Folgen des Ukraine-Kriegs Debatte um Ernährungssicherheit: Nutzung von Brachflächen brächte kaum mehr Getreide

Die viel diskutierte Nutzung von Stillegeflächen hätte kaum Auswirkungen auf die Getreideproduktion in Deutschland. Bei einem Fachgespräch zur Ernährungssicherheit im Landtag von Sachsen-Anhalt plädierten Experten am Mittwoch stattdessen für zahlreiche andere Maßnahmen. Die Landesregierung arbeitet derweil an einer Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung.

Ein Mähdrescher bunkert bei der Ernte von Gerste die Körner auf einen Traktoranhänger ab. Auf den Getreidefeldern in Sachsen-Anhalt haben die Landwirte mit der Ernte begonnen. In den kommenden Tagen werden nach und nach die Getreidefelder mit Mähdreschern abgeerntet.
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Durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine drohen weltweite Probleme in der Lebensmittelversorgung. Viele Länder sind von Öl- und Getreideimporten aus Russland und der Ukraine abhängig. Im Agrarland Sachsen-Anhalt wird deshalb seit Wochen eine teils hitzige Debatte darüber geführt, wie die Erträge hier kurzfristig erhöht werden können.

Ein Streitpunkt: Dürfen Ackerflächen, die bislang für den Umweltschutz stillgelegt werden sollten, vorerst wieder für Getreide oder zumindest Futterpflanzen genutzt werden? Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) hat nur Letzteres bewilligt, zum Unmut einiger Landesminister wie etwa Sven Schulze (CDU).

Mehrere landwirtschaftliche Verbände aus Sachsen-Anhalt, darunter der Bauernverband und der Bauernbund, hatten sich zuletzt zudem gegen die Einschränkung von Düngemitteln und die geplanten Flächenstilllegungen ausgesprochen. Ein Fachgespräch im Landwirtschaftsausschuss des Landtags sollte am Mittwoch nun die Diskussion versachlichen.

"Eindeutiger Trend" zu billigeren Lebensmitteln

Michael Gutting vom Verband der Getreide‐, Mühlen‐ und Stärkewirtschaft beschrieb die aktuelle Situation am Getreidemarkt und in den Supermärkten. "Wir haben keine Versorgungskrise, sondern eine Preiskrise", sagte Gutting. In der Folge gebe es bereits jetzt einen "eindeutigen Trend" hin zu billigeren Lebensmitteln. "Der Konsument greift wieder in das untere Regal."

Der weltweite Weizenpreis ist seit Jahresbeginn um fast die Hälfte gestiegen. Laut Gutting, dessen Firma unter anderem eine Mühle in Alsleben betreibt, hat die Entwicklung aber lange vor dem Krieg begonnen. Er forderte von der Politik ein Zeichen: Man solle die Landwirtschaft "produzieren lassen". Würde das Angebot an Getreide wieder steigen, würde auch der Marktpreis nachgeben.

Rafael Schneider von der Deutschen Welthungerhilfe nannte die fraglichen Flächen eine lediglich "kleine Reserve". Auch Thomas Herzfeld, Leiter der Abteilung Agrarpolitik am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien in Halle, sagte, man solle sich in der Diskussion auf die Flächen fokussieren, auch weil Schätzungen für die möglichen Erträge stark schwankten. Landwirte bräuchten hingegen "verlässliche und stabile Rahmenbedingungen". Mittels Digitalisierung könnten etwa mehr Erträge erreicht werden, sagte Herzfeld.

Möglichkeiten bei Dünger und Biosprit

Der Agrarbiologe Nicolaus von Wirén vom Leibniz‐Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben sagte, die Flächenstillegung leiste, "ökologisch gesehen", einen wichtigen Beitrag für Artenvielfalt. Zwar fehle es bei den bisherigen Stillegungsplänen an einem Konzept, welche Flächen stillgelegt und wie diese zu Biotopen verbunden werden sollen, andere Maßnahmen seien kurz- und mittelfristig aber zielführender, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten.

