Corona-Pandemie "Manche Fans werden sich von der Welt des Profifußballs abkapseln"

Daniel George
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Erste Pilotprojekte ermöglichen bereits die Rückkehr von Fans in Arenen und Stadien. Doch wie wird sich die Fan-Kultur durch die Corona-Pandemie verändern? Und vor welchen Herausforderungen stehen die Vereine? Sportpsychologe Janosch Daul aus Halle im Interview.

Zuschauer auf der Tribüne des Parkstadions
"Ich glaube nicht, dass alles wieder wie vor der Pandemie sein wird, wenn die Stadiontore wieder öffnen", sagt Janosch Daul. Bildrechte: IMAGO / Team 2

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Daul, was macht das mit einem Fan, wenn der Live-Sport in der Halle oder dem Stadion plötzlich fehlt?

Janosch Daul: "Es handelt sich um eine schwierige Situation für viele Fans. Gerade für diejenigen, die wöchentlich mit ihren Vereinen mitreisen, teilweise um den ganzen Globus, um es mal überspitzt zu formulieren. Für diese Menschen stellt der Sport und dieses gemeinsame Erlebnis ein Lebenselixier dar. Für Ultras im Fußball zum Beispiel stellt das Begleiten ihres Verein eine wichtige Säule im Leben dar, die jetzt einfach wegfällt. Für diese Fans, die da einfach mit Leib und Seele dabei sind, ist es besonders herausfordernd, mit dieser Situation umzugehen."

Was fehlt am meisten?

"Die Kommunikation, der Aufbau oder die Pflege von Freundschaften zu gleichgesinnten Fans, einfach dieser persönliche Kontakt, der für uns Menschen grundsätzlich von enormer Bedeutung ist. Da gilt es, Strategien zu entwickeln, um dahingehend einen Ausgleich zu schaffen oder Angebote des eigenen Vereins anzunehmen."

Wie denn zum Beispiel?

"Vereine wie Borussia Dortmund haben für die aktive Fanszene beispielsweise FIFA-Turniere veranstaltet, nutzen Messenger-Dienste, um auch die Kommunikation zwischen den Fans zu unterstützen. Aber natürlich: Digital ist vieles anderes. Das Online-Schauen von Spielen beispielsweise ist nicht mit dem Vor-Ort-Erlebnis zu vergleichen. Dort kann ein Fan auch körperlich mit Gleichgesinnten seine Leidenschaft und Emotionen teilen. Man kann sich beispielsweise nach einem Torerfolg auch mal gemeinsam in den Armen liegen."

Zur Person

Janosch Daul arbeitet als festangetellter Sportpsychologischer Experte in der Nachwuchsabteilung des Fußball-Drittligisten Hallescher FC. Der gebürtige Mannheimer ist dort für die mentale Entwicklung der Spieler und Trainer verantwortlich. Außerdem arbeitet der 25-Jährige freuberuflich als Referent für sportpsychologische Themen.

Die große Herausforderung für Vereine ist also, die Fans trotz Distanz an den Klub emotional zu binden oder zu halten.

"Exakt. Die Vereine sind da in der Verantwortung. Denn ich glaube nicht, dass alles wieder wie vor der Pandemie sein wird, wenn die Stadiontore wieder öffnen – vor allem im Fußball nicht. Es war in den vergangenen Monaten zu beobachten, dass sich viele Fans gerade in diesen Zeiten besonders kritisch mit dem Verhalten des eigenen Vereins in Bezug auf bestimmte Themen auseinandersetzen, man denke an die Themen Umgang mit Finanzen und die Abkapselung von der 'Normalo-Welt'."

Wie meinen Sie das?

"Es werden beispielsweise weiterhin Millionen-Summen gezahlt, obwohl der Fußball hart getroffen wurde von der Pandemie."

Janosch Daul, Sportpsychologe im Nachwuchsleistungszentrum des Halleschen FC 1 min
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Di 06.04.2021 16:00Uhr 01:19 min

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Also wird sich die Fankultur im Fußball durch die Corona-Pandemie nachhaltig verändern?

