Buch zur Landeskunde Sachsen-Anhalt: Von der roten Laterne zum Zukunftslabor?

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Nach der Wende galt Sachsen-Anhalt lange Zeit als krisengeschüttelter Landstrich – eine Region, geprägt von Deindustrialisierung und Abwanderung, die dauerhaft zum Armenhaus der Republik werden könnte. Das lag auch daran, dass die Politik versuchte, ein westdeutsches Erfolgsmodell zu kopieren, das seine besten Zeiten bereits hinter sich hatte. Viele der Entwicklungen, die einst in Sachsen-Anhalt belächelt wurden, sind inzwischen bundesweit zu beobachten. Das neue Handbuch der Poltischen Landeskunde zeichnet diese Entwicklungen nach.

In Rapsfeld blüht mitten in einem Windpark.
Krisengeschüttelte Region?! Das ist Sachsen-Anhalt nicht mehr. Das hat auch mit dem frühzeitigen Einsatz regenerativer Energien zu tun. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Die ersten Jahre waren wohl ein Fehlstart für Sachsen-Anhalt. Während in Thüringen und Sachsen mit Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel zwei erfahrene Politiker die Landespolitik gestalteten, brauchte Sachsen-Anhalt in den ersten vier Jahren drei Ministerpräsidenten und so wie sich die Landespolitik von Skandal zu Skandal hangelte, so brachen zeitgleich jeden Monat Tausende Arbeitsplätze weg.

Dass es ökonomisch Sachsen-Anhalt heftiger traf als andere neue Länder, lag auch an dem schwierigen Erbe, denn die Großindustrie der ehemaligen Bezirke Halle und Magdeburg sorgte für etwa die Hälfte der DDR-Wirtschaftskraft. Abriss statt Aufbruch prägte die wirtschaftliche Entwicklung der neunziger Jahre, begleitet von der Abwanderung einer ganzen Generation.

Modern durch Veränderung

Doch vieles, was einst mit westdeutschem Blick als befremdlich wirkte oder gar als Fehlentwicklung galt, ist inzwischen Teil auch Teil der westdeutschen Gegenwart.

  • Bindung an politische Parteien schwindet: Lange Zeit galt im Westen, dass man die politische Überzeugung in der Wahlkabine zeigte, indem man zeitlebens das Kreuz bei immer der gleichen Partei setzte. Sachsen-Anhalt als Land der Wechselwähler war lange Zeit Vorreiter dieser Entwicklung, der Westen holt da jetzt auf.

  • Weniger Parteimitgliedschaften: In ihren Hochzeiten hatte die SPD in Westdeutschland über eine Million Mitglieder, die CDU brachte es immerhin mal auf über 700.000. In Sachsen-Anhalt hat die CDU mit rund 6.000 Mitgliedern in etwa so viele Parteifreunde wie ein westdeutscher Kreisverband und ist trotzdem Sachsen-Anhalts mitgliederstärkste Partei. Inzwischen verlieren auch im Westen die Volksparteien an Mitgliedern.

  • Das klassische Familienmodell erodiert: Da in Ostdeutschland schon immer Frauen eine hohe Erwerbsquote hatten, führte das zu einer größeren Unabhängigkeit der Frauen. Alleinerziehende sind inzwischen auch im Wesen Deutschlands keine Exoten mehr und die Zahl der Alleinerziehenden gleicht sich an.

  • Kirchen verlieren an Bedeutung: In einigen Regionen Ostdeutschlands liegt der Anteil der Kirchenmitglieder bei unter sieben Prozent. Weltweit gibt es für eine solche Entwicklung nur sehr wenige Beispiele. Doch inzwischen brechen auch in den westdeutschen Bundesländern die Mitgliedszahlen ein.

Wenn Sachsen-Anhalt derzeit mit dem Spruch "Land der Moderne" Werbung macht, so bezieht sich das eigentlich auf das Bauhaus, also jene Moderne, die vor 100 Jahren modern war. Im übertragenen Sinn kann das aber auch auf die gegenwärtige Situation des Landes übertragen werden. Das bestätigt Maik Reichelt, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung. "Das Land der Experimente waren wir und können wir auch immer wieder sein", sagt Reichel. "Weil ich glaube, dass wir gezeigt haben, dass so ein Experiment auch gut gehen kann. Es kann scheitern, aber Sachsen-Anhalt hat gezeigt, dass es auch klappen kann."

Aufschwung Ost nach 30 Jahren?

Generationen von Politikern durchschnitten Bänder auf den staubigen Gewerbegebieten des Landes, immer in der Hoffnung, er möge nun endlich kommen, der Großinvestor. Und weil die sich weiterhin zierten, investierten Sachsen-Anhalts Landesregierungen selbst viele hundert Millionen Euro, mal in die IT-Wirtschaft, mal in die Grüne Biotechnik, mal in die Solarenergie. Doch langfristig konnte sich keine dieser Branchen in Sachsen-Anhalt etablieren.      

