Nach der Landtagswahl Landwirte zwischen Hoffnung und Frustration

Viele Landwirte in Sachsen-Anhalt sind frustriert. Sie fühlen sich von der Politik allein gelassen und wollen Veränderungen. Was ein konventioneller Landwirt aus Wulferstedt und ein Öko-Bauer aus Könnern sich wünschen.

Als Martin Dippe vor seinem Feld steht, spricht Ernüchterung aus ihm. "Das größte Problem", sagt der Vizepräsident des Deutschen Bauerbundes, "ist die fehlende Wertschätzung gegenüber dem, was wir tun: nämlich jeden Tag Lebensmittel mit hohen Standards zu produzieren."

Auf 750 Hektar Fläche betreibt Dippe in Wulferstedt im Landkreis Börde einen konventionellen Agrarbetrieb. Weizen, Kartoffeln oder Zwiebeln werden dort angebaut. "Das Bewusstsein für das, was wir tun, muss wieder gestärkt werden", sagt Dippe. Denn: "Wir als Landwirte schützen am Ende ja den Verbraucher mit unseren Produkten vor billigen Importen, die eben nicht zu unseren Standards produziert werden."

Lage der Bauern "weiterhin angespannt"

Der Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt, Olaf Feuerborn, sieht seine Branche mit viel Kritik konfrontiert und fordert ausreichend Zeit, um darauf zu reagieren. Feuerborn äußerte sich bei MDR SACHSEN-ANHALT mit Blick auf den Deutschen Bauerntag, der am Mittwoch und Donnerstag digital stattfindet.

Er betont, die Landwirtschaft stehe Wandel offen gegenüber. Aber das gehe nicht von heute auf morgen. Als Beispiel nennt er die Tierhaltung in Ställen. Geforderte Umbauten seien auf die Schnelle ohne Unterstützung nicht machbar. Die Landwirte würden sich damit finanziell über 20 Jahre binden.

Anerkennung und Wertschätzung für die Landwirtschaft gefordert

Feuerborn fordert in diesem Zuge auch Planungssicherheit: "Wir brauchen die Möglichkeit, mit dem Umbau auch Geld verdienen zu können oder Mittel zur Vefügung zu kriegen, damit Tierhaltung eine lohnende Investition ist." Er unterstütze die Forderungen an die Politik, dringend Änderungen im Baurecht umzusetzen, damit geplante Umbauten auch schnell genehmigt würden.

Wichtig ist dem Bauernpräsidenten, dass die Landwirtschaft wieder mehr Anerkennung und Wertschätzung in der Öffentlichkeit für ihre Arbeit erfährt. Die aktuelle Lage der Bauern in Sachsen-Anhalt schätzt er als weiterhin angespannt ein. Zwar habe man ein gefühlt feuchteres Frühjahr gehabt, aber die Trockenheit wirke sich nach wie vor aus.

Olaf Feuerborn, Gemüsebauer und Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt, in blauem Blazer vor einem Feld
Der Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt, Olaf Feuerborn Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gerade die Hitze der vergangenen Woche hat deutlich gezeigt, wo das Wasser fehlt.

Olaf Feuerborn, Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt

Branche fühlt sich alleingelassen

Die Worte von Martin Dippe stehen stellvertretend für unzählige Landwirte in Sachsen-Anhalt. Viele sind frustriert und beklagen eine schwierige Kommunikation mit der Politik. Landwirtschaftsministerin Claudia Dalbert von den Grünen steht schon lange in der Kritik.

"Nicht nur ich, die ganze Branche fühlt sich alleingelassen", sagt Phillip Krainbring, ein Landwirt aus der Börde. Bereits vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wünschte er sich im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT mehr Offenheit und Ehrlichkeit von der Politik.

Ein junger dunkelhaariger Mann schaut in die Kamera. 7 min
Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Do 22.04.2021 17:35Uhr 06:38 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/landtagswahl/youtube-mein-sofa-meine-meinung-phillip-krainbring-100.html

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Der Bauernbund fordert einen Wechsel im zuständigen Ministerium. Die Landwirte wollen, dass die Union das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Energie übernimmt. Vizepräsident Dippe, selbst CDU-Mitglied, sagt, mit Sicherheit habe ein großer Teil der Bevölkerung im ländlichen Raum zum Wahlsieg der Union beigetragen. Dieser dürfe jetzt bei der Regierungsbildung nicht enttäuscht werden.

Streitpunkt mit der Landwirtschaftsministerin

Von der neuen Landesregierung wünscht sich Martin Dippe, dass sie Beschränkungen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln abbaut: "Zum Beispiel konnten wir bis vor ein paar Jahren mehr Pflanzenschutzmittel bei der Aussaat an dem Korn ausbringen, was dann verboten wurde und uns dazu zwingt, wenn der Befall auftritt, mit der Feldspritze zu behandeln."

