Mehr Beteiligung schaffen Parteilos in den Bundestag: Wie Franka Kretschmer aus Magdeburg die Politik aufmischen will

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

In Sachsen-Anhalt wird im Juni ein neuer Landtag gewählt. Nur wenige Monate später steht die nächste große Wahl an – die zum Deutschen Bundestag. Dorthin will auch Franka Kretschmer. Die 39-Jährige ist Teil einer Initiative, die einen völlig neuen Politikansatz etablieren möchte. Mehr Beteiligung, schnellere Entscheidungen, das sind einige der Ziele. Der Haken: Franka Kretschmers Chancen als Parteilose sind minimal. Warum versucht sie es dennoch?

Eine Frau steht vor Wohnblocks im Magdeburger Stadtteil Olvenstedt.
Franka Kretschmer will in den Deutschen Bundestag. Dafür will sie eine neue Art von Politik etablieren. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Als Franka Kretschmer durch Magdeburg-Olvenstedt stapft, sind die schönsten Wintertage gerade vorbei. Es ist Mittwochvormittag, die Sonne scheint – und es taut. Franka Kretschmer bahnt sich ihren Weg durch den Schneematsch. In der Hand hält sie Klebestreifen und einen Stapel Papier. "Das passt mir nicht", steht auf den Zetteln. Darunter Telefonnummern zum Abreißen. Die 39-Jährige klebt sie an Straßenlaternen.

Auf einem Zettel an einer Laterne steht -Das passt mir nicht-.
"Das passt mir nicht": Franka Kretschmer will Menschen ansprechen, die Probleme vor Ort erkennen und gemeinsam lösen wollen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Franka Kretschmer wirbt hier in Olvenstedt für ein nahezu unerreichbares Ziel: Sie will in den Deutschen Bundestag einziehen. Als parteilose Direktkandidatin in Wahlkreis 069, Magdeburg-Schönebeck. Bei den vergangenen beiden Bundestagswahlen gewann hier die CDU das Direktmandat. Franka Kretschmer will das ändern – nicht speziell wegen der CDU. Kretschmer will generell eine ganz andere Form von Politik etablieren. Mehr Beteiligung. Schnellere Entscheidungen. Gemeinsame Lösungen. Ein Parlament, das die Gesellschaft auch tatsächlich abbildet. Das ist das, was sie sich vorstellt für den Deutschen Bundestag.

Politik neu denken – und schneller machen

Wer mit Franka Kretschmer durch Olvenstedt läuft, bekommt den Eindruck, es mit einer rastlosen Frau zu tun zu haben. Die Ideen in ihrem Kopf scheinen nur so zu sprießen, so schnell spricht Franka Kretschmer. Sie ist motiviert, will Dinge verändern. Das könnte man leicht als Floskel abtun, aber Franka Kretschmer will wirklich etwas verändern. Mehr noch: Sie ist der Meinung, dass sich etwas verändern muss. "Was aktuell politisch möglich ist, ist nicht das, was nötig ist", sagt sie. Soll heißen: Bei den großen Krisen – soziale Ungerechtigkeit, schwindendes Vertrauen in Parteien und in Demokratie, Klimakrise – ist schnelles Handeln gefragt. Es wird aber nicht schnell gehandelt, sagt Franka Kretschmer. "Der Bundestag braucht neue Impulse."

Mit dieser Meinung steht die 39-Jährige nicht allein da. Seit geraumer Zeit macht in Deutschland "Brand New Bundestag" von sich reden – eine Initiative, deren Ursprung auf eine Idee aus den USA zurückgeht. Dort hat die vergleichbare Initiative "Brand New Congress" schon mehrere unabhängige Kandidatinnen und Kandidaten ins Abgeordnetenhaus gebracht. Das Ziel in Deutschland ist ein ähnliches: "Politik für die breite Gesellschaft" zu machen – das ist der Leitspruch von "Brand New Bundestag". Dafür brauche es überparteiliche Kandidatinnen und Kandidaten, die mit "Energie, Mut und unbändigem Willen" Dinge verändern möchten, argumentiert die Initiative.

Franka Kretschmer ist Teil von "Brand New Bundestag". Kein Wunder, trifft all das Genannte doch auf sie zu. Die 39-Jährige ist promovierte Ingenieurin für Umwelt- und Energietechnik, arbeitete lange an der Universität. Schon seit Jahren engagiert sie sich zivilgesellschaftlich, demonstriert, organisiert. Nun soll der nächste Schritt folgen.

Wie Franka Kretschmer zur Kandidatin von "Brand New Bundestag" wurde

Wer in Magdeburg lebt, kannte Franka Kretschmer womöglich schon vor Lesen dieses Textes. Schließlich engagiert sich die 39-Jährige seit geraumer Zeit in der politischen und kulturellen Szene der Landeshauptstadt. Bekannt ist sie vor allem als diejenige, die in Vor-Corona-Zeiten Initiativen und Demos zusammenbrachte. "Fridays for Future", "Solidarisches Magdeburg", "Seebrücke": Kretschmer brachte sie alle und noch weitere Initiativen zusammen, um sie lauter und gemeinsam stärker zu machen. Daraufhin wurde sie vergangenes Jahr als Kandidatin für "Brand New Bundestag" vorgeschlagen. Eine Jury wählte die 39-Jährige aus – und lobt Kretschmers "unbändigen Willen und Optimismus".

