Ungleichbehandlung Wie Politikerinnen in Sachsen-Anhalt sexuelle Belästigung erleben

Anne-Marie Kriegel, Landeskorrespondentin Sachsen-Anhalt für das MDR AKTUELL Nachrichtenradio
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Laut einer Studie der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft und dem Institut für Demoskopie Allensbach haben zwei Drittel der befragten Politikerinnen schon mal sexuelle Belästigung erlebt. Auch Politikerinnen in Sachsen-Anhalt haben solche Erfahrungen machen müssen.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz
Übergriffe und Ungleichbehandlungen finden auch in der Politik statt. Bildrechte: Colourbox.de

Fünf Jahre war Kristin Heiß Mitglied für die Linken im Landtag von Sachsen-Anhalt. Fünf Jahre war die 38-Jährige eine von 23 Frauen, die zusammen mit fast 70 Männern den Landtag bildeten und die einzige Frau im Finanzausschuss – dem wichtigsten Ausschuss im Landtag, weil es hier ums Geld geht. In ihrer Zeit im Parlament habe es natürlich unangemessene Kommentare gegeben – herabwürdigendes wie "Mädel" zum Beispiel, sagt Heiß.

Aber da fängt das Ganze laut Heiß erst an: Sie erlebte offensichtliche Anmachen, Einladungen nach Hause zum Baden im Pool und auch Berührungen, die einen Eingriff in ihren persönlichen Nahbereich darstellten. "Man hat versucht, eine Vertrautheit und Nähe herzustellen, die einfach unangemessen ist in bestimmten Dingen und auch gar nicht notwendig ist. Warum muss sich jemand ganz nah vor mich stellen, seine Wange an mich drücken oder seinen Arm um mich legen, mich an sich ran pressen? Das muss nicht sein", stellt Heiß klar.

Belästigungen kein Einzelfall

Gut zu lesen, dass sie nicht die Einzige sei, der es so gehe, sagt Heiß mit Blick auf die Studie, die kürzlich unter anderem ergeben hat, dass sechs von zehn befragten Politikerinnen unter 45 schon mal bei ihrer Arbeit in der Politik belästigt wurden. Irgendwann habe sie angefangen, sich bestimmte Situationen aufzuschreiben – einfach um das selber nochmal fix zu haben, sagt die ehemalige Abgeordnete.

Anna Kreye ist in Sachsen-Anhalt die Vorsitzende der Jungen Union und Mitglied im Bundesvorstand der CDU. Die Zahl aus der Studie überrasche sie nicht, sagt Kreye: "Das kann ich mir schon vorstellen und das ist ja ein gesamtgesellschaftliches Problem, was wir in allen Lebensbereichen hatten und was auch diskutiert gehört."

Dazu trügen auch Befragungen wie diese bei, sagt Kreye. Die Gefahr, dass ihre anderen Themen damit untergingen, sieht Kreye nicht: "Definitiv ist das ein Thema, über das gesprochen werden muss und deshalb ist das auch gut, dass es diese Studien gibt. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir uns als Partei weiterentwickeln, wenn wir weiter bestehen wollen künftig."

Andere Ansprüche an Frauen in der Politik

Genau wie Kristin Heiß und Anna Kreye, wundert sich auch Sandra Hietel nicht über das Ergebnis der Studie. CDU-Mitglied Hietel hat eine politische Bilderbuch-Laufbahn hingelegt. Mit Ende 30 vor wenigen Monaten in den Landtag eingezogen, stellvertretende parlamentarische Geschäftsführerin ihrer Fraktion und Sprecherin für Umwelt und Energie.

Sandra Hietel (CDU), Landtagsabgeordnete, steht anlässlich der konstituierenden Sitzung des Landtags vor einer Fotowand.
Sandra Hietel. Bildrechte: dpa

Hietel kennt das politische Geschäft. Neben Diskussionen um Belästigung geht es immer wieder auch um die Frage, ob Frauen mehr leisten müssten, besser aussehen müssten und besser vorbereitet zu sein hätten. "Jein", sagt Hietel: "Also ich möchte sehr gut vorbereitet in eine Debatte gehen, ich möchte die Entscheidung, die ich treffe, auch gut durchdacht wissen. Natürlich guckt man auch selber auf sein Aussehen und hat da vielleicht auch eine hohe Anforderung. Ich denke Mal, das ist vielleicht so halb und halb und da ist vielleicht auch nicht immer der Mann entscheidend."

Genau wie im letzten Landtag liegt der Frauenanteil auch in diesem Landtag etwas unter einem Drittel. Immerhin: Sachsen-Anhalts Regierungskabinett ist mit vier Frauen und vier Männern besetzt. Ministerpräsident Reiner Haseloff nicht mitgezählt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. November 2021 | 08:54 Uhr

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