Sachsen-Anhalt Wirtschaft während Corona: Medizintechnik-Firma Hasomed meistert die Krise

Das Magdeburger Unternehmen Hasomed macht trotz Umsatzeinbrüchen Gewinn und konnte sogar neue Fachkräfte einstellen. Die Grundlagen dafür wurden bereits vor Corona geschaffen, erklärt Geschäftsführer Matthias Weber. Er hofft trotz Pandemie darauf, aus Sachsen-Anhalt ein neues "Silicon Valley der Medizintechnik" zu machen.

Das Hasomed-Logo am Firmensitz in Magdeburg-Brückfeld
Das Hasomed-Logo am Firmensitz in Magdeburg-Brückfeld Bildrechte: MDR/Manuel Mohr

Geschlossene Geschäfte, verspätete staatliche Hilfen, kräftige Umsatzeinbrüche bei der Industrie: Die Corona-Krise hat die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt gebeutelt. Die Stimmung ist mies. Doch es gibt sie, die guten Nachrichten. Einige Unternehmen in der Region haben die Pandemie bislang ohne Kurzarbeit und Hilfen durchgestanden, konnten neue Mitarbeitende einstellen und auch 2020 einen Gewinn erwirtschaften. Zu ihnen zählt die Hasomed GmbH. 

Er sei stolz, wie sein Unternehmen die Krise bewältigt habe, sagt Matthias Weber, geschäftsführender Gesellschafter beim Produzenten für Medizintechnik und -software in Magdeburg-Brückfeld. Der 40-Jährige arbeitet seit seiner Jugend im Betrieb und leitet ihn seit vier Jahren allein.

Eine DDR-Innovation bewährt sich in Corona-Zeiten

Webers Vater, Peter, hatte Hasomed 1991 gegründet. So wie der US-amerikanische Konzern Apple nahm auch das Magdeburger Unternehmen seinen Anfang in einer Garage. Weber senior wollte eine Innovation der ehemaligen Medizinischen Akademie retten, für die es nach dem Ende der DDR keine Verwendung mehr zu geben schien: das Therapiesystem "RehaCom".

Menschen, die einen Schlaganfall erleiden, verlieren mitunter Teile ihrer motorischen Fähigkeiten oder ihrer Gedächtnisleistung. Eine kognitive Therapie trainiert das Gehirn wieder, RehaCom leistet genau das. Die Kombination aus Software und Controller ist bis heute eines der wichtigsten Produkte von Hasomed, auch in der Krise.

Die Wirtschaft während Corona: Am Montagabend bei Fakt ist! im MDR Fernsehen

"Teurer Lockdown – wie viel Stillstand kann sich Deutschland leisten?" – unter diesem Titel steht die Sendung von Fakt ist! Aus Magdeburg am Montag, 22:10 Uhr, im MDR. Moderatorin Anja Heyde diskutiert dafür mit Armin Willingmann (SPD, Wirtschaftsminister Sachsen-Anhalt), Dietmar Bartsch (Die Linke, Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag) und Prof. Reint Gropp (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle). Außerdem zu Gast: die Ladenbetreiberin Betsy Peymann, die Gastronomin Christina Lich, der Steuerberater Hilmar Speck sowie der Veranstalter und Vertreter von "Alarmstufe Rot" Dirk Wöhler.

Als die sich ausbreitende Pandemie im Frühjahr 2020 den Kontakt zwischen Therapeuten und Patienten erschwerte, reagierte Weber: Man bot die Software kostenlos an. Patienten konnten nun auch zu Hause üben. Für Hasomed hat sich die Aktion gerechnet, viele neu gewonnen Kunden bleiben auch nach den Lockerungen dabei.

Die Grundlage für die Krisen-Bewältigung wurden in den Vorjahren gelegt

Als Matthias Weber 2017 die alleinige Geschäftsführung übernahm, habe er das Unternehmen "komplett neu aufgesetzt". Webers Vater habe viele Entscheidungen selbst getroffen, saß teilweise bis in die Nacht im Büro. Für den Sohn keine Option. Weber sagt, er habe der Hasomed eine teamorientierte Arbeitskultur verordnet. Man arbeite mit flachen Hierarchien, in wechselnden Einheiten und mit klaren Zeitvorgaben. Im Gespräch fallen Schlagworte wie "New Work", "Agiles Arbeiten" und "Digitalisierung". 2019 konnte Hasomed seinen Umsatz vervierfachen und einen deutlichen Gewinn einfahren.

Geschäftsführer Matthias Weber in der Hasomed-Zentrale
Matthias Weber (hier ein PR-Bild) ist der Sohn des Hasomed-Gründers und leitet seit 2017 alleine die Geschäfte Bildrechte: Hasomed

Weber hatte dafür auch in eine neue Online-Telefonanlage investiert. Videokonferenzen waren so schon vor Corona Teil des Unternehmensalltags. So fiel es einfacher, im ersten Lockdown binnen anderthalb Wochen rund 90 Prozent der Belegschaft das Homeoffice zu ermöglichen. Aktuell liege man leicht darunter. Müssen Mitarbeitende unbedingt vor Ort sein, können sie Kinder und Hunde dorthin mitnehmen. Das Unternehmen stellt zudem Antigen-Tests und hat im Eingangsbereich eine Fiebermessstation errichtet.

