Frage der Woche zur Landtagswahl Mehrheit hält "Wessi"-Plakat der Linken für rhetorischen Fehlgriff

Die Linke provoziert mit einem Anti-"Wessi"-Plakat. Darf die Ost-West-Diskussion so geführt werden? Nein, sagt die Mehrheit der in Sachsen-Anhalt lebenden Menschen. Das geht zumindest aus einer neuen MDR-Befragung hervor. Die Partei erfährt aber auch Zustimmung weit über ihre Anhängerschaft hinaus.

Linke-Spitzenkandidatin Eva von Angern schaut bei einem Pressetermin auf das Plakat ihrer Partei mit dem Spruch "Nehmt den Wessis das Kommando", darunter ist ein Kind zu sehen, dass an einem Hund zieht
Bildrechte: MDR

Der Spruch "Nehmt den Wessis das Kommando" stößt in Sachsen-Anhalt auf große Ablehnung. Das ist das Ergebnis einer nicht-repräsentativen MDR-Befragung, bei der seit Mittwoch 6.276 Menschen mitgemacht haben. Dabei sagten fast drei von fünf Teilnehmenden (59 Prozent), sie finden die fragwürdige Plakataktion der Linkspartei im Ton gar nicht oder eher nicht angemessen.

Rund zwei von fünf Teilnehmenden haben hingegen weniger ein Problem mit der provokativen Formulierung. Nur zwei Prozent der Teilnehmenden machten keine Angabe zu der Frage. Die Erhebung stammt vom Meinungsbarometer MDRfragt.

Im Landtagswahlkampf hatte die Linke zunächst ein Plakat mit diesem Spruch im Rahmen ihrer Kampagnenvorstellung präsentiert, anschließend aber erklärt, dass das Plakat gar nicht hängen soll. Da hatte es bereits teils heftige Kritik auch aus der eigenen Partei gegeben. In dieser Woche versuchte man nun, die angestoßene Debatte auf die Lebensverhältnisse im Osten Deutschlands zu lenken. Die seien auch 31 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht auf West-Niveau, so die Partei. Ganz weg ist "Nehmt den Wessis das Kommando" damit nicht: Ein neues Thesenpapier der Parteispitze, das dem MDR vorliegt, schließt wieder mit der Formulierung.

Interessant am Ergebnis der Befragung ist, dass der Wert von fast 40 Prozent Zustimmung deutlich über den Umfragewerten der Partei liegt. Die Linke steht dort derzeit zwischen 12 und 13 Prozent. Das Wahlkampfmanöver muss ihr deshalb nicht zwangsläufig geschadet haben. Die Ergebnisse der MDRfragt-Befragung sind anders als die repräsentativen Wahlumfragen allerdings nur gewichtet.

MDRfragt-Community durchaus für neue Ost-West-Debatte - fraglich ist nur der richtige Umgang damit

Generell findet eine neue Ost-West-Debatte viel Zuspruch in der MDRfragt-Community. Das geht aus über 1.800 Kommentaren hervor, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusätzlich abgegeben haben, um ihre Haltung zu erläutern. So viele Rückmeldungen gab es noch nie bei diesem Format. Hier ein Ausschnitt der Diskussion:

Dieses Plakat ist unangemessen und peinlich. Die "Wessis" lachen sich schlapp über uns. So wird das leidige Thema Ost-West nur noch mehr zum Politikum. Ost und West sollten als Himmelsrichtungen reichen.

Teilnehmerin *1984 Magdeburg

In der Debatte wären Worte wie "Einheit" oder "Gleicher Lohn" passender. Wir sollten auf ein Miteinander, statt auf ein Gegeneinander setzen - eine solche Unterstellung ist nur Wasser auf die Mühlen der ewig Gestrigen. Zumal bei dem Bild auch die Frage ist, wer hier wen zieht oder aufhält.

Teilnehmerin *1986 Burgenlandkreis

Es sollte nach über 30 Jahren Vereinigung nicht pauschal über "Ossis" und "Wessis" geurteilt werden. Überall gibt es engagierte Leute und schwarze Schafe.

Teilnehmerin *1969 Dessau-Roßlau

Die Ungleichheit zwischen Ost und West bei Löhnen, Renten aber auch bei Führungspositionen ist auch über 30 Jahre nach der Wende allgegenwärtig. Die Formulierung ist provokant, stößt so manchem gegen den Kopf. Aber: Hätte dort gestanden "Gegen die Unterrepräsentanz von Ostbiographien in Führungsebenen", hätte niemand über das Thema geredet.

Teilnehmer *1988 Magdeburg

Das Wort "Wessi" sollte langsam mal aussterben, es sagt ja auch niemand "Nordi" oder "Südi". Mit Mitteldeutscher oder Nordostdeutscher wäre das ganz anders, Süddeutscher oder Südwestdeutscher klingt doch viel besser. Die Linken sollten da dringendst an der Formulierung arbeiten. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist das nicht mehr zeitgemäß.

Teilnehmer *1971 Saaelkreis

Klar ist: 30 Jahre nach der Wende haben sich die Seilschaften etabliert. Wer nicht den Stallgeruch hat, hat auch keine Chance auf Führungsposten. Auch in anderen Feldern des politischen, wirtschaftlichen und juristischen Lebens sind Personen aus den neuen Ländern unterrepräsentiert. Und weil das so ist, kommen wir auch in allen Bereichen nicht voran, da die westliche Sichtweise dominiert. Die  Formulierung ist trotzdem unglücklich.

