationsplänen abgearbeitet werden müssten. "Prof. Dr. Heinze hat unsere Bedenken und die aus Halle nicht ausräumen können", sagte von Angern MDR SACHSEN-ANHALT. Sie wartet derzeit auf Antworten der Landesregierung zu drei Anfragen, die ihre Fraktion aufgrund der anonymen Vorwürfe zur Situation des Uniklinikums gestellt hatte.

In Magdeburg selbst wird eine mögliche engere Kooperation von Städtischem Klinikum mit dem Uniklinikum derweil nicht nur von Oberbürgermeister Trümper unterstützt. Urs Liebau sitzt für die Stadtratsfraktion Grüne-Future! md im Aufsichtsrat des Klinikums Magdeburg. "Eine intensive Zusammenarbeit ist der Schlüssel für die langfristige Sicherung und Verbesserung der medizinische Versorgung", sagte Liebau.

Auch sein Aufsichtsratskollege Matthias Boxhorn (CDU) begrüßt die Pläne für eine intensivere Zusammenarbeit. Dafür seien aber noch viele Fragen zu klären. "Auf keinen Fall dürfen das Land und das Universitätsklinikum ihre Probleme bei uns abladen", sagt Boxhorn. Ein kommunales Krankenhaus müsse bestehen bleiben.

Dem Uniklinikum fehlten am Ende des Corona-Jahres 2020 fast 70 Millionen Euro. Das Städtische Klinikum hingegen schreibt schwarze Zahlen.

MDR/Thomas Vorreyer/Roland Jäger

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT Heute | 25. Februar 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

ottovonG vor 39 Wochen

Schon klar dass Gewisse Führungskräfte vom eigenen Versagen ablenken wollen durch solch populistische Fusionen. 70 Mio Verlust 2020 vs. schwarze Zahlen sprechen doch für sich, wo die Defizite liegen. So kann man aber Probleme wie die 1 Facharzt- Pathologie und die baulichen Mängel temporär vergessen machen. Aber es gilt zu bedenken, dass die Personalfluchtrichtung bisher fast immer von Süd nach Nordwest in Magdburg verlief. Wenn jetzt ein VEB-Kombinat entsteht gehen die felxiblen Leistungserbringer halt dorthin wo das Gras generell grüner ist, das heißt weg von Nord-Sachsen-Anhlat und kein Problem ist gelöst. Der positive Gedanke an einer Fusion wäre, dass man die halbe Verwaltung und Chefarztriege freisetzen könnte, dass spart wirklich Millionenbeträge. MfG

Micky Maus vor 39 Wochen

"Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD) unterstützt die Kooperationspläne. "

LOL, die SPD ist doch für diese Misere verantwortlich! ☝️

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