Bei geringer Corona-Inzidenzzahl Wie Schulen in Sachsen-Anhalt wieder öffnen sollen

Wenn sich die Inzidenzzahlen in Sachsen-Anhalt weiter positiv entwickeln, sollen die Schulen ab dem 1. März in den eingeschränkten Präsenzmodus wechseln. Doch wie soll das funktionieren? Antworten auf die drängendsten Fragen.

Eine Lehrerin unterrichtet an einer Grundschule in Kreuzberg mit einer Maske.
Welche Lockerungen gelten in den Schulen in Sachsen-Anhalt ab März? Bildrechte: dpa

Bei niedrigen Inzidenzzahlen sollen die Schulen in Sachsen-Anhalt ab dem 1. März in den eingeschränkten Präsenzmodus wechseln können. Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner hat am Dienstag einen Plan dazu vorgelegt. Laut Tullner ist dann in den Grundschulen Regelbetrieb in festen Klassenverbänden, festen Räumen und mit festen Lehrern vorgesehen. Die weiterführenden Schulen könnten im Wechselmodell unterrichten.

Doch viele Eltern reagieren auf diese Pläne mit Sorge und Unsicherheit. Denn viele Fragen blieben nach der Erklärung Tullners unbeantwortet. Inzwischen regt sich auch von Seiten der Lehrer- und Elternverbände Kritik an den Plänen. Wir haben die wichtigsten Fragen für Sie beantwortet.

Ab wann und für welche Klassen soll der Unterricht wieder aufgenommen werden?

Grundsätzlich gilt laut Bildungsministerium, dass in einem Landkreis oder in einer kreisfreien Stadt die 7-​Tages-Inzidenz den Wert von 200 pro 100.000 Einwohner an fünf aufeinander folgenden Schultagen unterschreiten muss. Dann könne ab dem 1. März an den Grundschulen und den Förderschulen der Präsenzunterricht unter Befreiung von der Präsenzpflicht wieder aufgenommen.

Für die übrigen Jahrgangsstufen und die berufsbildenden Schulen wird dann der eingeschränkte Regelbetrieb eingerichtet. Davon ausgenommen sind die Abschlussklassen, für die der Präsenzunterricht fortgesetzt wird.

Eine weitere Unterteilung der Regelungen hinsichtlich der Jahrgangsstufen sei hingegen nicht geplant.

Der Unterricht an Grundschulen soll dann in festen Lerngruppen mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer stattfinden. Notbetreuung an den Grund-​ und Förderschulen sowie der Distanzunterricht finden dann nicht mehr statt.

Sobald in einem Landkreis oder in einer kreisfreien Stadt die 7-​Tages-Inzidenz den Wert von 50 an fünf aufeinander folgenden Schultagen unterschreitet, findet dann an allen Schulen des jeweiligen Landkreises wieder der Regelbetrieb statt.

Welche Regelung greift, wenn ein Kind nicht im selben Landkreis zur Schule geht, in dem es wohnt?

Maßgebend ist laut Bildungsministerium die 7-​Tages-Inzidenz in dem Landkreis, in dem das Kind die Schule besucht. Es kann also durchaus passieren, dass im Landkreis des Wohnorts die 7-​Tages-Inzidenz über der kritischen Grenze liegt, der Unterricht wegen der niedrigeren Inzidenz im Landkreis der Schule aber dennoch stattfindet.

An den Grundschulen und den Förderschulen soll der Präsenzunterricht unter Befreiung der Präsenzpflicht aufgenommen werden. Was heißt das genau?

Zwar wird Präsenzunterricht angeboten, die Teilnahme daran ist jedoch nicht verpflichtend. Das bedeutet laut Bildungsministerium aber nicht, dass damit die Schulpflicht aufgehoben ist. Schülerinnen und Schüler, die nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, erhalten Arbeits- und Aufgabenangebote zur Bearbeitung zuhause. Alternativ können Schülerinnen und Schüler auch digital am Unterricht teilnehmen – sofern das technisch von Seiten der Schulen möglich ist und angeboten wird.

Für die allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen soll ein "eingeschränkter Regelbetrieb" eingerichtet werden. Was ist damit gemeint?

In diesem Fall findet ein Wechsel von Präsenzunterricht in der Schule und Distanzunterricht zu Hause statt. Dabei werden die Klassen von den Schulen geteilt, um den Wechsel von Anwesenheit und Abwesenheit zu organisieren.

Ziel ist es laut Bildungsministerium, so schnell wie möglich den Schulbetrieb mit einem möglichst regulären Stundenplan zu strukturieren. Der Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht soll möglichst täglich erfolgen.

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Viele Eltern befürchten Lerndefizite ihrer Kinder nach der langen Zeit im Distanzunterricht. Wird das bei der Benotung von Schülerinnen und Schülern berücksichtigt?

Gerade zu Beginn des Präsenzunterrichts soll laut Bildungsministerium eine Konzentration von Leistungserhebungen vermieden werden. Lehrkräfte seien angehalten, Bewertungen mit Augenmaß und angepasst an die individuelle Situation der Schülerinnen und Schüler vorzunehmen.

Laut Ministerium soll es bei der Entscheidung, ob Schülerinnen und Schüler eine Klasse wiederholen müssen, auch ein größeres "pädagogisches Ermessen" geben. Den Lehrkräften werden größere Spielräume eingeräumt, Kinder und Jugendliche zu versetzen, die aufgrund der Situation weniger Noten bekommen hatten.

An den allgemeinbildenden Schulen und den beruflichen Gymnasien gibt es aber auch die Möglichkeit, das aktuelle Schuljahr freiwillig zu wiederholen, ohne dass dies auf die Verweildauer angerechnet wird.