Landwirt Martin Dippe aus Wulferstedt
Landwirt Martin Dippe aus Wulferstedt Bildrechte: MDR

Das Bewusstsein für das, was wir tun, muss wieder gestärkt werden.

Martin Dippe, Vizepräsident des Bauernbundes

Außerdem fordert Dippe, Fördermittel für die Landwirtschaft sollten nicht mit der "Gießkanne", wie er es nennt, von konventioneller zu ökologischer Landwirtschaft umverteilt werden. 

Genau das ist aber ein großer Streitpunkt mit der amtierenden Landwirtschaftsministerin Claudia Albert. Ihr Ministerium hat den Ausbau der Öko-Landwirtschaft mit dem Leitbild Landwirtschaft 2030 vorangetrieben – gegen den Widerstand konventioneller Landwirte.

Öko-Förderung gefordert

Im Öko-Betrieb "Gut Edlau" bei Könnern im Salzlandkreis hoffen sie hingegen, dass die geltenden Förderregeln beibehalten werden. "Das, was uns noch fehlt, ist das langfristige Bekenntnis auch der neuen Landesregierung zum Ökolandbau, um eine stabile Förderung in Zukunft zu bekommen, um die, die umgestellt haben, dabei zu behalten", sagt Leonard van Uelf.

Der Öko-Landwirt leitet den Bertrieb mit einer Fläche von 450 Hektar. Ein Unterschied zu einem konventionellen Landwirtschaftsbetrieb: Pestizide dürfen hier nicht verwendet werden. Stattdessen entfernt ein Roboter das Unkraut zwischen den Pflanzen.

Van Uelf erwartet von der neuen Landesregierung außerdem eine Förderung der ökologischen Lebensweise über den Acker hinaus:

Landwirt Leonard van Uelf aus Könnern
Landwirt Leonard van Uelf aus Könnern Bildrechte: MDR

Wir müssen nicht nur die Landwirtschaft zum Ökolandbau hinbewegen, sondern die ganze Wertschöpfungskette stärken, um Öko-Lebensmittel zu verarbeiten: beispielsweise Bäckereien, Mühlen oder Molkerein hier im Land.

Leonard van Uelf, Öko-Landwirt

Denn: "Wir haben die Erzeugung und wir haben in den Städten auch die deutlich gestiegene Nachfrage nach Öko-Lebensmitteln. Die ist ohne Frage regional und bundesweit vorhanden."

Fokus auf Regionalität

Martin Dippe aus Wulferstedt und Leonard van Uelf aus Könnern: zwei Landwirte, zwei verschiedene Arten zu wirtschaften. Die Herausforderung, beiden gleichermaßen gerecht zu werden, kann kaum erfüllt werden – ganz egal, welche Partei als nächste das Landwirtschaftsministerium führen wird. 

Doch in einem sind sich beide einig. Denn auch Martin Dippe, der konventionelle Landwirt, sagt: "Regionalität und heimische Landwirtschaft müssen gestärkt werden. Wir produzieren zu Weltmarktpreisen, aber unter Einhaltung höherer Standards als viele andere. Das funktioniert nicht. Wir fordern eine bessere Kommunikation der Politik mit uns – und eine Kooperation."

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MDR/Roland Jäger, Marcel Schieback, Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Juni 2021 | 19:00 Uhr

10 Kommentare

C.T. vor 4 Wochen

"...Wir als Landwirte schützen am Ende ja den Verbraucher mit unseren Produkten vor billigen Importen, die eben nicht zu unseren Standards produziert werden..."

Aha, sie schützen uns mit ihrer Preistreiberei also vor Billigimporten aus dem Ausland? Hehe, der ist gut! Ich wette 95% der Verbraucher sind nicht in der Lage zu erkennen, ob ein bestimmter Apfel aus Deutschland, Neuseeland oder sonstwo her kommt... Der Preis ist entscheidend (neben dem Geschmack natürlich), nicht der Ursprung! Ist ja schließlich nicht jeder ein Beamter im gehobenen Dienst oder Millionär... und vom verschenken ist noch keiner reich geworden!

C.T. vor 4 Wochen

"Wer auf dem Land wohnt, der sollte sich nicht beschweren, dass es da auch mal wie auf dem Land riecht. Gehört irgendwie dazu...."

Da gehe ich mit, wenn im gleichen Kontext gesagt werden darf: "Teure Mieten gehören zum Stadtleben dazu. Wer in der Stadt wohnen will, muss teure Mieten in Kauf nehmen..."

Saxe vor 4 Wochen

Meinen Sie nicht, die Landwirte wären nicht auch froh, wenn sie mal nicht Sonntags, an Feiertagen oder Nachts arbeiten müssten?
Besonders Ihr "Argument" "..und überhaupt" zeugt von großer Sachkenntnis.
Ziehen Sie in eine Großstadt. Dort finden Sie bestimmt Ruhe.

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