Teilnehmer *1953 Salzlandkreis

Diese Wortwahl zeigt, dass die Mauer in den Köpfen derjenigen, die diesen Satz aussprechen, noch immer nicht weg ist. Das ist sehr schade und würdigt die Leistungen bei uns in den neuen Bundesländern herab. Unsere Lebensverhältnisse sind doch gleichwertig zu denen im "Westen". Alles immer nur zum Beispiel auf Lohnunterschiede zu beschränken, ist einfach zu kurz gedacht. Mit diesem Ausspruch ist die Linke für mich persönlich auch nicht mehr wählbar. Denn scheinbar ist die komplette Vereinigung Deutschlands nicht gewollt von dieser Partei.

Teilnehmerin *1975 Halle (Saale)

Jeden Freitag um 18:30 werten MDR SACHSEN-ANHALT und MDRfragt die Ergebnisse der Frage der Woche zudem in einem Livestream auf Facebook, YouTube und MDR.de aus. Wir wollen auch auf diesen Plattformen mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie sind also herzlich eingeladen, live selbst zu kommentieren. Außerdem präsentieren wir weitere Wortmeldungen aus der MDRfragt-Community.

MDRfragt geht auf Tour – und will mit Ihnen sprechen!

Die Kolleginnen und Kollegen von MDRfragt gehen in den kommenden Wochen und Monaten vor der Landtagswahl auf Tour durch Sachsen-Anhalt. MDRfragt-Reporterin Claudia Reiser wird am 12. Mai in Wernigerode, am 26. Mai in Naumburg und am 2. Juni in Stendal sein – und möchte mit Ihnen ins Gespräch kommen. Infos dazu hier.

"Frage der Woche zur Landtagswahl" geht weiter

Die Befragung ist Teil unseres Formats, der "Frage der Woche zur Landtagswahl", die wir Ihnen wöchentlich stellen. Wenn Sie an den nächsten Befragungen teilnehmen möchten, müssen Sie nur Teil der MDRfragt-Community werden. Die Anmeldung geht einfach und schnell unter www.mdrfragt.de. Dort finden Sie auch weitere Infos. Die jeweilige "Frage der Woche zur Landtagswahl" bekommen Sie danach immer automatisch per Mail zugeschickt. Und über das Ergebnis berichten wir zuerst jeden Freitagabend in #LTWLSA – unserem Update zur Landtagswahl.

Die Spitzenkandidaten der sechs großen Parteien zur Landtagswahl, von links nach rechts: Eva von Angern (Die Linke), Cornelia Lüddemann (Grüne), Katja Pähle (SPD), Reiner Haseloff (CDU), Lydia Hüskens (FDP), Oliver Kirchner (AfD)
Die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der sechs großen Parteien zur Landtagswahl Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR/Thomas Vorreyer, Kristin Hansen

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 01. Mai 2021 | 07:30 Uhr

15 Kommentare

Axelot vor 21 Wochen

Eine etwas ironisch anmutende "Gebt den Ossis das Kommando"-Aktion mit nacherklärender Erläuterung wäre ja noch akzeptabel gewesen. Aber diese völlig bekloppte und selten dämliche Kampagne der Linken bezeugt nur einen entgleisten Populismus, der sich anschlussfähig an die AfD und deren Wählerschaft geriert und die ganze Piefigkeit einer sich "links" titulierenden Partei offenbart. Genauso schlimm die offenkundige Unbelehrbarkeit der Parteispitze, die sich lt. verlinktem Spiegel-Artikel auch nach der einsetzenden Kritik ganz unbeirrt zeigt. R2G ist damit in Sachsen-Anhalt beerdigt - aber gravierender ist, dass die eigentlich zu Recht aufgeworfenen Themen der Benachteiligung durch die Kampagne verblassen werden.

Demokrat vor 21 Wochen

Das große Geschrei zeigt ja nur, dass die Linke mit ihrem Plakat offenbar den richtigen Nerv getroffen hat (wie übrigens auch Sahra Wagenknecht mit ihrem Bestseller). Wie das Mädchen bei des Kaisers neuen Kleidern: Der ist doch nackt!
Die Kenia-Altparteien haben das mächtige Akzeptenzproblem, historisch vom Westen dem Osten aufgezwungen worden zu sein und bis heute noch Wessi-Herrschaft über den Osten zu verkörpern. Inklusive eben der Unbilden Treuhand, Wessi-Dominanz, Bundesbürger 2. Klasse, Hartz 4 usw.
Teilweise konnten originär ostdeutsche bzw. neuere gesamtdeutsche Parteien einen Kontrapunkt setzen und artikulieren, die Demokratie-Lücke füllen, eben Linke und AfD.
Insgesamt aber leidet die Politik immer noch unter dem Repräsentationsdefizit, am ehesten haben sich noch die ostdeutschen Landesväter emanzipieren können und genießen Zuspruch weit über Parteigrenzen hinweg.
Vor allem aber sorgt (wie bei Corona) der fehlende grundsätzliche Fahrplan weiterhin für Unmut und Verdruss.

Volker von Alzey vor 21 Wochen

Tja, zum wiederholten Male enttarnen Sie sich mal wieder selbst. Ist schon schwierig sich unter verschiedenen Logins , zu verschiedenen Themen zu äußern. Einen schönen Sonntag wünsche ich in den Westen und vielleicht nehmen Sie mal etwas Urlaub von dem Kommentarbereich des MDR ?

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