Laut von Wirén ist es an einzelnen Orten Sachsen-Anhalts "ökologisch vertretbar", die geplanten Einschränkungen beim Einsatz von Düngemitteln auszusetzen – sofern diese dann gezielter eingesetzt würden. Ebenfalls effektiver als die Bewirtschaftung bisheriger Brachflächen sei es, Getreide nicht mehr für die Biosprit-Herstellung zu verwenden. Den größten Effekt hätte allerdings eine Reduktion von Fleischkonsum und Lebensmittelverschwendung, sagte von Wirén.

Landesregierung will gegen Lebensmittelverschwendung vorgehen

Sven Schulze
Landwirtschaftsminister Schulze (CDU): Gespräche über Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung laufen Bildrechte: dpa

Landwirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) sagte im Ausschuss, sein Haus und das Umweltministerium führten Gespräche über eine mögliche Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung. Er erinnerte zudem an die Streitfragen unter Bund und Ländern: So sei man nicht nur beim Umgang mit Stillegungsflächen uneinig, sondern auch beim Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen. Für Letztere sprach sich nach der Ausschussitzung auch der agrarpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Johann Hauser, aus.

Experte Nicolaus von Wirén hatte zuvor gesagt, der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen habe sich in Teilen Amerikas jahrzehntelang bewährt. Die deutsche Verwaltung sei zudem in der Lage, entsprechende Zulassungsverfahren schnell zu bewältigen.

Das Fachgespräch beantragt hatte die CDU-Fraktion. Deren agrarpolitischer Sprecher Olaf Feuerborn zeigte sich anschließend zufrieden mit der Debatte. Diese habe gezeigt, dass ein stellenweises Aussetzen der Düngeverordnung wohl effektiver sei als die Bewirtschaftung stillgelegter Flächen. Um die Getreideerträge zu stabilisieren, sei das wohl das "bessere Maß", so Feuerborn. Feuerborn ist zugleich Präsident des Bauernverbands im Land.

MDR (Thomas Vorreyer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. April 2022 | 21:00 Uhr

6 Kommentare

Basil Disco vor 22 Wochen

Gut, dass hier den ewig gestrigen Gift-und-Gülle-Junkies wenigstens teilweise einmal mit Fakten begegnet wurde. Leider musste stattdessen wieder das Märchen vom Segen der Gentechnik herhalten. "der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen habe sich in Teilen Amerikas jahrzehntelang bewährt" Ja, für Monsanto, die mit ihrer Klagewut unschuldige Landwirte in den Ruin getrieben haben und die weltweite Lebensmittelproduktion in ihre Gewalt bringen wollen. Da wirbt wohl jemand um Drittmittel für seine Genfrickelei.

hilflos vor 22 Wochen

Ich meine mich zu erinnern, dass es gerade für den thüringer Landwirtschaftsverband, noch im. März 2022, Vollkommen vorstellbar sei, Landwirtschaftsflächen zur Elektroenergiegewinnung nutzen könnte. In Wahrheit geht es nur um größere Profite der Landwirtschaftsindustrie.

THOMAS H vor 22 Wochen

ElBuffo: M. M. sind nicht die niedrigen Preise in erster Linie für die Verschwendung verantwortlich, sondern die tägliche Verfügbarkeit. Ein weiterer Punkt sind die vielen eingeschweißten Lebensmittel (z. B. Wurst, Käse). Wenn bei beiden Dingen eine Reduzierung erfolgen würde, wäre dies nicht nur ein Schritt gegen die Lebensmittelverschwendung, sondern auch der Verpackungsmüll, welcher, selbst bei Entsorgung in die Gelbe Tonne, trotzdem in der Verbrennung landet, weil er durch mehrere verschiedene Plastearten sind wieder verwertet werden kann.
In Bezug der genießbaren weggeworfenen Lebensmittelmenge durch die Privathaushalte (laut Welthungerhilfe 75 kg/Jahr/Person) habe ich jedoch meine Bedenken. In meinem Wohnblock gibt es 28 Wohnungen mit z. Zt. 37 Personen und einer 120 Liter (laut Berlin Recycling zulässiges Gesamtgewicht 58 kg) Biotonne (Eigengewicht ca 9,5 kg), welche 39 mal im Jahr abgeholt wird, sind es nur rund 51 kg, wobei dies nicht nur, noch verwendbare Lebensmittel sind.

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