Dass sich das Blatt ausgerechnet jetzt, nach dem Ende der Massenarbeitslosigkeit und mitten im um sich greifenden Fachkräftemangel, wendet, ist beinahe schon eine Ironie. Der Osten holt unter anderem auch deshalb auf, weil er bei der Verfügbarkeit von regenerativen Energien einen Vorsprung gegenüber den klassischen Industriestandorten hat. Ein "Made in Germany" reicht in Zukunft nicht mehr als Wettbewerbsvorteil, wenn nicht auch die ökologischen Erwartungen der Märkte bedient werden, vor allem natürlich die Klimaneutralität. Auch da hat Sachsen-Anhalt mit einer Wasserstoffstrategie schon frühzeitig den Trend erkannt und ist Vorreiter unter den deutschen Industrieregionen.

Die aktuelle Debatte um das Ende russischer Gaslieferungen zeigt die Dringlichkeit dieses technologischen Neustarts. Aber auch beim Umweltschutz hat Sachsen-Anhalt in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich aufgeholt. Das bestätigt auch Roger Stöcker, Politikwissenschaftler und Mitherausgeber der politischen Landeskunde: "Wenn der Laie mal einen kurzen Rückblick wagen möchte, dann schaut er sich den bekannten Film: 'Go Trabi go' an: Wie die da 1990 in Bitterfeld losfahren, zum Aufbruch der Italienreise, dann weiß man, wie es vor 30 Jahren in Sachsen-Anhalt aussah und was sich da getan hat. Was da heute für moderne Industrieanlagen existieren, was an Filteranlagen eingebaut wurde. Und da riechts eben nicht mehr nach chemischen Stoffen, wenn man durch so eine Industrieanlage fährt."

Der lange Schatten der neunziger Jahre

Blättert man im politischen Handbuch Sachsen-Anhalt, dann wird vor allem an dem Zahlenmaterial deutlich, wie stark die Umbrüche das Land verändert haben. Deutlich wird aber auch, dass so ziemlich jede Familie von den Veränderungen betroffen war und die Folgen bis heute spürbar sind, in der Lohnlücke zu den westdeutschen Bundesländern zum Beispiel oder auch in den Langzeitfolgen der Abwanderung. Und hier sieht Roger Stöcker derzeit den größten politischen Handlungsbedarf.

Ein junger Mann mit kurzen, dunklen Haaren steht vor einem blauen Gebäude und schaut in die Kamera
Politikwissenschaftler Stöcker: "Da riechts nicht mehr nach chemischen Stoffen." Bildrechte: MDR Sachsen-Anhalt/Alisa Sonntag

Es sei schwer verständlich, warum es in Sachsen-Anhalt keinen Ministerposten für Demographie gebe. Das Thema sei von solcher Dringlichkeit, dass es eine eigene Zuständigkeit brauche, ähnliches gelte auch für den Bereich Gesundheit in dem sich ja nicht erst seit Pandemie die Probleme stauen. Roger Stöcker, übrigens in Staßfurt geboren, sieht aber noch eine weitere Schwierigkeit: "Ich glaube, es gibt ein Problem, dass Sachsen-Anhalt ganz generell hat, dass nämlich die positiven dreißig Jahre nicht gezeigt werden. Wenn man hier durch diese Städte geht, Magdeburg, Halle oder Halberstadt, dann sieht man, dass sich da viel zum Guten verändert hat. Das muss man den Leuten auch mal vor Augen führen und damit vielleicht ein bisschen Stolz in den Leuten wecken."

Ein Jubelbuch ist die politische Landeskunde jedoch nicht, sondern ein politischer Zwischenbericht aus einer Region, die beispielhaft für einen Veränderungsdruck steht, der sich inzwischen auch anderswo in Deutschland abzeichnet. Dass dies aber auch Verunsicherungen oder gar Ängste produziert, ist die Kehrseite dieser Entwicklung. Für diesen Umstand hat Sachsen-Anhalts Landepolitik bislang aber zu selten überzeugende politische Antworten gefunden.

Wo es das Buch gibt

Das Buch "Sachsen-Anhalt – eine politische Landeskunde" ist erstmals 2019 erschienen. Eine aktualisierte Auflage – 340 Seiten dick – gibt es unter anderem im Webshop der Landeszentrale für politische Bildung zu bestellen. Kostenlos.

Ein Buch steht in einem Bücherregal.
Das Buch zur politischen Landeskunde ist 340 Seiten dick. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Mehr zum Thema: Wirtschaft und Politik in Sachsen-Anhalt

MDR (Uli Wittstock, Luca Deutschländer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23. April 2022 | 12:00 Uhr

1 Kommentar

Reiner202 vor 14 Wochen

Sachsen- Anhalt Ist bezeichnet für Verunstaltung schöner Landschaft.

Mehr Politik in Sachsen-Anhalt