Faktencheck Hat Sachsen-Anhalt seit 1990 bundesweit am meisten CO2 eingespart?

Die Deutsche Umwelthilfe klagte Anfang September im Namen von drei Klimaaktivistinnen und -aktivisten gegen Sachsen-Anhalt. Sie wirft dem Land Versäumnisse beim Klimaschutz vor, die die Grundrechte junger Menschen künftig stark einschränkten.

Windräder einer Windkraftanlage sind 2011hinter einem blühenden Rapsfeld zu sehen
Laut Umweltforscher Schwarze liegt Sachsen-Anhalt nur bei der Windenergie vorne. Bildrechte: dpa

Mit Blick auf die Klage der Umwelthilfe sagte Ministerspräsident Haseloff am Rande der Pressekonferenz zum Koalitionsvertrag: "Es gibt in Europa keine Region, kein Bundesland, was eine größere Reduzierung an CO2-Emissionen herbeigeführt hat als Sachsen-Anhalt. Kann jeder nachlesen – 1990 als entsprechendes Datum ziehen und mal schauen, wo wir heute hingekommen sind und was wir noch vorhaben. Das heißt, wir haben gezeigt, was Klimaschutz bedeutet und dass wir uns auf dem Weg befinden."

Einsparungen wegen Zusammenbruchs der DDR-Wirtschaft

Professor Reimund Schwarze ist klimapolitischer Sprecher vom Helmholzzentrum für Umweltforschung in Leipzig und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates für das Klima- und Energieprogramm von Sachsen-Anhalt. Er ist etwas anderer Ansicht als Ministerpräsident Reiner Haseloff.

Prinzipiell stimme es, dass Sachsen-Anhalt die CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 mit einer Reduktion um 30 Millionen Tonnen nahezu halbiert habe: "Allerdings sind das Leistungen, die hauptsächlich auf dem Zusammenbruch der alten DDR-Wirtschaft basierten." Der Umweltforscher sagt, in anderen Regionen, die vor ähnlichen Transformationen standen und nicht aus dem Tal herausgekommen seien, fände man viel größere und anhaltende Emissionsminderungen.

Insofern hinkt der Vergleich nach Ansicht von Schwarze. Stattdessen gehe es um den Vergleich zwischen den Bundesländern.

Umweltforscher: Energieverbrauch in Sachsen-Anhalt steigt

Im Vergleich zu den anderen Bundesländern sehe Sachsen-Anhalt trotz der eher unfreiwilligen Reduzierung von CO2-Emissionen aber auch nicht wirklich gut aus, sagt Reimund Schwarze. Während Emissionen und Energieverbrauch in Deutschland auch nach 1995 abgenommen hätten, habe man in Sachsen-Anhalt genau gegenläufige Entwicklungen.

Der klimapolitische Sprecher sagt: "In Sachsen-Anhalt steigt der Verbrauch von Energie in allen Sektoren, insbesondere in den Bereichen Verkehr und Industrie. Konsequenterweise steigen auch die CO2-Emissionen pro Kopf. Heute liegen die CO2-Emissionen im deutschen Vergleich mit an der Spitze."

Mehrere Aspekte beurteilen

Mit 12,1 Tonnen pro Kopf im Jahr 2018 sind die Emissionen in Sachsen-Anhalt etwa doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Der lag im Jahr 2019 bei 7,75 Tonnen. Reimund Schwarze sagt, seit dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft sei strukturell wenig passiert. Beziehungsweise habe das Wachstum die Innovationen mehr als aufgezehrt.

Der Umweltforscher spricht von einem "Dreiklang" für die Bewertung der Leistungen im Bereich Umwelt. Dazu gehöre zum einen die Entwicklung des Energieverbrauchs, dann die Entwicklung des CO2-Ausstoßes pro Kopf und die Entwicklung des Anteils der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung.

Fazit: Haseloffs Aussage ist "richtig, aber irreführend"

Sachsen-Anhalt könne lediglich in der letzten Kategorie punkten: "Sachsen-Anhalt ist im Bereich des Windenergie-Ausbaus besonders bei der Verstromung von Windenergie mit an der Spitze der Bundesrepublik." Aber das reiche nicht: "Hier geht es um den Umbau der Industrie als Ganzes im Land", betont Schwarze.

Außerdem gehe es um den Umbau im Bereich Verkehr. Denn gerade in diesem Sektor sei der Energieverbrauch in den letzten Jahren am meisten gewachsen. In den Worten von Umweltforscher Reimund Schwarze lautet das Résumée des Faktenchecks also: Das Zitat von Ministerpräsident Haseloff ist "richtig, aber irreführend."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. September 2021 | 05:00 Uhr

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