Kommentar Zahlenspiele bei Schulschließungen – Warum es mehr Eindeutigkeit braucht

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Corona-Eindämmungsverordnung sieht vor, dass Schulen bei steigenden Neuinfektionen geschlossen werden können, nicht müssen. Unser Politikredakteur Stephan Schulz wünscht sich da mehr Eindeutigkeit - ein Kommentar.

Collage: Eine Schülerin einer 12. Klasse schreibt während einer Unterrichtsstunde an der Max-Planck-Schule auf ihrem Tablet. Stühle sind in einem leeren Klassenzimmer auf Tische hochgestellt.
In einem Landkreis sind die Schulen offen, in einem anderen geschlossen – obwohl die Inzidenzen die kritischen Werte überschreiten. Bildrechte: dpa | Grafik MDR

Im Landkreis Stendal bleiben die Schulen in dieser Woche geschlossen, im Saalekreis hingegen bleiben sie geöffnet, obwohl auch dort die Marke von 200 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner überschritten wird.

Als ich das hörte, war mein erster Reflex zu sagen, das Bildungsministerium misst mit zweierlei Maß und hält sich nicht an die Corona-Eindämmungsverordnung des Landes Sachsen-Anhalt. Doch das war zu einfach gedacht.

Plausibles Vorgehen mit absurden Folgen

Das Bildungsministerium braucht einen Zeitpuffer, um Lehrer und Lehrerinnen, Kinder und Eltern rechtzeitig über bevorstehende Schulschließungen informieren zu können. Deshalb entscheidet das Ministerium immer donnerstags, ob Schulen in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt in der darauf folgenden Woche in den Distanzunterricht gehen müssen.

Das Vorgehen ist aus meiner Sicht plausibel, führt in der Praxis dennoch zu Absurditäten. Der Landkreis Stendal liegt seit Ende der vergangenen Woche nun wieder unter der Inzidenz von 200, der Saalekreis hingegen weit über der 200er-Marke. Genau genommen müssten also die Schulen des Saalekreises geschlossen sein und nicht die in Stendal.

Doch das Bildungsministerium guckt aus den eben schon erwähnten und nachvollziehbaren Gründen immer nur einmal in der Woche, ob es seit drei Tagen hintereinander brennt. Wenn die Flammen mit dem Stichtag Donnerstag nur zwei Tage lodern, passiert eine Woche lang nichts oder nur punktuell. Ob das Verfahren also hilft, die Corona-Neuinfektionen einzudämmen, darf zumindest bezweifelt werden.

Die Orientierung fehlt

Es geht mir dabei auch nicht um die Frage, ob Schulschließungen aus medizinischer Sicht sinnvoll sind oder nicht. Es geht mir um Orientierung. Und die fehlt mir in der Anwendung der Eindämmungsverordnung. In dem Regelwert steht geschrieben, dass die Schulen bei einer Inzidenz über 200 (drei Tage hintereinander) geschlossen werden können. Das Wort "müssen" steht da nicht.

Mir ist das zu schwammig formuliert. Man bekommt dadurch schnell das Gefühl, dass jeder macht, was er will. Wenn ich auf der Autobahn in einen Baustellenbereich hineinfahre, steht dort auch nicht, sie können Tempo 30 fahren, sondern sie müssen, ansonsten gibt es Punkte in Flensburg und eine ordentliche Geldstrafe. 

Ähnlich eindeutige Verordnungen und Gesetze wünsche ich mir auch für die Pandemiebekämpfung, damit ich weiß, was gilt und weiterhin Vertrauen in staatliches Handeln haben kann.

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Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik so selten an die Wissenschaft hält.

Deswegen schreibt und spricht er so gern darüber.
Stephan Schulz ist seit 2001 festangestellter Redakteur bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Außerdem ist er einer der beiden Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/Martin Paul

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 19. April 2021 | 17:00 Uhr

2 Kommentare

Warum nicht vor 3 Wochen

Da man die Werte des RKI nimmt, die wegen Meldeverzugs etc. oft den höheren Werten des Landes hinterher hinken, "lügt man sich auch ein wenig selbst in die Tasche". Man geht wider besseres Wissen von niedrigeren Werten aus und verschiebt dadurch die Schließung der Schulen. Die Pandemie wird sich auch dadurch eher nicht eindämmen lassen.

walter helbling vor 3 Wochen

Danke, dass Sie diese schwammige Umsetzung der Verordnung thematisieren. Ich weise auf eine weitere Besonderheit hin . Wir hatten dieses Wochenende 4 Landkreise (2 pro Tag), welche ihre Zahlen nicht gemeldet haben, in der Tabelle des Gesundheitsministeriums mit Null aufgeführt sind und damit unter die Inzidenz von 200 fallen. Für einen Tag. Dann kann man neu zu zählen beginnen. Mansfeld-Südharz, Salzlandkreis, Stendal am Freitag/Samstag usw.

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