Ärztemangel in Sachsen-Anhalt Warum es so schwer ist, einen Termin beim Facharzt zu bekommen

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Der Ärztemangel in Sachsen-Anhalt hat Auswirkungen auf die Wartezeiten für einen Termin. Seit 2016 können Patienten und Patientinnen über die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung einen Termin beim Facharzt oder Psychotherapeuten erhalten. Und das innerhalb von vier Wochen. Eigentlich. Denn so gut das System in der Theorie klingt – im Alltag birgt es einige Schwierigkeiten.

Beim Augenarzt
Einen Augenarzttermin kann man im städtischen Raum bereits innerhalb mehrerer Tage vermittelt bekommen. Auf dem Land sieht das jedoch anders aus. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Westend61

Seit 2016 können sich Patienten und Patientinnen über die Terminservicestellen um einen Termin bei Fach-, Haus- und Kinderärzten sowie Psychotherapeuten bemühen. Die Nummer 116 117 ist bundesweit erreichbar – sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Zusätzlich können Termine online oder per App vereinbart werden. So soll jeder Patient innerhalb von vier Wochen einen Termin beim benötigten Facharzt erhalten, bei der psychotherapeutischer Akutbehandlung sind es sogar nur zwei Wochen.

Finanzielle Anreize für Arztpraxen bereits vorhanden

Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSGV), das 2019 vom damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf den Weg gebracht wurde, sollten die Wartezeiten weiter reduziert werden. So wurden grundversorgende Fachärzte wie Augenärzte oder Orthopäden dazu verpflichtet, mindestens fünf offene Sprechstunden in der Woche anzubieten. Die Mindestsprechstundenzeit wurde von 20 auf 25 Stunden die Woche angehoben. Neben der Ausweitung der Sprechzeitangebote wurden aber auch finanzielle Anreize geschaffen, damit Arztpraxen neue Patienten aufnehmen und Termine schneller vergeben werden.

Um zu verstehen, wie sich diese zusammensetzen, muss man einen genauen Blick auf die Vergütung von ärztlichen Leistungen in Deutschland werfen. Jede ambulante Untersuchung beim Arzt wird mithilfe eines Katalogs abgerechnet, in dem die Preise für die jeweilige Behandlung festgeschrieben sind. Auf den genauen Wert einigen sich die gesetzlichen Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung jedes Jahr aufs Neue. Für bestimmte Arten von Untersuchungen steht allerdings nur ein gewisses Budget zur Verfügung, denn der Topf der Krankenkassen ist gedeckelt. Bei welcher Summe, wird regional ausgehandelt. So kann es beispielsweise vorkommen, dass eine Augenärztin 30 Augenhintergrund-Untersuchungen im Quartal durchführt, ihr aber nur 25 bezahlt werden, da dann das Budget aufgebraucht ist. Sie bleibt damit auf den Kosten für die letzten fünf Untersuchungen sitzen.

Ein Großteil der ambulanten Behandlungen beim Arzt wird so abgerechnet. Für einzelne Leistungen, wie etwa Impfungen, Früherkennungsuntersuchungen oder ambulante Operationen steht aber ein zusätzlicher Topf bereit – ohne Deckel. Man spricht hier von der sogenannten "Extrabudgetären Gesamtvergütung".

Durch die neuen Regelungen des TSGV können Arztpraxen mehr Leistungen extrabudgetär abrechnen. Das ist der Fall, wenn sie einen Patienten in der offenen Sprechstunde behandeln oder einen Patienten neu in der Praxis aufnehmen. Auch die Arzttermine, die über die Terminservicestelle zustande kommen, werden so vergütet. Je nachdem, wie schnell eine Praxis einen Termin anbieten kann, gibt es noch einmal einen Zuschlag. Wenn Hausärzte einen Facharzttermin innerhalb von vier Tagen vermitteln, gilt das Gleiche. Die Behandlung beim Facharzt kann extrabudgetär abgerechnet werden, der Hausarzt erhält zudem eine Pauschale von rund 10 Euro.

Große Unterschiede bei der Terminvergabe zwischen Stadt und Land

Die Anreize für Arztpraxen, schnell Termine zu vergeben oder neue Patienten aufzunehmen, sind in der Theorie also hoch. Trotzdem sieht die Praxis anders aus, denn eine Arztpraxis kann nur so viele Patienten behandeln, wie sie Kapazitäten hat. Durch die vielen unbesetzten Arztstellen in Sachsen-Anhalt sind viele Praxen aber bereits am Limit.

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) sieht außerdem große Unterschiede bei der Terminvergabe zwischen Stadt und Land. In Ballungsräumen funktioniere die Vermittlung durch die Terminservicestellen gut, sagt Marcel Weigand, Leiter Kooperation und digitale Transformation bei der UPD. Einen Augenarzttermin könne man in nur wenigen Tagen vermittelt bekommen. Im ländlichem Raum werde man allerdings meist gleich auf die telefonische Hotline verwiesen, wenn es keinen Termin innerhalb der kommenden vier Wochen gebe.

Fachbereiche, in denen Patienten sehr lange auf Termine warten, seien zum Beispiel die Psychotherapie und die Neurologie, erklärt Weigand. Im Bereich der Psychotherapie sehe er sogar eine Verschlechterung durch das TSGV. Denn bisher konnten sich Versicherte über die Krankenkasse die Kosten einer privaten Therapie zurückerstatten lassen, wenn sie keinen Therapieplatz mit allen benötigten Sitzungen bekommen haben. Durch die Terminservicestelle könne aber meist nur ein Ersttermin gefunden werden. Das gelte aber bereits als erfolgreiche Vermittlung – unabhängig davon, ob der Patient am Ende auch den Therapieplatz erhält. Die Krankenkasse zahle dadurch die private Therapie nicht mehr, denn über die Terminservicestelle seien ja Termine vorhanden.

