Wo sollen elektrische Tretroller fahren? "Kein cooles Gefühl" – mit dem E-Scooter auf der Straße unterwegs

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Elektrische Tretroller sollen laut dem Bundesverkehrsminister künftig auf den Fahrradwegen fahren. Fehlen diese, geht es auf die Straße. Doch das kann gefährlich werden. Ein E-Scooter-Fahrer aus Magdeburg berichtet.

Mann steht auf einem E-Scooter
Die Bundesregierung will Fußwege und Straßen für E-Scooter freigeben. Bildrechte: imago images / Westend61

Sascha Reißner ist ehrlich. "Für das Fahrradfahren", sagt der 25 Jahre alte Student aus Magdeburg, "war ich zu faul. Es war so warm in dem Sommer damals. Und außerdem wurden mir vorher schon zwei Räder geklaut – einfach so während der Vorlesung an der Uni." Also entschied er sich für ein Fortbewegungsmittel, das bald schon Sachsen-Anhalts Städte erobern könnte: einen E-Scooter.

In der kommenden Woche entscheidet der Bundesrat über die von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) vorgelegte Verordnung von Elektrokleinstfahrzeugen. Dann sollen die Elektro-Tretroller legal über deutsche Straßen rollen können. Bislang war das – von einigen wenigen Modellen abgesehen – offiziell nur auf Privatgrundstücken erlaubt.

Angst ohne Versicherung

"Ich habe mir den E-Scooter 2017 gekauft und durfte ihn eigentlich im Straßenverkehr nicht fahren, habe es auf eigene Verantwortung aber trotzdem gemacht", sagt Sascha Reißner. Doch: "Die Angst ist immer mitgefahren. Deshalb habe ich den Scooter mittlerweile auch verkauft. Wenn was passiert, dann willst du doch wenigstens versichert sein."

Ein Versicherungsschutz soll künftig Pflicht sein bei E-Scootern. Doch noch sind reichlich andere Fragen offen. Auch Sachsen-Anhalter fragen sich: Wie profitieren Verkehrsteilnehmer von E-Scootern? Und vor allem: Wie sicher sind die kleinen Flitzer wirklich?

Für 350 Euro aus China

Sascha Reißner ist ein Fan von Elektromobilität. Deswegen fährt der 25-Jährige zum Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT auch mit seinem E-Roller vor – der elektrischen Variante des klassischen Motorrollers, nicht zu verwechseln mit dem weit kleineren und nicht so leistungsstarken E-Scooter.

2.500 Euro hat er für sein neues Gefährt bezahlt und "alles Geld zusammengekratzt, was ich noch hatte, mir ein bisschen was von meinen Eltern geliehen", erzählt Reißner, der Beruf und Bildung mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Informatik studiert. "Das war eine ideologische Anschaffung, weil ich die Technik dahinter faszinierend finde und etwas für die Umwelt tun will." Er weiß jedoch: "Die Mehranschaffungskosten im Vergleich zu einem normalen Roller werde ich nie rauskriegen."

Doch das war es ihm wert. Genau wie damals beim E-Scooter. "Den habe ich direkt aus China importieren lassen", erzählt Reißner. 350 Euro hat ihn sein Einstieg in die Elektromobilität gekostet. "Das ist doch super. Für ein Auto bezahlst du mehrere zehntausend Euro. Auch ein Roller kostet viel Geld." So ein wendiger E-Scooter sei da der perfekte Beginn.

Wie "tankt" ein E-Scooter? E-Scooter werden von einem Elektromotor angetrieben. Die Energie für den Motor kommt aus dem Akku. Dieser muss regelmäßig aufgeladen werden. Das ist an jeder normalen Steckdose möglich. Je nach Modell dauert das komplette Aufladen etwa zwei bis fünf Stunden. Die Reichweiten liegen bei guten Modellen bei circa 30 Kilometern pro Akkuladung.