"Ich stelle hiermit natürlich nur Prognosen auf und das Ganze muss differenziert betrachtet werden: Es wird immer diejenigen Fans geben, für die der Fußball einen riesigen Stellenwert im Leben hat. Wenn wieder vor Zuschauern gespielt werden darf, werden sie sofort ins Stadion strömen, um genau das, was jetzt gefehlt hat, wieder zu erleben: das Gemeinschaftserlebnis.

Aber bei denjenigen Fans, die sich sehr reflektiert mit der gegenwärtigen Situation des Profifußballs auseinandergesetzt haben, wird vielleicht auch eine emotionale Distanzierung stattfinden. Das kann zur Folge haben, dass der eine oder andere Fan eben nicht mehr so oft ins Stadion geht und sich von der Welt des Profifußballs komplett abkapselt."

Warum vermuten Sie das?

"Aus verschiedenen Gründen: Zum einen ist es ja kein Geheimnis, dass der Profifußball und alles, was mit ihm mittlerweile einhergeht, zu einer gewissen Entfremdung führen kann. Und zum anderen haben sich die Tagesabläufe und Prioritäten vieler Menschen in der Corona-Krise verändert. Der Spielbesuch am Wochenende ist über Monate hinweg weggefallen. Dadurch haben viele Fans plötzlich Unmengen an Zeit gewonnen.

Menschen suchen sich immer Dinge, die sie glücklich machen. Der Fußball konnte das eine Zeit lang nicht erlauben. Also haben sich manche andere Beschäftigungen gesucht, die sie auch fesseln und sie in ihren Bann ziehen. Einige Fans werden den Weg ins Stadion deshalb nicht mehr so einfach finden."

Welchen Einfluss hat das Fehlen der Zuschauer auf Spielerinnen und Spieler?

"Es gibt sogenannte Trainingsweltmeister. Spieler, die es unter anderem aufgrund eines starken Druckempfindens nicht schaffen, ihre Leistung am Spieltag vollumfänglich abzurufen. Diese Spieler können ohne Zuschauer befreiter aufspielen, weil ein Stressfaktor wegfällt.

Es gibt aber auch diejenigen, die diesen Extra-Boost der Fans einfach brauchen, die dadurch zusätzlich gepusht und motiviert werden. Für diese Spieler ist es ohne Fans schwieriger. Es gibt aber auch viele Spieler, die sich sehr schnell an die veränderten Rahmenbedingungen gewöhnt haben und unabhängig von den Fans aufgabenfokussiert einfach 'ihren Stiefel runterspielen'."

Wie wichtig sind Aktionen von Fans wie das Aufhängen von Spruchbändern?

"Dies kann definitiv einen Effekt auslösen. Als Spieler auch in der aktuellen Zeit zu erleben, dass es noch eine höhere Instanz gibt, die zum einen hinter einem steht und zum anderen auch sehr mächtig ist mit Tausenden von Fans, macht etwas mit einem Spieler.

Das ist natürlich aber immer auch abhängig von der Situation. Fans können eben auch enormen Druck erzeugen, wenn es sportlich nicht gut läuft. Dann kann ein gewisser Abstand gar nicht so verkehrt sein."

Inwiefern hat sich Kritik im Internet an Spielern oder Verantwortlichen während der Pandemie radikalisiert?

"Gerade Ultras oder Hardcore-Fans beziehen einen Großteil ihrer eigenen Identität über den Verein. Eine Niederlage oder Misserfolgsserie wirkt für sie oft wie eine persönliche Niederlage. Dadurch stauen sich Emotionen auf. Niemand verliert gerne und erlebt gern solche Gefühle.

Diesen Gefühlen versucht man dann einen Raum zu geben, indem ein Ventil geöffnet wird. Das Ventil Stadion, wo gemeinsam gebrüllt oder geschimpft oder auch gejubelt werden kann, gibt es derzeit nicht – also verlagert sich viel ins Internet. Und wie roh in diesem auf zumeist anonyme Art und Weise kommuniziert wird, ist eine sehr bedenkliche gesellschaftliche Entwicklung."  

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur arbeitet, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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