Für die Nutzung des App- oder Onlineservices der Terminvermittlung benötige man zudem einen Vermittlungscode vom Hausarzt. Ohne diesen erhalte man keinen Termin bei einem Facharzt, kritisiert Weigand.

Probleme mit ungenutzten Terminen

Ein ganz anderes Problem bemängelt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KSVA). Von den 23.570 Terminen, die 2021 vermittelt werden konnten, wurden mehr als 18 Prozent nicht abgerechnet. Daraus schließe man, dass diese Termine von den Patienten nicht wahrgenommen wurden. Das bedeute zum einen, dass die Termine dann für andere Patienten fehlen, aber auch die Praxen Verdienstausfälle zu beklagen hätten.

Dr. Ulrike Meister, Fachärztin für Innere Medizin und Hausärztin in Dessau-Roßlau kennt dieses Problem. Etwa die Hälfte der Termine, die bei ihr über die Servicestellen gemacht werden, würden verfallen, ohne dass die Patienten absagen. Als Grund vermutet Meister, dass die Patienten den längeren Fahrtweg nicht in Kauf nehmen wollen oder doch noch bei einer anderen Arztpraxis untergekommen sind.

Sehr viele Patientinnen und Patienten kommen aufgrund einer Empfehlung oder persönlicher Internetrecherche. Das heißt, sie möchten zu genau dieser Person und zu niemand anderem.

Dr. Wolfgang Pilz Kinder- und Jugendpsychotherapeut in Magdeburg
Ein Mann schaut in die Kamera
Dr. Wolfgang Pilz ist Kinder- und Jugendpsychologe in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Dr. Wolfgang Pilz, Kinder- und Jugendpsychotherapeut in Magdeburg, kann da anderes berichten. Die zu ihm vermittelten Termine würden in der Regel auch wahrgenommen werden. In seiner Praxis sei er dagegen mit einer ganz anderen Schwierigkeit konfrontiert. "Das größere Problem, zumindest im Bereich Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ist, dass wir verpflichtet sind, Termine bei der Terminservicestelle bereitzustellen, die Patientinnen und Patienten aber selten versuchen, hierüber Termine zu erhalten. Praxen stellen so Terminkapazitäten bereit, die dann regelmäßig verfallen."

Die Gründe dafür seien vielschichtig. Neben der Überlastung der Terminservicestelle durch die Pandemie sei auch die spezifische Beziehung bei der Psychotherapie ein Faktor, so Pilz. "Sehr viele Patientinnen und Patienten kommen aufgrund einer Empfehlung oder persönlicher Internetrecherche. Das heißt, sie möchten zu genau dieser Person und zu niemand anderem."

Nicht jeder verfügbare Termin für jeden Patienten geeignet

Die KSVA weiß um dieses Problem. Um jedem Patienten innerhalb von maximal vier Wochen einen Termin bereitstellen zu können, sei es jedoch nötig, bei allen Arztpraxen gewisse Kapazitäten zu blocken. "Obwohl wir die Häufigkeit der Terminwünsche je Fachgruppe und Region als Maßstab für Bemessung der Terminabfragen verwenden, ist es leider unmöglich, dies passgenau zu gestalten, da das Aufkommen der Terminanfragen doch zu wechselhaft ist", so Bernd Franke von der KSVA. Zudem sei auch nicht jeder verfügbare Termin einer Fachgruppe für jeden Patienten gleichermaßen geeignet. In ganz selten "gebuchten" Fachgruppen würde man allerdings auf eine Terminabfrage verzichten und die Termine nur bei Bedarf erfragen.

Arzttermin in einem Kalender
Warten auf den Arzttermin: In Sachsen-Anhalt können da schon mal mehrere Wochen ins Land gehen. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Die KSVA habe sich zudem schon immer dafür ausgesprochen, dass eine dringliche Überweisung durch den Hausarzt dem aufwendigen Verfahren der Terminvergabe über die Servicestellen vorzuziehen sei. Hierzu wurden auch mit den Krankenkassen Verträge geschlossen, erklärt Franke. Das wünscht sich auch Ulrike Meister aus Dessau. Hier sei vor allem die Kollegialität der Mediziner und Medizinerinnen untereinander gefragt, damit Fälle, die von ihr als "dringlich" markiert werden, auch ganz ohne Servicestellen beim Facharzt aufgenommen werden.

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MDR (Sarah-Maria Köpf, Katharina Gebauer, Engin Haupt)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Juni 2022 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Untertan vor 16 Wochen

jeden Tag ein neuer Offenbarungseid des Gesundheitswesens. Ein Zeichen der Unfähigkeit herrschender, politischer Entscheidungsträger. Wenn jene Damen und Herren von Ihren Entscheidungen so betroffen wären, wie der normale , Werte schaffende Bürger, dann hätten wir keine Privatisierungswelle im Gesundheitswesen, dann hätten viele Gesetze einen völlig anderen Inhalt oder es gäbe sie erst gar nicht. Wenn man alles dem Geld unterordnet, dem Profit, muss man sich über die beschriebenen Zustände in dem Bericht nicht wundern.

hansfriederleistner vor 16 Wochen

Auch für Ärzte hat der Tag nur 24 Stunden. Dann gibt es außer Patienten noch viel unnötigen Papierkram. Fortbildung muß auch sein. Dann soll es auch noch Ärzte geben, die eine Familie haben.

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