Bildungspolitik Tullner will Zugang zum Realschulabschluss erschweren – und erntet Kritik

Bildungsminister Marco Tullner verteidigt die Pläne, für Schüler und Schülerinnen in Sachsen-Anhalt den Zugang zum Realschulabschluss zu erschweren. Für diese Pläne erntet der CDU-Politiker parteiübergreifend heftige Kritik. Die Rede ist von einer "bildungspolitischen Katastrophe" und einem "Angriff auf die Zukunft junger Menschen". Auch die Lehrergewerkschaft GEW kann das Vorhaben nicht nachvollziehen.

Marco Tullner steht in einem Klassenzimmer 3 min
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Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner will den Zugang zum Realschulabschluss erschweren.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 20.04.2021 16:52Uhr 03:04 min

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Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner hat seinen Plan für strengere Zugangskriterien für den Realschulabschluss verteidigt. Demnach soll ein Kind mit zwei Vieren im Zeugnis künftig nicht mehr die Realschule besuchen dürfen. Bisher reicht dafür ein Gesamtnotenschnitt von Vier.

Dazu sagte Tullner MDR SACHSEN-ANHALT am Dienstag, man habe mit der Verschärfung ausnahmslos den Bildungserfolg der jungen Leute im Blick. Ziel sei, die Zahl der Schulabbrecher zu reduzieren. Wer vielleicht gerade so einen Realschulabschluss schaffen würde, der mache dann erstmal den Hauptschulabschluss und habe so einen Bildungserfolg. Dann könne er immer noch jederzeit jeden anderen Abschluss machen, so der CDU-Politiker.

Lippmann: "Plan unter allen Umständen verhindern"

Die Pläne Tullners waren parteiübergreifend auf Kritik gestoßen. Linken-Fraktionschef Thomas Lippmann sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Minister Tullner wolle über Nacht Tausenden von Schülern die Tür zum Realschulunterricht vor der Nase zuschlagen. Das sei ein völlig willkürlicher Eingriff in die Bildungswege von zwölfjährigen Kindern. Tullner verbaue ihnen jeden Weg zu einem guten Schulabschluss und zu einer guten Berufsausbildung. Dieser Plan müsse unter allen Umständen verhindert werden: "Wenn das Herr Tullner nicht begreift, dann muss Ministerpräsident Haseloff eingreifen und die Geisterfahrt seines Bildungsministers stoppen."

Pähle: "Bildungspolitische Katastrophe"

Kritik kommt auch von der SPD. Fraktionschefin Katja Pähle spricht von einer bildungspolitischen und sozialpolitischen Katastrophe. Mit der Veränderung der Versetzungsverordnung würden die Zukunftschancen vieler Kinder und Jugendlicher extrem eingeschränkt.

Man wisse, dass der Hauptschulabschluss für eine berufliche Ausbildung heute kaum eine Perspektive darstellt. Außerdem würden diese Pläne sowohl Schüler als auch deren Eltern demotivieren – diese hätten nach einem Jahr Corona-Unterricht Großartiges geleistet, um im Homeschooling dranzubleiben. Pähle sagte am Dienstag im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT: "Viele Eltern fassen sich jetzt an den Kopf. Ich kann den Vorstoß des Bildungsministers nicht verstehen. Bildung braucht mehr als die Verschärfung der Versetzungsverordnung."

Kleemann: "Angriff auf die Zukunft junger Menschen"

Die Vorsitzende des SPD-Landesverbandes, Juliane Kleemann, sagte, der Plan von Minister Tullner sei an Zynismus nicht zu überbieten, denn er verkaufe das Ganze noch als Hilfe für schwächere Schüler. Tullners Aktion sei ein Angriff auf die Zukunft junger Menschen in unserem Land und damit auf das Land selbst. Kleemann sagte, Kinder bräuchten gerade jetzt Unterstützung, um durch Lerndefizite nicht den Anschluss zu verlieren. Die neue Verordnung tue aber genau das Gegenteil.

