Zukunft in Havelberg Neue Medizin-Konzepte für ländlichen Raum kommen langsam voran

Für ein neues Gesundheitszentrum statt des geschlossenen Krankenhauses in Havelberg gibt es mittlerweile Geld. Aber noch keine Ärzte. Und Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne spricht zwar von einem bundesweit einmaligen Projekt, räumt aber ein: Für die ebenfalls kritischen Standorte Gardelegen und Genthin müssen andere Lösungen gefunden werden. Opposition und Bürgerinitiativen geht das alles zu langsam.

Der Mittwochmittag vor dem Landtag von Sachsen-Anhalt. Rund ein Dutzend Personen hatte sich zu einer Kundgebung zusammengefunden. Die Bürgerinitiative "Pro Krankenhaus Havelberg" verlas zwei Schreckensmeldungen aus dem ländlichen Nordosten des Landes: Zwischen den Jahren sei ein offener Waden- und Schienbeinbruch erst nach fast sechs Stunden erstmals behelfsmäßig operiert worden. Ein Herzinfarktpatient sei an Neujahr verstorben, weil der Rettungswagen sich verfahren habe: Er traf 35 Minuten nach dem Notruf ein. Alles verhinderbar, so der Tenor, hätte man das Krankenhaus in Havelberg nicht 2020 geschlossen.

Der Vereinsvorsitzende dichtete: "Hast du einen Notfall im Ort, fährt dich der Leichenwagen fort." Die Forderungen für die Zukunft kommen allerdings ohne Sarkasmus aus: "Wir wollen eine Notfallambulanz, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", sagte Anke Görtz stellvertretend für den seit zwei Jahren aktiven Verein.

Drei-Stufen-Plan für integriertes Gesundheitszentrum

Soweit will die Landesregierung erstmal nicht gehen. Auf Antrag der Grünen gab sie am Nachmittag im Sozialausschuss einen Ausblick auf die Zukunft von Havelberg. Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) und der neue Geschäftsführer der Salus Altmark Holding, Jürgen Richter, präsentierten bereits in Teilen Bekanntes: Ein dreistufiges Modellkonzept soll wieder eine umfassendere medizinische Betreuung vor Ort aufbauen - und zwar in einem Teil des 2020 geschlossenen Krankenhauses.

Das Konzept sieht Folgendes vor:

I. Stufe: In einem Teil des ehemaligen Krankenhauses wird ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) geschaffen, das auch abends und samstags geöffnet ist. Hier sollen insgesamt drei Ärzte arbeiten. Sie alle sind Hausärzte.

II. Stufe: Eine pflegerische Überwachung wird eingerichtet. Patienten können dann auch über Nacht im MVZ bleiben. Ein Arzt oder eine Ärztin ist dann allerdings nicht vor Ort. Salus-Geschäftsführer Richter geht derzeit von sechs bis zehn Betten aus. Festgelegt ist das allerdings noch nicht.

III. Stufe: Facharztpraxen werden an das MVZ angeschlossen. Dadurch können nicht nur Notfälle vor Ort behandelt werden.

Personalmangel sorgt für Startschwierigkeiten

Sozialministerin Petra Grimm Benne (SPD,Sachsen Anhalt) - Landtagssitzung im Landtag von Sachsen Anhalt
Für Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) handelt es sich um ein bundesweit einmaliges Konzept Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Einen genauen Zeitplan blieben Grimm-Benne und Richter den Abgeordneten schuldig. Zwar hat die Salus Altmark Holding für die erste Stufe bereits im vergangenen Jahr die Stellen ausgeschrieben. Bislang fand sich allerdings noch niemand dafür. Eine interessierte Internistin habe zunächst nicht die Hausarztstellen übernehmen wollen, die die Kassenärztliche Vereinigung am Ort vorschreibt.

Geschäftsführer Richter im Ausschuss: "Man kann niemanden zwingen, nach Havelberg zu gehen." Er kündigte weitere Werbemaßnahmen an und überlegt, eine Personalvermittlung einzuschalten. Im Gespräch mit dem MDR betonte er die Vorteile für Medizinerinnen und Mediziner: "Der Modellcharakter führt dazu, dass man auch neue, innovative Dinge ausprobieren kann." Das MVZ selbst sei rein technisch binnen weniger Wochen betriebsbereit. Notfalls starte man auch erstmal mit einer Teilzeitstelle, so Richter.

In ein ähnliches Horn bließ die Ministerin. Grimm-Benne forderte vom Landtag mehr "Optimismus", es gehe um ein einmaliges Projekt mit dem Sachsen-Anhalt bundesweit zeigen könne, wie sich die Versorgung im ländlichen Raum absichern lässt.

Modellprojekt wird aus Sondervermögen finanziert

Neu im Vergleich zu bisherigen Ankündigungen für das Projekt ist: Mit dem Corona-Sondervermögen steht nun endlich auch das nötige Geld für solche Modellvorhaben zur Verfügung. Grimm-Benne hofft, dass es sich um eine Anschubfinanzierung handelt. Schließlich wolle die neue Bundesregierung die Krankenhausfinanzierung reformieren, wovon dann auch Zentren wie das für Havelberg geplante profitieren würden.

