Kommentar Neuregelung der Tafelwerke hat Zettelwirtschaft zur Folge

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Wenn es in der Schule kniffelig wird, zum Beispiel in den Fächern Mathe, Chemie und Physik, dann sind Tafelwerke mit ihren Formeln das Hilfsmittel der Wahl. Doch diese Tafelwerke dürfen ab 2025 während der Abiturprüfungen nicht mehr benutzt werden. Der Grund: Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass sich die Abiturnoten in Deutschland nicht vergleichen lassen. Doch die Folge ist nicht ein gemeinsames Buch, sondern eine Zettelwirtschaft, kommentiert Uli Wittstock.

Versunken in sein Tafelwerk sucht ein Teilnehmer der Thüringer Mathematikolympiade in Erfurt im Königin-Luise-Gymnasium nach der passenden Formel.
Ein Schüler schaut in sein Tafelwerk. Zur Prüfung wird er es in Zukunft nicht nutzen können. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Sie kennen doch sicherlich aus ihrer Schulzeit noch Pythagoras, den alten Griechen: A Quadrat plus B Quadrat gleich C Quadrat. Das stand in einem Buch, das nannte sich "Tabellen und Formeln". Und da stand alles Wichtige drin, was man so wissen musste.

Heutzutage gilt immer nach der Satz des Pythagoras, aber es gibt einen Unterschied. Denn wir haben jetzt 16 Bundesländer und deswegen auch 16 Ausgaben der "Tabellen und Formeln". Weil das so ein kluges Buch ist, kann man das mit in die Prüfung nehmen. Wir fassen zusammen: 16 Bundesländer, 16 Prüfungen, völliges Durcheinander, nichts lässt sich vergleichen.

Damit ist jetzt Schluss, sagt das Bundesverfassungsgericht – 2025. Also nicht mit den Prüfungen, sondern mit diesem Bücherwirrwar. Also 2025, wir rechnen nach ohne Pythagoras – das ist in drei Jahren. Drei Jahre haben jetzt die Kultusbürokraten Zeit, sich auf ein gemeinsames Buch zu einigen. Aber das klappt nie, natürlich nicht. Da braucht man ja gemeinsame Sitzungen. Die Minister müssen sich da einigen, unglaublich schwierig.

Länder können sich nicht einigen

Außerdem haben die Länder ja auch noch eigene Interessen. Hamburg will den Umfang von Plattfischen berechnen. In Bayern geht es um die Sinkgeschwindigkeit der Schneeflocke, und Sachsen-Anhalt hätte gerne die Schwerkraft auf dem Brocken ermittelt. Das muss alles berücksichtigt werden.

Und weil das so lange dauert, hat jetzt Sachsen-Anhalts Schulministerin Eva Feußner (CDU) eine wirklich kluge Idee. Wir kehren zurück zur Zettelwirtschaft. 30 oder 40 Zettel, welche die Lehrer kopieren sollen. Deswegen brauchen wir auch diese ganzen Quereinsteiger, als Kopierhilfen, eine wirklich tolle Idee.

Kleinstaaterei lässt grüßen

Immerhin, vor 100 Jahren hätten wir noch auf Schiefertafeln geschrieben. Es geht voran in Sachsen-Anhalt, und wenn wir schon mal dabei sind, das Ganze neu aufzubauen, dann sollte man vielleicht auch noch einmal kontrollieren, ob das eigentlich alle stimmt, was da in diesen Tabellen und Formeln drin steht.

Ist denn A-Quadrat plus B Quadrat gleich C Quadrat? Hat das wirklich mal jemand nachgerechnet, ob das noch gilt, zweieinhalbtausend Jahre später? Und ehrlich gesagt ich bin mir ja auch gar nicht sicher, ob überall in Deutschland zwei plus zwei wirklich vier ist – ein Hoch auf die Kleinstaaterei.

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MDR (Uli Wittstock)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. September 2022 | 11:10 Uhr

16 Kommentare

Harry20 vor 8 Wochen

Und kein Mensch kritisiert, dass in unseren Ministerien so viele sinnlose Leute beschäftigt werden! Privatwirtschaftlich gesehen würde ich die Verantwortlichen nach diesem Ergebnis einfach fristlos entlassen!

Harry20 vor 8 Wochen

Das die Abiturnoten nicht vergleichbar sind ist doch nichts Neues!! Und das hat rein gar nichts mit dem Tafelwerk zu tun! Der Grund liegt in der Ideologie der jeweiligen Landesregierung!

pwsksk vor 8 Wochen

Das hat rein gar nichts mit dem Verlag zu tun. Das Tafelwerk war genial und auch zeitgemäß.
Und ihr Wort "diktatursozialiert" heißt für heute was? Das hier im Osten gerade jetzt wieder gerufen wird "Wir sind das Volk"?
Da läuft wohl gerade etwas anders?

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