Auf Anregungen aus der Belegschaft heraus, unterstützt die Hasomed zudem die notleidende Kunstszene: Das Unternehmen bezahlt Kulturschaffende schon jetzt für Auftritte, die es dann als Gutscheine für die Zeit nach Corona an soziale und gesundheitliche Einrichtungen verschenkt.

War die Krise also nur ein Klacks? Nein, es habe auch Hasomed "extrem getroffen", sagt Matthias Weber. In einigen Bereichen des internationalen Markts sei der Umsatz um bis zu 70 Prozent eingebrochen. Krankenhäuser hätten viele Investitionen ausgesetzt, um sich auf die Corona-Versorgung zu konzentrieren.

Wer in Deutschland nicht gerade Beatmungsgeräte verkauft, hat deshalb auch als Medizintechnik-Unternehmen zu kämpfen. Eine Umfrage des Bundesverbands Medizintechnologie ergab vergangenen Herbst, dass mehr als die Hälfte der Firmen einen Umsatzrückgang für 2020 erwartete. Über ein Drittel musste Kurzarbeit einführen. Damit steht man besser dar als viele andere Wirtschaftsbereiche, die Situation wird dennoch als "dramatisch" empfunden.

2020 schrieb Hasomed trotz Umsatzrückgang tiefschwarze Zahlen

"Der Markt für Medizintechnik galt lange als sehr krisensicher", sagt Matthias Weber. Bis Corona kam. Seinem Unternehmen habe da geholfen, dass man breit aufgestellt sei.

Neben RehaCom bietet Hasomed noch zehn weitere Produkte an. Ein von den Magdeburgern entwickeltes Messsystem hilft etwa bei der Therapie von Schluckstörungen.  Zur Produktpalette gehört auch ein Praxisverwaltungssystem speziell für Psychotherapeuten und -therapeutinnen. Über 12.000 Anwendende hat die Software mittlerweile. Hasomed konnte dadurch Einbußen in anderen Sparten kompensieren.

Promobild für das Therapiesystem RehaCom, mit Schlaganfallpatienten u.a. ihr Gedächtnis trainieren
Eine Werbedarstellung der Firma für das Therapiesystem "RehaCom" Bildrechte: Hasomed

Für den Geschäftsbericht 2020 rechnet Weber deshalb zwar mit einem Umsatzrückgang von 30 bis 40 Prozent, aber auch damit, dass man den Vorjahresgewinn stabilisieren kann.

Unbeirrt von Corona ist die Belegschaft gewachsen. Mehr als 150 Menschen arbeiten derzeit für Hasomed. Ende 2019 waren es noch 135. Laut Matthias Weber sei es dem Unternehmen gelungen, in der Krise neue Fachkräfte zu gewinnen, die anderswo in Kurzarbeit geschickt worden waren. Vor allem das Team der Produktentwicklung wuchs. Dabei gilt der Personalmarkt dort als besonders umkämpft. Die nächsten Neueinstellungen sind bereits beschlossen.

Matthias Weber will Fachkräfte in Magdeburg halten – und träumt vom "Silicon Valley der Medizintechnik"

Weber würde gerne mehr junge Menschen an die Region binden. Vor fünf bis sieben Jahren, sagt er, "haben wir noch eher versteckt, dass wir aus Magdeburg kommen". Das sei mittlerweile anders. Infrastruktur und Autobahnanbindung seien hervorragend. Das Umfeld mit Universität, Hochschule und Unimedizin ideal, die Fachkräfte würden direkt vor Ort perfekt ausgebildet. Magdeburg sei zudem nah an Berlin und könne deshalb von der Start-up-Szene dort profitieren.

Es tue ihm "persönlich weh", wenn gut ausgebildete Fachkräfte sich jeden Tag ins Auto setzen und 90 Kilometer nach Wolfsburg fahren – oder sogar nach Baden-Württemberg ziehen, sagt Weber. Er hat deshalb im Corona-Jahr 2020 ein weiteres Unternehmen gegründet. Im Health + IT Campus sollen sich zukünftig Start-ups und etablierte Firmen aus der Branche mit Forschung und Nachwuchskräften verbinden. So sollen vor allem Letztere vor Ort bleiben.

Weber hält es für möglich, dass Sachsen-Anhalt zu einem "Silicon Valley der Medizintechnik" werden könnte, so wie Kalifornien mit seinen Computer- und Internetkonzernen à la Apple. Diesem Glauben hat auch die Corona-Krise keinen Abbruch getan.

MDR, Thomas Vorreyer

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! Aus Magdeburg | 22. Februar 2021 | 22:10 Uhr

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