Auf welcher wissenschaftlichen Grundlage wird über die Schulöffnungen entschieden?

Diese Entscheidung kann sich dem Bildungsministerium zufolge nicht ausschließlich aus den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts ergeben. Es berücksichtige vielmehr die derzeit herausfordernde Situation vieler Familien, die neben dem Distanzunterricht und Home Office zum Teil auch die Betreuung von Kindergartenkindern gewährleisten müssen.

Man wolle mit der nun getroffenen Regelung die Belange des Gesundheitsschutzes auf der einen Seite und den Bildungsauftrag auf der anderen Seite berücksichtigen.

Die Regelungen stehen aber noch unter dem Vorbehalt der Abstimmungen zwischen Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten. In der kommenden Woche am 10. Februar wollen sich Bund und Länder über ihr weiteres Vorgehen in der Corona-Pandemie beraten. 

Wie reagieren Landeselternrat und Lehrergewerkschaft auf die geplanten Schulöffnungen?

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen-Anhalt, Eva Gerth, bezeichnete den Schritt als ein "Vorpreschen" der Landesregierung. Gerth kritisierte vor allem den geplanten Präsenzunterricht ohne Präsenzpflicht.

Es werde damit den Eltern überlassen, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken oder nicht. Das sei ein Verschieben der Verantwortung. Außerdem schafften es die Lehrkräfte dann nicht, die Schüler zuhause mit Aufgaben zu versorgen.

Eva Gerth, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Eva Gerth Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bildung ist weiterhin Ländersache und damit scheinbar eine Möglichkeit, sich zu profilieren. Am Ende macht doch jeder, was er will.

Eva Gerth GEW- Landesvorsitzende

Der Landeselternrat von Sachsen-Anhalt begrüßt die geplanten Schulöffnungen zwar, kritisiert aber gleichzeitig die Informationspolitik der Landesregierung. Der Vizevorsitzende des Landeselternrates, Thomas Senger, findet die Öffnungen wichtig und richtig. Denn jeder Tag im Distanzunterricht sei einer zuviel.

Mit Blick auf die Sieben-Tage-Inzidenz stelle sich allerdings die Frage, warum die Schulen in einigen Landkreisen nicht schon früher geöffnet würden. Hier hätte erklärt werden müssen, warum man das hinauszögere. Außerdem sei der Elternrat an der Entscheidung der Landesregierung nicht beteiligt worden. Man habe von der geplanten Schulöffnung erst aus den Medien erfahren.

MDR/Thomas Tasler

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 02. Februar 2021 | 17:00 Uhr

4 Kommentare

Zweifachmami vor 11 Wochen

Ok, das ist natürlich ein Argument, wenn die Schüler in der Distanzwoche in einen Ferienmodus fallen. Da hängt eben auch viel an den Eltern, dass die Kinder trotzdem vernünftig lernen. Das schaffen viele natürlich neben ihrer Arbeit nicht zu 100%.

Bei den Tests auch Schüler mit einzubeziehen, fände ich ebenfalls sinnvoll. Allerdings stellt sich mir auch die Frage, wie das regelmäßige Testen generell realisiert werden könnte. Das sollte nach Möglichkeit schon medizinisches Personal durchführen, da die Tests kein richtiges Ergebnis bringen, wenn der Abstrich an der falschen Stelle durchgeführt wird. Ob man die richtige Stelle bei sich selbst findet, halte ich für riskant.

Anja83 vor 11 Wochen

An unserer Schule hatten wir im vergangenem Jahr das wöchentliche Wechselmodell. Wir mussten dabei feststellen, dass die Schülerinnen und Schüler in der Distanzwoche in eine Art Ferienmodus gefallen sind. Es war sehr schwer die Schüler in der Präsenzwoche dann wieder zu aktivieren, weil sie ja gleich in der nächsten Woche wieder „Ferien“ haben. Aus diesem Grund haben wir uns jetzt auch wie einige andere Schulen auch dazu entschieden den täglichen Wechsel durchzuführen. Damit bleibt unserer Meinung nach eine gewisse Tages- und Wochenstruktur vorhanden. Uns ist bewusst, dass dies für Eltern weniger planbar ist, vorallem wenn die Kinder den Haushalt wöchentlich wechseln, weil die Eltern getrennt sind. Jedoch glauben wir, dass es für die Kinder das Beste ist und einen höheren Lernerfolg erzielt. Bei den Test stimme ich Ihnen zu. Auch Schülerinnen und Schüler sollten getestet werden, denn wenn ich mich als Lehrer angesteckt habe, ist es für meine Familie eventuell schon zu spät...

walter helbling vor 11 Wochen

Man muss sich ja schon fragen, WIE man in Sachsen-Anhalt in den kommenden Monaten aus diesem Teufelskreis heraus kommen will. Da gibt es also Inzidenzwert 50. Er besagt, dass bis zu diesem Wert Nachverfolgungen noch einigermaßen möglich wären. Daneben haben wir Inzidenzwert 200 , welcher Einschränkungen der Bewegungsfreiheit auf 15 km Radius mit sich bringt. Alleine schon zwischen den Werten der Landkreise und des RKI klaffen Welten....
Wir sollten aber so ehrlich sein und zur Kenntnis nehmen, dass die Eindämmungsverordnungen seit November erst zu einer Trendwende geführt haben, nachdem die Schulen im Dezember geschlossen wurden. Schulen tragen ganz wesentlich zur Infektionsverbreitungbei. Das ist inzwischen hinlänglich erwiesen.
Jetzt soll also der Wert "Inzidenz unter 200" das Kriterium werden, Schulen wieder zu öffnen. Absehbare Folge, die Inzidenz wird wieder steigen, Laden- und Restaurantbesitzer kriegen ihre Geschäfte weiterhin nicht auf...

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