Ein großer Vorteil laut Reißner: die meisten Modelle sind zusammenklappbar. Das heißt: "Du kannst sie überall mit hinnehmen. Ich habe ihn einfach zusammengeklappt und im Hörsaal zwischen die Bänke geschoben", erzählt der Student. "Da hat er niemanden gestört." Und niemand konnte ihn stehlen – im Gegensatz zu seinen Fahrrädern.

Auch für Pendler, die mit Bus und Bahn unterwegs sind, ist ein E-Scooter praktisch. Unklar ist allerdings noch, ob die kleinen Flitzer in öffentliche Verkehrsmittel mitgenommen werden dürfen – und wenn ja, zu welchen Konditionen.

Gefahr auf dem Gehweg

Sauberere Luft und weniger Staus – das erhoffen sich Befürworter von E-Scootern. Doch Kritiker befürchten viele Unfälle durch die Straßenzulassung von E-Scootern. Gerade ältere Menschen und Behinderte hatten Angst, dass die Tretroller künftig auf Gehwegen für Gefahr sorgen könnten. Denn Sascha Reißner sagt: "Du bewegst dich auf dem E-Scooter komplett geräuschlos fort. Fußgänger hören dich nicht." Das ist vor allem für blinde Menschen gefährlich.

Reißner sagt aber auch: "Mit dem E-Scooter fährst du automatisch ganz anders, viel bewusster. Du weißt ja, dass die Menschen dich nicht hören und du deshalb ganz besonders aufpassen musst. Ich war immer schon mit einer Hand auf der Bremse. Und weil du überlegen musst, ob die Akkuladung ausreicht, machst du auch mal eine Tour weniger oder verbindest zwei Wege. Du denkst einfach mehr über dein Fahrverhalten nach."

Doch wo sollen sie denn nun fahren, die E-Scooter? Entgegen dem ursprünglichen Plan erklärte Bundesverkehrsminister Scheuer am Dienstag, den Gehweg nicht für sie freigeben zu wollen. Damit bewegte sich der CDU-Politiker auf die Länder zu. Von denen war zuvor teilweise deutliche Kritik geäußert worden an der Idee, E-Scooter mit einem Höchsttempo von zwölf Kilometer pro Stunde auf dem Fußweg fahren zu lassen.

Jetzt müssen die E-Scooter wohl zuallererst auf die Fahrradwege ausweichen. Fehlen diese, geht es auf die Straße. So war es für Modelle mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde ohnehin vorgesehen. Doch: Wie sicher sind Sachsen-Anhalts Straßen für E-Scooter-Fahrer?

"Wir brauchen mehr gut ausgebaute Radwege"

Eine Helmpflicht ist bislang nicht geplant. Sascha Reißner hält diese aber für zwingend notwendig. Denn: "Das Fahrradwegenetz ist nicht gut genug ausgebaut. Das reicht ja nicht mal für Fahrradfahrer", sagt der Magdeburger. "Und wenn du mit dem E-Scooter auf die Straße ausweichen musst, dann hast du dasselbe Problem wie sie: Du fährst mit deinen 15 Kilometern pro Stunde und dann ballern die Autos und Lkw mit 50, 60 Sachen an dir vorbei."

Und das teilweise mit nur ein, zwei Metern Abstand. "Das schaukelt dann schon", erzählt Reißner. "So ein E-Scooter hat ja nochmal ein kleineres Volumen als ein Fahrrad und fährt auch in den meisten Fällen nicht mehr als 20 Kilometer pro Stunde. Wenn ich damit auf der Straße fahren musste, habe ich mich nicht sicher gefühlt. Das war kein cooles Gefühl."

Also bleibt nur der Fahrradweg. Und deshalb hat Sascha Reißner einen Wunsch: "Ideal wäre es, wenn es genügend gut ausgebaute Radwege für alle geben würde – Fahrradfahrer und E-Scooter-Fahrer. Das brauchen wir." Doch er ahnt: "Selbst, wenn das neue Gesetzt jetzt kommt, ist es bis dahin wohl noch ein weiter Weg."

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

George liebte früher seinen Cityroller – da musste er noch selber treten.

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Quelle: MDR/dg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07. Mai 2019 | 13:00 Uhr

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