Gesundheit Digitale Medizin scheitert oft an Software, IT und Breitbandausbau

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Damit digitale Gesundheitsangebote wie Videosprechstunden in ganz Sachsen-Anhalt möglich sind, fordert die Techniker-Krankenkasse mehr Engagement beim Breitbandausbau. Digitalministerin Lydia Hüskens (FDP) will jetzt Druck machen. Die Kassenärztliche Vereinigung schaut sich derweil schon bei Tesla-Gründer Elon Musk um.

Kamera an einem Computermonitor
Videosprechstunden und elektronische Rezepte ergänzen die Gesundheitsversorgung – wenn Software, IT und Datenraten es erlauben. Bildrechte: dpa

Elektronische Rezepte, Videosprechstunden und Ferndiagnosen dank Internetverbindung: Sachsen-Anhalts medizinische Versorgung soll digitaler werden. Nicht nur, um sie in Pandemiezeiten sicherer zu machen, sondern auch um größer werdende Lücken im ländlichen Raum zu überbrücken. Doch dabei hakt es, heißt es aus dem Gesundheitswesen.

Krankenkasse: Breitbandausbau "konsequenter und schneller" machen

Steffi Suchant, Leiterin der Landesvertretung der Techniker-Krankenkasse, teilte am Mittwoch mit, dass der flächendeckende Breitbandausbau "konsequenter und schneller" vorangetrieben werden müsse. Das sei Grundvoraussetzung für Digitalisierung und die Einführung der sogenannten Telemedizin.

Frau mit blonden Haarem, schwarzem T-Shirt und grauem Blazer schaut freundlich
Steffi Suchant, Leiterin der TK in Sachsen-Anhalt Bildrechte: TK Sachsen-Anhalt

Laut dem Breitbandatlas der Bundesnetzagentur lag die Verfügbarkeit von 100-MBit/s-Anschlüssen für Sachsen-Anhalts Haushalte und Gewerbebetriebe zuletzt bei 89 bzw. 84 Prozent. Die Abdeckung mit 5G-Mobilfunk betrug landesweit rund 47 Prozent.

Kassenärztechef: Nutzeranteil noch "verschwindend gering"

Auch Sachsen-Anhalts Kasseärztechef Jörg Böhme fordert deshalb einen schnelleren Ausbau. "Wenn Sie nicht 100 MBit/s haben, funktioniert keine Videosprechstunde", sagte Böhme MDR SACHSEN-ANHALT. Sowohl bei vielen Patienten als auch Praxen mangele es aber genau daran. Das zeige sich schon jetzt bei der Arbeit mit der sogenannten Telematikinfrastruktur. Diese wird auch als "Datenautobahn" des deutschen Gesundheitswesens bezeichnet.

Dr. Jörge Böhme, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt. Mann mit weißem Hemd und dunklem Sakko schaut freundlich.
Jörg Böhme, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt Bildrechte: KV Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt hätten 90 Prozent aller kassenärztlichen Praxen Probleme mit Telematikinfrastruktur, schätzt Böhme. Vor allem liege das an Server-Ausfällen und "unfertigen", sprich: fehleranfälligen Produkten.

Probleme bei elektronischer Krankschreibung

Ein Beispiel ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Eine Umfrage des Bundesverbands der Kassenärzte hatte Anfang Mai ergeben, dass nicht einmal die Hälfte aller teilnehmenden Praxen die Anwendung überhaupt nutzte. Nur gut jede achte Praxis stellt die eAU problemlos aus.

Auch in Sachsen-Anhalt sei deren Anteil "verschwindend gering", sagte Jörg Böhme. Wie viele der Nichtnutzungen auf fehlende Mobilfunk-Versorgung und Breitbandanschlüsse zurückgehen, könne er aber nicht sagen. Das Problem sei allerdings gravierend, so Böhme.

Digitalministerin: Menschen müssen mitziehen

Digitalministerin Lydia Hüskens (FDP) will den Ausbau der Infrastruktur nun "mit Hochdruck vorantreiben". Dazu herrsche in der Landesregierung auch Konsens, sagte Hüskens MDR SACHSEN-ANHALT. An Orten, wo der Breitbandausbau stocke, gehe man durch eigene Förderungen rein.

Lydia Hüskens, Vorsitzende der FDP Sachsen-Anhalt, steht am Eingang eines Bürogebäudes.
Digitalministerin Lydia Hüskens (FDP) Bildrechte: dpa

Gleichzeitig richtete Hüskens auch einen Appell an die Bevölkerung: Mancherorts würden noch zu wenige Menschen einen Breitband-Vertrag abschließen. Das hätte zur Folge, dass sich ein Anschluss eines Ortes für Verbünde und Unternehmen nicht lohnen würde.

Kassenärzte prüfen Einsatz von Satellitentechnik

Bis alle Orte angeschlossen sind, geht die Kassenärztliche Vereinigung auch ungewöhnliche Wege. Laut Jörg Böhme prüft man den Einsatz von "Starlink". Die von "Tesla"-Chef Elon Musk bekannt gemachte satelittengestützte Internetkommunikation wird gerade vielerorts in der Ukraine eingesetzt. Für Telemedizin in Sachsen-Anhalt eignet sich Starlink laut Böhme aber nicht. Der Grund: Verzögerungen bei der Übertragung.

Kassen-Vertreterin Suchant fordert zudem, dass die Landesregierung einen "konkreten Digitaliserungs-Fahrplan" entwickelt. CDU, SPD und FDP hatten sich in ihrem Koalitionsvertrag darüber verständigt, die Digitale Agenda des Landes weiterzuentwickeln. Der Maßnahmenkatalog existiert seit 2017.

Im Rahmen des Corona-Sondervermögens hat das Land mehrere Millionen Euro für die Telemedizin bereitgestellt. Unter anderem soll das Uniklinikum Magdeburg Pilotprojekte für Telemedizin im Landesnorden aufbauen.

MDR (Thomas Vorreyer)

1 Kommentar

pwsksk vor 6 Wochen

Unsere Digitalministerin: Die Menschen dürfen sich nicht verschließen.
Wie kommt sie auf solchen, in meinen Augen Unsinn.
Seit Jahren ist bekannt, dass bei einem neuen Anschluss (Glasfaser) einfach mehr Geld fällig ist. Dieses zu bezahlen, kann und will nicht jeder. Es geht auch in dieser Branche nur um Profit.

Mehr Politik in Sachsen-Anhalt