Interview Psychologe: Gründe für die Bedrohungen liegen bei den Parteien selbst

Allgemeine Verunsicherung, fehlende Antworten auf die Herausforderungen des Klima-Wandels und der Digitalisierung: Daraus erwächst eine Stimmung, die Bedrohungen und Gewalt fördert, sagt der Psychologe Thomas Kliche. Ein Gespräch darüber, wie viel Verantwortung die politischen Parteien für die Verrohung tragen und was dagegen getan werden kann.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Kliche, was hat sich in Deutschland verändert, dass Bedrohungen offenbar zu einem Grundrauschen der Gesellschaft geworden sind? Welche Hemmungen sind weggefallen?

Thomas Kliche: Ich glaube drei Sachen haben sich in den letzten Jahren verändert. Erstens, die Menschen spüren und äußern tiefe Verunsicherung über die Zukunft – Klimakatastrophe, Auflösung des westlichen Bündnisses, Konflikte. Man weiß nicht genau, wo es hingeht und alles scheint sehr bedrohlich. Da kommt eine ungerichtete Verunsicherung raus, die sich leicht ansprechen lässt. Menschen, die für dieses kollektive Gefühlsklima empfänglich sind, fühlen sich dann ermächtigt, zu handeln – im Auftrag einer vermeintlichen Mehrheit. 

Zweitens: Eigennutz wird in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren immer deutlicher ausgespielt – Egoismus um fast jeden Preis. 'Dominanzgesellschaft' heißt das psychologisch. Dabei kommt der Typus Mensch heraus, der den Unfall fotografiert, die Rettungsgasse verstopft und selbst einen Unfall baut. Diese Art Verhalten häuft sich in bestimmten Milieus. Da bröckeln derzeit Hemmungen.

Der Populismus ist ja nicht vom Himmel gefallen. Er zieht seine Kraft aus dem Versagen der Parteien bei ihren Grundaufgaben.

Die dritte große Entwicklung ist der Populismus, der das kollektive Gefühlsklima verändert. Da gibt es das Grundmuster der Eigengruppen-Verherrlichung: 'Wir sind toll, die anderen sind scheiße'. Das begründet Größenwahn. Das begründet Äußerungen von Hass. Und die Allgegenwart von Hass im Internet und im Alltag begünstigt ein Übergreifen von Gewalt.

Aber wie wird aus einem bloßen Gefühl der Verunsicherung der Wille, andere Menschen zu bedrohen? Wie führt das eine zum anderen?

Die Kommunalpolitiker sind eine leicht greifbare Gruppe. Die haben keine Eskorte und Personenschützer um sich. Die hat man vor Ort; die sieht man; die kennt man – man weiß, wo sie wohnen. Die Verunsicherung baut einen Handlungsdruck auf, das sieht man an den Preppern und den Reichsbürgern, die versuchen, aus unserer Gesellschaft auszubrechen. Und der Populismus hat mit seiner Politik- und Politikerverachtung einen Strang von Handlungen vorbereitet, sodass man aus dem Gefühl 'Es ist etwas nicht in Ordnung' die Schlussfolgerung zieht 'Also ist jemand schuld, also darf ich auf jemanden losgehen'. 

Welchen Einfluss haben politische Parteien auf diesen Prozess gehabt, der nun in der Konsequenz zu Drohungen und Übergriffen führt?

Der Populismus ist ja nicht vom Himmel gefallen. Er zieht seine Kraft aus dem Versagen der Parteien bei ihren Grundaufgaben. Bei dem tiefgreifenden sozialen Wandel, den wir seit zehn Jahren haben, haben es die Parteien nicht vermocht, den Menschen ein Gefühl von Grundsicherheit zu vermitteln. Die Parteien haben es auch nicht geschafft, gestaltungsgetriebene Bündnisse zu bilden: Die Große Koalition ist ein Defensiv-Bündnis, das nicht sagt 'Wir wollen gestalten', sondern das versucht zu reparieren. 

Also liegen, nach Ihrer Meinung, die Gründe für die heutigen Bedrohungen zu einem großen Teil bei den Parteien, die das Land jahrzehntelang geprägt haben: CDU, SPD, Grüne, FDP, Linken? 

Aber ja! Und die große Schwierigkeit und Gemeinheit dabei ist, dass die Menschen diesen Parteien ja selbst eine Mehrheit gegeben haben! Entweder durch zuhause bleiben und die Einstellung 'Man kann ja sowieso nichts machen' oder durch aktives Wählen. 

Sprechen bedeutet Handeln. In der Sprache der Politik hat das Grundlevel an Aggressivität zugenommen. Gerade die AfD hat daran einen großen Anteil. Welchen Einfluss hat das aggressive Sprechen auf die Zunahme der Bedrohungen?