Lüddemann: "Anhebung des Notendurchschnitts war nie Thema"

Die Grünen reagierten überrascht und ebenfalls kritisch auf die Pläne im Bildungsministerium. Fraktionschefin Cornelia Lüddemann sagte MDR SACHSEN-ANHALT, die Anhebung des Notendurchschnitts für den Zugang zur Realschule sei nie im politischen Raum diskutiert worden. Der Plan werde dazu führen, dass weniger Kinder in den Realschulzweig wechselten. Aus Sicht der Grünen sei das falsch, weil die Stärke der Sekundarschulen im Land gerade die Verbindung von Haupt- und Realschule sei. Das müsse auch weiterhin gewährleistet werden. Lüddemann: "Wir vermuten, dass diese Maßnahme getroffen wird, um weniger Kinder in Abschlussklassen betreuen zu müssen. Ich hoffe, dass das Bildungsministerium die kritischen Hinweise aufnimmt und die geplante Verschärfung überdenkt."

GEW: "Unpädagogisch und ungerecht"

Auch die Lehrergewerkschaft GEW hatte sich zuvor kritisch geäußert. Die Landesvorsitzende Eva Gerth bezeichnete das Vorhaben als unpädagogisch und ungerecht. Kindern im Alter von zwölf Jahren den weiteren Bildungsweg in dieser Art vorzuschreiben, deute auf wenig Einblick in die Schulen hin.

Rückenwind lediglich von AfD

Unterstützt werden die die Pläne des Bildungsministers hingegen von der AfD. Der bildungspolitische Sprecher Hans-Thomas Tillschneider sagte, er begrüße jeden Schritt, der die Leistungsmaßstäbe in den Schulen anhebe. 

Bildungsministerium: Plan noch in Prüfung

Das Bildungsministerium weist darauf hin, dass es sich bei dem Plan zurzeit erst um eine Verordnung in der Anhörung handele. Diese werde derzeit bearbeitet. Danach werde geschaut, welche Regelungen sich final in der Verordnung finden würden. Man rede keinesfalls über einen abgeschlossenen Vorgang.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 20. April 2021 | 17:00 Uhr

28 Kommentare

Moewe1 vor 3 Wochen

Sagt der Notendurchschnitt allein etwas über das Bildungsniveau aus? Nein, genau so wenig wie die 7 - Tage Inzidenz über den Stand der Pandemie. Bildungsdefizite müssen sich nicht im Notendurchschnitt widerspiegeln, wenn nur leichte Test und Klassenarbeiten geschrieben werden. Es ist also kein geeignetes Mittel, dass Bildungsniveau langfristig zu heben. Da macht es sich der Herr Minister und die AfD zu einfach. Die Verlierer sind die Schüler, aber die wählen ja auch nicht die nächste Regierung.

wkh vor 3 Wochen

Ist die Überlegung von Herrn Tullner ein Versuch von den massiven Schwierigkeiten beim Distanzlernen abzulenken?
Aufgrund der derzeitigen Probleme bei der Umsetzung ist zu erwarten, dass dies sich künftig auch in Schulnoten widerspiegeln wird. Somit würden SchülerInnen bestraft, deren Eltern die Defizite des Homeschoolings, für deren erfolgreiche Umsetzung das Bildungsministerium zuständig ist, nicht ausgleichen können.
Der Fokus von Herrn Tullner sollte aus meiner Sicht in der erfolgreichen Umsetzung des Distanzunterrichts liegen - das wäre jetzt wirklich wichtig.

Tacitus vor 3 Wochen

Wir erleben seit Jahrzehnten den stetigen Niedergang unseres Bildungssystem (Schulen und Universitäten). Damit wird eine wichtige Voraussetzung für unseren Wohlstand Stücl kfür Stück demontiert. Verantwortlich dafür sind gerade die Parteien und Gruppen, die Herr Tullner im obigen Artikel krisitieren.
Härtere Zulassungsbedingungen für das Gymnasium und für die Unis wären dringend nötig. Die Realschule ist nicht das Problem. Das Ausufern der "Geschwätz"fächer an den Unis produziert immer mehr Absolventen, die die Gesellschaft nicht braucht. Stattdessen sollten Facharbeiter- und Handwerkerberufe gestärkt werden, sowohl zahlenmäßig als auch im Ansehen in der Bevölkerung.

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