Nahaufnahme Corona-Regeln abschaffen – ist die AfD-Forderung realistisch?

Im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt blicken wir auf Themen, die die Menschen vor Ort bewegen und die bei der Wahlentscheidung durchaus eine Rolle spielen könnten. Diesmal geht es um das Thema Gesundheit – und damit natürlich auch um die Bekämpfung der Corona-Pandemie. Als einzige Partei verlangt die AfD ein sofortiges Ende der Beschränkungen, will alle Corona-Verordnungen abschaffen und Restaurants, Kinos und Sportstätten wieder öffnen. Aber ist das realistisch?

Ein Schild mit der Aufschrift «Stopp! Ab hier ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung Pflicht!» steht in einer Fußgängerzone.
Die AfD kritisiert schon lange Corona-Maßnahmen wie die Maskenpflicht. Bildrechte: dpa

In der fünfteiligen Reihe "Nahaufnahme" beschäftigt sich die Redaktion jeden Dienstag mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Vertreter aller fünf Landtagsparteien diskutieren jeweils mit Leuten aus der gesellschaftlichen Praxis über ein strittiges Thema an einem dazu passenden Ort.

Ein sonniger Mittag im Magdeburger Stadtteil Olvenstedt. Umgeben von Plattenbauten stehen mehrere einstöckige Gebäude. Alles ist noch neu, erst vor wenigen Wochen ist dieses etwas andere Altersheim eröffnet worden: "Im Endeffekt ist das eine sogenannte hybride Wohnform. Eine Kombination aus ambulanter und teilstationärer Versorgung, in der Menschen eine vernünftige Alternative zum klassischen Pflegeheim finden", erklärt Jörg Biastoch. Er ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von "Humanas" und betreibt mit seinem Unternehmen mehr als ein Dutzend ähnlicher Seniorenwohnparks in Sachsen-Anhalt. Die Bewohner waren und sind hier besonders bedroht durch die Pandemie.

Diskussion über Maskenpflicht

Heute will Biastoch mit AfD-Politiker Ulrich Siegmund diskutieren. Dieser ist gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion und kritisiert, dass hier mit der "Holzhammermethode" vorgegangen werde: "Dass hier seit über einem Jahr an Corona-Maßnahmen festgehalten wird, die a) widersprüchlich und b) nachweislich ineffizient sind."

Ulrich Siegmund
AfD-Politiker Ulrich Siegmund Bildrechte: IMAGO

Siegmund ist 30 Jahre alt und gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann sowie studierter Wirtschaftspsychologe und Betriebswirt. Er ist dagegen, dass sich die gesamte Gesellschaft zum Schutz einzelner Gruppen an – seiner Meinung nach – widersprüchliche Maßnahmen halten muss. "Wie Ausgangssperren, die absolut gar nichts bringen oder einer Maskenpflicht, die für mehr Verunsicherung sorgt, als die Lösung von Problemen herbeiführt."

Jörg Biastoch, der Leiter des Pflegewohnparks, sieht das anders. Er findet die Maskenpflicht sinnvoll. Auch, dass beispielsweise in der U- oder S-Bahn hochwirksame Masken getragen werden. "Sie sehen ja zum Beispiel, dass wir dieses Jahr keine große Grippe-Epidemie hatten", sagt er an den AfD-Politiker gewandt: "Warum? Weil natürlich durch die Maßnahmen, wie unter anderem die Masken, auch jede andere Erkrankungsform, die durch Aerosole übertragen wird, eingeschränkt wird." Dr. Jörg Biastoch ist studierter Arzt und Epidemiologe. Zur Pflege kam er erst später, sein Wissen hilft ihm aber auch hier. Als einer der ersten ließ er seine Mitarbeiter bereits im März vergangenen Jahres Masken tragen, lange bevor es allgemein üblich wurde.

Kritik an Investitionen in Krankenhäuser und Pflege

AfD-Politiker Ulrich Siegmund erzählt nun von seiner Heimat, der Altmark, wo gerade in Havelberg das Krankenhaus geschlossen wurde, und er fragt: "Wie ist es möglich, dass dieses Land seit einem Jahr alles herunterfährt, was übrigens 2,5 Milliarden Euro pro Woche kostet, aber trotzdem nicht bereit ist, einzelne Krankenhäuser zu erhalten und in die Pflege zu investieren?"

Biastoch hält dagegen, dass in den 1990er-Jahren Fehler gemacht worden seien. Es gebe in Sachsen-Anhalt nach wie vor überdurchschnittlich viele Krankenhausbetten. "Wenn wir zum Beispiel sagen, wir wollen im Krankenhaus oder in der Pflege das Personal besser bezahlen, dann muss ich auf der anderen Seite fragen: Wo kommt das Geld her? Ich denke, wir müssen uns hinsetzen und endlich mal grundsätzlich über die Kosten in Gesundheit und Pflege diskutieren."

Keine Einigung beim Thema Corona

Es gibt immer wieder Punkte, da sind beide einer Meinung. Nicht zuletzt, wenn es darum geht, dass endlich etwas gegen die überbordende Bürokratie im Gesundheits- und Pflegebereich getan werden muss. Dann gibt es Nicken, Zustimmung. Doch das endet spätestens, wenn es wieder um das Thema Corona geht. AfD-Mann Siegmund möchte den Lockdown so schnell wie möglich beenden: Kinos, Restaurants, Schwimmbäder öffnen, die Maskenpflicht abschaffen.

Frage an den Arzt, Epidemiologen und Pflegeunternehmer: Was würde passieren, wenn Siegmund und die AfD sich durchsetzen könnten? Das sei jetzt "Kaffeesatz-Leserei", sagt Biastoch, antwortet dann aber: "Ich denke, wir hätten dann ähnliche Effekte wie in anderen Regionen, in denen so was versucht wurde." Er nennt die Testversuche im Saarland und in Tübingen, wo die Inzidenzen wieder deutlich nach oben gegangen sind. In seinem Unternehmen würde er die derzeitigen Hygienekonzepte auf jeden Fall weiter beibehalten und bei seinen Mitarbeitern an die Vernunft appellieren. "Damit sind wir im vergangenen Jahr gut gefahren", sagt er. Ulrich Siegmund von der AfD begrüßt das: "Herr Biastoch lebt genau das, was unser Programm sagt: Wir setzen auf Selbstverantwortung der Menschen, wir setzen auf Freiwilligkeit, und wir setzen auf Eigenverantwortung."

Biastoch selbst will das so nicht stehen lassen. Das werde nicht in allen Bereichen funktionieren, entgegnet er: "Wir hier haben eine sehr enge Bindung zu unseren Kollegen. Wir sind halt eine kleine Einrichtung. Wir haben das gut im Griff." Bei einer Einrichtung mit 100 Mitarbeitern sehe das schon anders aus, da würde das nicht funktionieren. "Weil es dann zwei, drei Leute gibt, die das alles nicht begreifen. Das liegt nun einmal in der Natur des Menschen, dass er egoistisch ist und nicht jeder damit umgehen kann." Der AfD-Politiker sieht das anders, seiner Meinung nach führt ein Zwang immer zu einer intuitiven Ablehnung.

Mehr als eine halbe Stunde diskutieren die beiden schließlich engagiert miteinander. Näher gekommen sind sie sich – vor allem bei Corona – nicht.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Mai 2021 | 08:53 Uhr

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