MDR-Recherche Das Netzwerk hinter der "Aktion Kinderschuhe" in Sachsen-Anhalt

In den Sozialen Netzwerken wird derzeit ein bundesweiter Aufruf geteilt, Kinderschuhe vor Rathäusern aufzustellen. Ein Eltern-Protest unter vielen? Eine MDR-Recherche zeigt: Die Gruppen, die zur "Aktion Kinderschuhe" aufrufen, sind Teil der Querdenker-Szene.

Schuhprotestaktion mit Kinderschuhen
Schuh-Proteste gibt es auch in Thüringen und Sachsen. Hier in der sächsischen Stadt Meißen. Bildrechte: Tino Plunert

Kinderschuhe und Plakate, aufgereiht auf den Treppen vor Rathäusern. Es sind Aktionen, die nach spontanem Protest aussehen. Tatsächlich wird seit Tagen in Telegram-Kanälen und bei Facebook ein Aufruf geteilt: "Aktion Kinderschuhe". Daran beteiligen sich auch Kanäle, die in Sachsen-Anhalt zu verorten sind. In dem Aufruf, der in diesen und weiteren Kanälen geteilt wird, heißt es, dass bundesweit am 1. April vor allen Rathäusern Kinderschuhe abgelegt werden sollen. Es ist die Rede von einem "Maßnahmen-Irrsinn", der Kinder quäle und die Realität aller zerstöre. Ein Aufruf, der sich gegen die Corona-Maßnahmen an Schulen mit Schnelltests oder die Maskenpflicht richtet.

Resonanz in Mitteldeutschland

Bereits seit Tagen werden Fotos aus verschiedenen Städten gepostet, in denen Menschen dem Aufruf folgen. Es gibt Fotos aus dem sächsischen Zwickau, Stollberg und Weinböhla, aber auch aus Gotha und Weida in Thüringen. Erst am Montag berichtete darüber auch der Mitteldeutsche Rundfunk. In Sachsen-Anhalt hat der Aufruf bisher keinen größeren Zuspruch erzeugt. Lediglich eine Nutzerin teilte ein Bild von einem Paar Schuhe, das sie offenbar vor dem Querfurter Rathaus abgelegt hatte.

Die Gruppen und Kanäle, in denen der Aufruf geteilt wird, sind unterschiedlich groß. Wer aber den verschiedenen Links und Verweisen folgt, stößt auf ein wesentlich größeres Netzwerk, in dem die Aktion massiv beworben wird. Dazu gehört die erst am 21. März 2021 erstellte öffentliche Facebook-Gruppe "Aktion Kinderschuhe". Binnen weniger Tage hat sie über 1.300 Mitglieder erreicht. 

Verunsicherung, Desinformation, Holocaustrelativierung 

Doch nicht die Gruppen an sich sind problematisch, sondern das, was hier von einigen Mitgliedern geteilt und unkommentiert stehen gelassen wird. Denn neben Personen, die gegen eine Maskenpflicht für Kinder in Grundschulen sind oder sich gegen mögliche Privilegien für bereits geimpfte Menschen aussprechen, werden auch Inhalte geteilt, die desinformieren und die Existenz des Corona-Virus leugnen. In einem Telegram-Kanal, der sich ebenfalls "Aktion Kinderschuhe" nennt, schreibt eine Nutzerin: "Es muss unbedingt beendet werden. Kein Kind darf gefoltert, gesundheitlich geschädigt, mit der Maske vergiftet werden."

Eine weitere Nutzerin erinnern die Fotos der Kinderschuhe vor dem Rathaus in Zwickau an das Gedicht "Kinderschuhe aus Lublin" von Johannes R. Becher, DDR-Dichter und SED-Politiker. Ein Gedicht über das Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin der Nationalsozialisten in Polen, in dem auch Tausende Kinder ermordet wurden. Die Nutzerin schreibt dazu: "Kinder werden heute psychisch, körperlich, entmenscht…krank gemacht und kindgerechtes Leben wird getötet." Dieser Vergleich ist eine Relativierung des Holocausts. 

Ein weiterer Nutzer verbreitet die Verschwörungserzählung, dass die bevorstehenden Wahlen zu Gunsten der Amtszeit von Angela Merkel verschoben oder eine Briefwahl angestrebt werde, um eine von der CDU und den Grünen geführte Regierung zu erhalten. Eine andere Nutzerin spricht darauf von Diktatur, Manipulation und einer totalitären Unterordnung aller Rechte.

In einem anderen Telegram-Kanal findet sich ein Bild, das ein Sonnenrad, eine Variation des Hakenkreuzes, zeigt. Ein weiterer Post greift die antisemitische Verschwörungserzählung auf, eine neue Weltordnung solle mithilfe der Corona-Pandemie installiert werden. Entsprechende Screenshots aus diesen Kanälen liegen MDR SACHSEN-ANHALT vor.

"Eltern stehen auf": eine Querdenker-nahe Gruppe bewirbt die Aktion

Die meisten der Links, Memes, Videos und Fotos, die vor allem in den Telegram-Kanälen verbreitet werden, ähneln einander. Einige Kanäle haben nur knapp Hundert oder weniger Mitglieder, bei anderen haben sich Tausende vernetzt. Zu den Kanälen mit den meisten Nutzerinnen und Nutzern zählen die des Vereins "Eltern stehen auf", von denen der größte rund 20.000 Mitglieder zählt. Der Verein ist in Deutschland und Österreich aktiv, ist in zahlreiche Landes- und Ortsgruppen untergliedert und hat seinen Sitz in Nürnberg. Dieser Verein ruft verstärkt dazu auf, sich an der "Aktion Kinderschuhe" zu beteiligen – zum einen in Texten in den Kanälen, zum anderen auch in Bildern, die mit dem Logo des Vereins versehen sind.