Sprache fasst Deutungen der Welt zusammen – und gibt damit indirekte Handlungsanweisungen. Sprache gibt auch Ermutigung. Wenn man die Formeln lang genug hört, denkt man: 'Die denken alle so'. Das heißt: Wenn eine Sprache von Hass und Gewalt geprägt ist, und hoch-aggressiv ist, und eine Gruppe benennt, die man angreifen und loswerden müsste, um das Problem zu lösen – dann ist das eine Art Kochrezept. Gerade labile Menschen oder solche mit Helden-Phantasien werden dann ermutigt, tatsächlich zu handeln.

Oft werden auch Ehrenamtler angegriffen, die in keiner Partei sind. Besonders häufig, wenn sie sich in lokalen Bündnissen gegen Rechts oder für die Flüchtlingshilfe engagieren. Was machen die Bedrohungen mit diesen Menschen?

Wir müssen leider sagen, wir haben seit dreißig Jahren Erfahrungen mit solchen Einschüchterungsversuchen und Angriffen. Wer sich für 'bunt' engagiert hat, war auch bisher schon in manchen Landstrichen seiner Gesundheit nicht ganz sicher – und es gab wenig gesellschaftliche Aufmerksamkeit dafür. Was in den letzten Jahren aber dazu kommt, ist, dass es in der Masse als ganz selbstverständlich aufgefasst wird. 

Der Effekt ist nicht allein Angst. Angst ist sehr greifbar, aber man kann Angst durch Mut für die gute Sache überwinden. Durch Überzeugung. 

Was man aber nicht überwinden kann – und das ist jetzt meine Beobachtung, dazu gibt es keine Studien – ist ein langsames Anwachsen von Ekel und Überdruss: Wenn man als Ehrenamtler so viel Feigheit und Mitläufertum und auch Gemeinheit bei Menschen erlebt, die dann auch aus der Anonymität kommt und gerade nicht persönlich sichtbar ist, dass man nicht mehr an die Minimalgerechtigkeit der Welt glaubt. Das man dann auch die Hoffnung verliert, etwas Vernünftiges in der Politik machen zu können – und dann zieht man sich zurück. Das ist, wenn Sie so wollen, ein Verschleiß von Gestaltungszuversicht.

Das Schlimme ist: Gerade die Entmutigung der Einsatzbereiten bestätigt dann wieder die Feigheit und Apathie der Mitläufer, die sagen, man kann ja sowieso nichts ändern.

Sie befürchten, dass sich immer mehr kommunalpolitisch Aktive aus den Stadt- und Gemeinderäten und den Kreistagen zurückziehen werden?

Ja. Es ist jetzt schon zu beobachten, dass Kommunalverbände berichten, dass Bürgermeister oder Bürgermeisterinnen nicht weiter kandidieren, keine Lust mehr haben, Ämter abgeben. Das ist gerade in Sachsen-Anhalt, wo die Personaldecke der Parteien recht dünn ist, ein ernsthaftes Problem. Da bleiben dann Positionen über Jahre offen. Es ist ja nicht so, dass die Populisten bereit wären, sich für irgendetwas groß einzusetzen – und ihre Personaldecke ist noch dünner als die der anderen. 

Was können wir alle tun, um diese Entwicklungen zu stoppen?

Das ist die schwierigste Frage überhaupt. Wir brauchen drei Dinge. Das eine sind einfache Tugenden: Man braucht Augenmaß, Sinn für machbare Dinge. Man muss Sachlichkeit und Sachverstand würdigen. Man muss einsatz- und hilfsbereite Menschen unterstützen. Man muss auf künstlich aufgeputschte Gefühle verzichten. Eher nüchtern sein – wie viele Politiker, die dann aber langweilig wirken. Einfache Tugenden der Sachlichkeit, Ernsthaftigkeit und der Ehrlichkeit. Das ist natürlich leicht gesagt, denn auch die Populisten halten sich ja für sehr realistisch. 

Das zweite ist schon schwieriger: Um die grundlegende Verunsicherung zu überwinden, brauchen wir eine Auseinandersetzung mit unserer Lebensweise. Das ist ein sehr langfristiger Prozess, aber vorher werden wir mit diesen Aggressionen und Konflikten nicht anders als unterdrückend umgehen können.

Der dritte Punkt: Wir müssen über die Leitwerte unseres Handelns nachdenken. Menschenrechte als Grundwerte – das ist eine Richtung, die wir emotional lernen müssen: Besinnung auf globale Verantwortung. Wenn wir das hinkriegen, werden auch die Begleiterscheinungen verschwinden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Roland Jäger. 

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT | 07. Juli 2019 | 19:00 Uhr

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