Sie verwies zudem auf das novellierte Landesrettungsdienstgesetz, Digitalisierungsprojekte im Rettungswesen und weitere Mittel für den Ausbau von Telemedizin im Sondervermögen. All diese würden bald ebenfalls zu einer Verbesserung vor Ort beitragen.

Eine Zweiflerin an dem Projekt war am Mittwoch nicht mit im Landtag: Die Kassenärztliche Vereinigung geht laut Salus und Sozialministerium derzeit nicht davon aus, dass es überhaupt so viel Bedarf gibt, wie derzeit an Angebot für Havelberg geplant wird. Entsprechend unterstützt sie nur eine der drei ausgeschriebenen Arztstellen.

Salus und Land stehen dennoch hinter dem Projekt. Jürgen Richter sagte, für die ersten Jahre werde selbst in der ersten Stufe jährlich ein Defizit von bis zu 100.000 Euro erwartet. Das sei aber auch ohne Landesmittel ausgleichbar.

Opposition sieht viele offene Fragen

Zwar unterstützten Mitglieder aller sechs Fraktionen im Ausschuss grundsätzlich den Plan, es gab aber auch viel Kritik. Ulrich Siegmund (AfD) sah seit zwei Jahren kaum Fortschritte in den Planungen. Er forderte weitere finanzielle Aufwendungen und den Einsatz von Honorarärzten in Havelberg. Laut Holding-Geschäftsführer Richter sei Letzteres aber nicht zielführend.

Ginge es nach Susan Sziborra-Seidlitz (Grüne) wäre bereits eine ganzzeitig verfügbare Notfallversorgung in das Konzept integriert.

Wulf Gallert (Die Linke und Vereinsmitglied in Havelberg) bemängelte, dass es weiterhin keinen konkreten Zeitplan gebe. Auch sei nicht klar, nach welchen Kriterien weitere notwendige Modellprojekte erarbeitet werden sollen.

Denn sowohl Grimm-Benne als auch Richter betonten zwar, dass das Gesundheitszentrum in Havelberg "Vorbildcharakter" für andere Standorte im Land habe. Gleichzeitig sagte die Ministerin, die Situation und Anforderungen lassen sich weder auf Genthin noch auf Gardelegen übertragen. In beiden Städten im Landesnorden wurde in der Vergangenheit ebenfalls die medizinische Versorgung zurückgefahren - und damit die Fahrtzeit für viele Notfälle erhöht.

Auch Lösungen für Gardelegen und Genthin in Arbeit

So gibt es seit diesem Jahr keinen stationären Betrieb mehr auf der Kinderklinik im Krankenhaus Gardelegen. Die Salus Altmark Holding hat nicht mehr ausreichend Personal gefunden, es fehlt an Ärztinnen und Ärzten. Eine bereits im letzten Sommer angebahnte Kooperation mit dem Uniklinikum Magdeburg und dem Städtischen Klinikum Magdeburg soll zukünftig Abhilfe schaffen: Stellen sollen gemeinsam ausgeschrieben werden, Ärzte in Ausbildung zwischen den Standorten rotieren. Mittlerweile wurde ein regelmäßiger Austausch zwischen den drei Kliniken eingerichtet.

In Genthin wiederum wurde 2017 der Krankenhausbetrieb eingestellt. Dem Stadtrat schwebt eine Portalklinik vor, noch ein Modellprojekt. Das unterstützt die Landesregierung, allerdings sieht sie sich laut Grimm-Benne zunächst in der Rolle der Vermittlerin, nämlich zwischen dem Landkreis und den Johannitern, die in Stendal ein Krankenhaus betreiben und das bis 2017 auch in Genthin getan haben.

Matthias Günther (parteilos) begrüßte nach der Ausschusssitzung. "Das Ministerium muss jetzt die Anforderungen schärfen", sagte Günther. Dann könnten etwaige Träger Projektskizzen vorlegen. Es gehe ihm um eine dauerhafte Rund-um-die-Uhr-Notversorgung in Genthin.

MDR (Thomas Vorreyer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT Heute | 12. Januar 2022 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Wagner vor 1 Wochen

Das Problem liegt in der Krankenhausplanung der Länder (KH-Planung ist Ländersache) und den differierenden Interessen von Trägern und Krankenkassen.Das flache Land spielt da keine Rolle : keine Patienten ,wenig Fälle und damit geringer Abrechnungsrelevanz. Eine wohnortnahe Versorgung ist da für etliche Krankheitsbilder ausgeschlossen. Gut oder schlecht ? Das Problem sind die Kosten . Corona spielt da noch gar keine Rolle . Eine älter werdende Bevölkerung mit höheren Risiken ,wobei auch die junge und jüngere Klientel Risiken aufweist, erzwingt über kurz oder lang zu Umstellungsprozessen,denen man sich stellen muss. Muss jeder ins KH? Gehts auch ambulant? Wie sichert man den ambulanten Bereich ? Da müssen auch dann Ärzte hin. D muss so langsam aus der Wohlfühlzone raus.

Basil Disco vor 1 Wochen

Wenn Gesundheit zur Ware verkommt, sterben Menschen. In einem der reichsten Länder der Welt. Es ist einfach nur noch widerlich.

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