Laut Webseite des Vereins, setzt er sich für Kinderrechte ein, insbesondere im Zusammenhang mit Corona. Tatsächlich lässt sich der Verein ideologisch der Initiative Querdenken zuordnen. Auf der Webseite finden sich zahlreiche frei verfügbare Flyer zur weiteren Verbreitung, die Falschbehauptungen enthalten. Etwa, dass mRNA-Impfstoffe, wie die von Biontech und Moderna, das menschliche Genom verändern würden oder bei PCR-Tests gleichzeitig eine DNA-Probe entnommen werde. Darüber hinaus ist "Eltern stehen auf" mit Vereinen wie "Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie" vernetzt, dessen Vorsitzender der Arzt und emeritierte Professor Sucharit Bhakdi ist. Er hat mehrfach irreführende Corona-Thesen aufgestellt, die in Querdenker- und Impfgegner-Kreisen weit verbreitet sind. Darüber hinaus wird der Verein zusammen mit weiteren und Einzelpersonen auf einer Webseite zu einem Kongress aus dem Frühjahr aufgeführt, die im Kontext von Impfgegnern und Coronaleugnern aktiv sind und als Expertinnen und Experten auf sich gegenseitig verweisen.

Ein Teilnehmer einer Demonstration der Stuttgarter Initiative «Querdenken» auf dem Augustusplatz hält einen "Coronavirus". 8 min
Bildrechte: dpa

Christiane Panno, stellvertretende Vorsitzende von "Eltern stehen auf", bestreitet gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT eine Verbindung des Vereins zur Querdenker-Bewegung: "Wir sind ein Verein, der sich einzig dem Ziel verpflichtet fühlt, für die Rechte der Kinder einzutreten und sich nicht von den Zielen anderer Bewegungen vereinnahmen lässt." Auf die Frage, ob die Protestidee, Kinderschuhe vor Rathäusern zu platzieren, von ihnen initiiert wurde, antwortet sie knapp: "Nein."

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Der Aussage von Panno, steht die Tatsache entgegen, dass "Eltern stehen auf" bereits im letzten Jahr vergleichbare Protestaktionen durchgeführt hat – etwa in Magdeburg. Am 10. Dezember 2020 hatten Aktivisten von "Eltern stehen auf" keine Schuhe, sondern Kuscheltiere vor dem Landtag aufgestellt. Das geht aus einem Newsletter des Vereins hervor. Demnach hatte der Verein bereits am 10. Dezember 2020 vor dem Magdeburger Landtag eine solche Aktion durchgeführt. Über Ähnliches hatte im die Wochenzeitung DIE ZEIT im Januar aus Göppingen in Baden-Württemberg berichtet.

Die stellvertretende Vereinsvorsitzende schreibt zu der Abbildung des Sonnenkreuzes und zur Verbreitung der Verschwörungserzählung von einer Neuen Weltordnung in den Telegram-Kanälen des Vereins, dass diese Beiträge nach Hinweis von MDR SACHSEN-ANHALT gelöscht worden sind. MDR SACHSEN-ANHALT hat das überprüft. Die angesprochenen Beiträge wurden tatsächlich entfernt.

Update 29. März 2021: Mittlerweile wurden der Aufruf und die dazugehörigen Gruppen bei Facebook und Telegram umbenannt. Am Inhalt hat sich jedoch nichts geändert. Unter dem neuen Namen "Aktion Kindermund" wird weiter mobilisiert und Desinformation betrieben. Allein die Facebook-Gruppe ist binnen weniger Tage auf 2.190 Mitglieder angewachsen.

MDR/Marie Landes/Roland Jäger

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 22. März 2021 | 17:30 Uhr

160 Kommentare

Sonnenseite vor 3 Wochen

"Karl Schmidt vor 48 Minuten

Hi, Susanna:
Ich empfehle u.a. den Beitrag im Ärzteblatt:
"Mehr COVID-19-Infektio­nen nach „Querdenken“-Demons­trationen"

Da verbreitet der Peter auch immer und immer wieder, das sind aber nur Schätzungen, Vermutungen und Hochrechnungen.

Nichts Greifbares! ☝️



Ernst678 vor 3 Wochen

Das werde ich gleich mal testen. Stelle mich vors Bundeskanzleramt und rufe "Hallo Putin, treten sie sofort zurück". Keiner belästigt mich, mir schlägt sogar Sympathie entgegen. Ich werde es zu Ostern nochmal probieren und demonstrieren. Und morgen werde ich mal wieder mit Maske und Abstand im Stadtpark spazieren gehen um mich mal wieder richtig frei zu fühlen. Und Würde habe ich sowieso, ich würde mal wieder unbeschwert Urlaub machen.

Karl Schmidt vor 3 Wochen

Hi, Susanna:
Ich empfehle u.a. den Beitrag im Ärzteblatt:
"Mehr COVID-19-Infektio­nen nach „Querdenken“-Demons­trationen"

Nix Verschwörungstheorie, aber Sie werden`s sicher trotzdem viel besser wissen.

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