Doch Wahlkampf im klassischen Sinne – Klinken putzen, mit Menschen sprechen, sie von sich überzeugen – all das ist diesen Zeiten einer Pandemie nahezu unmöglich. Kretschmer setzt nicht nur deshalb auf neue Wege: Mit ihrem kleinen Team verteilt sie nicht nur Flyer und Zettel, sie veröffentlicht Filme auf Facebook, Instagram und Co. und sucht das Gespräch vor Ort – soweit das aktuell eben möglich ist.

Jugendliche glaubt jetzt wieder an nachhaltige Veränderungen

Eine Frau klebt einen Zettel an eine Laterne, zwei Frauen sehen zu.
Lissy Habermann (rechts) ist schon Teil der Initiative von Franka Kretschmer (links). Ihr Ziel ist, Dinge zu bewegen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Lissy Habermann hat Franka Kretschmer jedenfalls schon überzeugt. Die Jugendliche war schon immer eine Macherin, berichtet ihre Mutter Jana. Vor wenigen Jahren organisierte Lissy Aufräumaktionen in Magdeburg – in Olvenstedt, im Stadtpark. Die Jugendliche wurde für den Titel "Magdeburgerin des Jahres" nominiert. Als sie bemerkte, dass sich nachhaltig nichts veränderte und der Stadtpark nach kurzer Zeit wieder vollgemüllt war, fuhr sie ihr Engagement erst einmal zurück. Bis sie vor wenigen Monaten bei "Fridays for Future" Franka Kretschmer traf. Seitdem glaubt Lissy Habermann wieder daran, gemeinsam Dinge nachhaltig verändern zu können. "Ich habe das Gefühl überwunden, nichts tun zu können", erzählt die Jugendliche.

Wir müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen. Wir können nicht warten, bis Initiativen oder Parteien etwas verändern. Die Krisen spitzen sich zu. Ich will Brücken bauen. Das ist als unabhängige Kandidatin einfacher.

Franka Kretschmer Direktkandidatin für den Bundestag

Franka Kretschmer setzt auf Menschen wie Lissy Habermann. Menschen, die sich vor Ort für etwas engagieren, andere mitreißen, gemeinsam Dinge verändern wollen – so wie in Olvenstedt. Dort hat Franka Kretschmer einen Impuls gegeben, wie sie es nennt. Unter Anwohnerinnen und Anwohnern haben sie und ihr Team eine Umfrage gemacht. Es ging um die Einführung einer Tempo 30-Zone im Wohngebiet.

Mehr als 100 Menschen stimmten ab, zehn von ihnen wollen sich bei der Umsetzung des Ziels engagieren. So muss es laufen, findet Franka Kretschmer: In die Stadtgebiete gehen. Menschen finden, die etwas verändern möchten. Diese Menschen unterstützen. Politik, so das Credo, soll auf diese Weise greifbar werden. Beteiligung steht bei ihr an erster Stelle.

Doch bei aller Begeisterung weiß auch die Kandidatin selbst: Dass sie Ende September tatsächlich in den Deutschen Bundestag einziehen wird, ist so gut wie ausgeschlossen. Zuletzt gelang das einem Kandidaten kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Politikwissenschaftler: Chancen für Einzug ins Parlament äußerst gering

Die Chancen für Franka Kretschmer, als Parteilose in den Deutschen Bundestag einzuziehen, sind äußerst gering. Das sagte der Politikwissenschaftler Sven Siefken von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg am Sonntag MDR SACHSEN-ANHALT. Siefken sagte, das Vorhaben der Initiative "Brand New Bundestag" sei aber nicht per se schwierig durchsetzbar. Einerseits unterstütze die Initiative auch Kandidatinnen und Kandidatin in Parteien. Andererseits habe sie die Gelegenheit, mit ihrer Herangehensweise für ein verändertes Verständnis von Demokratie, Politik und der politischen Prozesse zu sorgen. Die Erfolgschancen hingen nun von der genauen Vorgehensweise ab, sagte Siefken.

Franka Kretschmer findet das nicht schlimm. Ihr Ziel ist, Bundestag hin oder her, dass ihr Engagement und das ihrer Mitstreiterinnen und Mistreiter nachhaltig ist – also auch über den 26. September hinaus anhält. "Wir wollen eine Stadtgesellschaft schaffen, die aktiv ist", sagt Kretschmer. Dann klebt sie einen ihrer Zettel an eine Laterne und zieht weiter durch den Schneematsch.

MDR/Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. Februar 2021 | 19:00 Uhr

25 Kommentare

Realist62 vor 16 Wochen

@Dreibeiner Sie sollte doch mal den LINK zur Webseite dieser Bewegung nutzen, der hier im Beitrag versteckt ist. Ich habe mir da diese Webseite genau angeschaut und nichts da gefunden, was die Nähe zur ,,Identitäre Bewegung" hindeutet. Diese Bewegung dieser Frau bekämpft gerade solche wie die ,,Identitäre Bewegung" energisch.

Eulenspiegel vor 16 Wochen

Hallo Freies Moria
„Die Anschrift ist vom Verein, die Organisation aber eine Genossenschaft am anderen Ende der Republik.“
Also ich habe da eine Verständnisfrage.
Wieso ist das eigentlich eine Fassade für versteckte Interessen wenn ein Magdeburger Verein Mitglied in einer Genossenschaft am anderen Ende der Republik ist und dies auch noch offen sichtbar ist?


Dreibeiner vor 16 Wochen

ich denke dabei eher an Identitäre Bewegung (auch Identitäre Generation, kurz Identitäre oder IB) bezeichnen sich mehrere aktionistische, völkisch orientierte Gruppierungen, die ihrem Selbstverständnis nach einen sogenannten „Ethnopluralismus“ vertreten.

Mehr Politik in Sachsen-Anhalt