Kommentar Vorzeitige Corona-Impfung von Kommunalpolitikern: Noch wer?

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Mehrere Kommunalpolitiker in Sachsen-Anhalt haben vorzeitig eine Impfung gegen das Coronavirus bekommen – obwohl sie ihnen noch nicht zugestanden hätte. Der Umgang damit ist unterschiedlich: Einige räumen ihren Fehler ein, andere verteidigen sich – und befeuern mit ihrer Argumentation den Vertrauensverlust in Politik. Ein Kommentar.

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) sitzt vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags in Magdeburg.
In der Kritik: Halles Oberbürgermeister Wiegand ist schon geimpft. Ein Problem sieht er darin nicht. Bildrechte: dpa

Erinnern Sie sich noch an den 26. Dezember 2020? Medien aus ganz Deutschland berichteten damals aus Halberstadt. Eine 101 Jahre alte Heimbewohnerin im Landkreis Harz bekam dort die bundesweit erste Impfung gegen das Coronavirus. Sachsen-Anhalt war plötzlich bundesweit Vorreiter beim Impfen, begann die eigentliche Impf-Kampagne doch erst einen Tag später. Nun berichten wieder Medien aus ganz Deutschland übers Impfen in Sachsen-Anhalt – und das ist wenig schmeichelhaft für so manchen Kommunalpolitiker.

Seit Montagabend ist klar, dass auch der Landrat des Saalekreises zur Runde der vorzeitig geimpften Kommunalpolitiker gehört. Hartmut Handschak bekam die Spritze nach Angaben der Kreisverwaltung bereits zu Silvester. Er ist neben dem halleschen Oberbürgermeister Bernd Wiegand und dem Wittenberger Landrat Jürgen Dannenberg nun schon der dritte (bekannte) Verwaltungschef, der geimpft wurde – obwohl er noch nicht an der Reihe war.

Die Argumentation ist in allen Fällen dieselbe: Der Impfstoff wäre doch sonst verfallen. Wollt ihr das wirklich? Nein. Natürlich will das niemand. Aber es sollte doch bitteschön möglich sein, das Vakzin vor allem denen zu verabreichen, die wegen ihres Alters, möglicher Vorerkrankungen oder einem Job in Pflege und Medizin besonders gefährdet sind. Oder vielleicht noch besser. Wenn sowieso klar ist, dass abends Impfstoff übrig bleibt: Warum informiert man Personen aus der Risikogruppe nicht am Tag zuvor, dass sie womöglich spontan zur Impfung kommen können?

Man sollte sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Die Stadt Magdeburg verkündet dieser Tage per Pressemitteilung, dass dort bislang weder der Oberbürgermeister noch irgendein Beigeordneter oder eine Stadträtin geimpft wurde. Die Stadt teilt also mit, sich an die Regeln gehalten zu haben – so weit ist es schon gekommen.

Die Wirkung von Wiegands Äußerungen ist verheerend

Anders als der hallesche OB haben die Landräte Dannenberg und Handschak öffentlich eingeräumt, einen Fehler gemacht zu haben. Bernd Wiegand dagegen hat zwar Fehler in der Kommunikation eingeräumt, beharrt sonst aber auf seinem Standpunkt. Zudem verweist er auf seine Bedeutung als Chef des Katastrophenschutzstabes der Stadt. Das mag ein berechtigter Grund sein, macht die Wirkung nach außen aber nur schlimmer: Stellt euch alle mal nicht so an. Ich bin wichtig, also kann ich auch außer der Reihe geimpft werden, wenn Impfstoff übrig ist. Abgesehen davon, dass bei dieser Argumentation auch eine ganze Reihe anderer Personengruppen ein Anrecht auf vorzeitige Impfung hätte, zeugt sie von fehlendem Instinkt. Dem Stadtoberhaupt scheint noch immer nicht klar, welche Wirkung seine Äußerungen haben. Sie schüren Unverständnis und Verdrossenheit in Politik.

Beides kommt zur Unzeit. Am Mittwoch treffen sich Bund und Länder, um über das weitere Verfahren in der Pandemie zu beraten. Dass der Shutdown bis Ende Februar verlängert werden soll, wird mit jeder Stunde wahrscheinlicher. Das der Bevölkerung zu erklären, wird ohnehin schwierig genug für die Kanzlerin und die Regierungschefs der Länder: Schließlich gehen die Zahlen seit Tagen zurück, bundesweit liegt die 7-Tage-Inzidenz seit Monaten das erste Mal unter 75. In dieser Situation Verschärfungen zu verlängern, bedarf einer guten Argumentation – und eines Vertrauensvorschusses. Mit der vorzeitigen eigenen Impfung und ganz besonders mit dem anschließenden Umgang damit hat so mancher dem Vertrauen in Politik massiv geschadet – keine guten Voraussetzungen für das Superwahljahr 2021.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

MDR/Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Februar 2021 | 12:00 Uhr

4 Kommentare

Anni22 vor 32 Wochen

Liebe Vorzeitiggeimpfte, ich möchte Ihnen nochmal verdeutlichen, was Sie tun. Sie schupsen einen alten Menschen über 80 (oder jemanden mit schweren Vorerkrankungen) zur Seite, damit Sie zuerst am Freßnapf sind. Das brauchen Sie sich auch nicht schön zu reden, denn es ist genau DAS was Sie tun!

nilux vor 32 Wochen

"Tom Wolter wurde geimpft" .. weil er Mitglied des Stadtrats ist. Er hatte nichts gewusst. Sorry, das ist doch alles äußerst naiv. Ich bin irgendwie fassungslos...

kleinerfrontkaempfer vor 32 Wochen

Kein Aufregung werte Medien.
Passiert landauf - landab jeden Tag.
Heute (09.02.2021) kam die Meldung über die Impfung von Verwaltungsdirektoren einer othopäd. Klinik in Bad Reinhardshain / Hessen.
Also ist das über die ganzen Tage / Wochen hin schon Normalzustand. Diese Leute zählen doch auch dann in der glorreichen Impfsstatistik mit.

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