Debatte um Heimat Wie sich Sachsen-Anhalts Parteien dem Heimatbegriff nähern

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Der Wahlkampf wird in diesem Jahr wegen Corona wohl ein anderer sein, als bei den vorausgegangenen Landtagswahlen. Doch wird wohl das Thema Heimat und Identität eine große Rolle spielen, auch vor der Frage, wieviel Veränderung den Menschen überhaupt zugemutet werden kann. Wie aber stehen Sachsen-Anhalts Landtagsparteien zu diesen Themenfeldern – Uli Wittstock hat das erfragt.

Blick in den Plenarsaal des Landtags von Sachsen-Anhalt.
Was ist eigentlich Heimat? Diese Frage wird von den Landtagsparteien in Sachsen-Anhalt sehr unterschiedlich beantwortet. Bildrechte: dpa

Wenn man in Sachsen-Anhalts Landtagsparteien wegen eines Interviews zum Thema Heimat anfragt, dann ist das kein Termin, den Hinterbänkler wahrnehmen würden, schon gar nicht ein Vierteljahr vor der Landtagswahl. War es jedoch bislang vor allem konservativen Parteien vorbehalten, sich als heimatverbunden zu präsentieren, so hat der Begriff inzwischen auch links der Mitte eine gewisse Bedeutung erlangt. Und trotz aller gegenteiligen Beteuerungen: als Heimatfilm, Heimatmusik oder Heimatkrimi ist die Idee einer wie auch immer gearteten Heimat noch immer sehr erfolgreich.

Da wundert es nicht, dass auch Parteien versuchen, über diesen Begriff eine emotionale Bindung zum Wahlvolk herzustellen. Doch natürlich erfährt der Heimatbegriff dabei eine starke Veränderung, denn die großstädtisch-weltläufige Grünenwählerin versteht unter Heimat etwas anderes, als der Ruheständler im ländlichen Raum, der bislang immer die CDU wählte. Es geht also auch um die derzeit so stark diskutierte Identitätspolitik, welche ja inzwischen wichtiger zu sein scheint als die soziale Frage.

Für die CDU ist das Thema weder neu, noch ist da ein Fremdeln zu spüren. Zwar sind es nur noch wenige Christdemokraten, die ihre Heimatverbundenheit mit dem Tragen von Trachtenjacken deutlich machen, wie es in der Nachwendezeit oft zu beobachten war, dennoch scheint der Begriff Heimat ein fester Bestandteil zu sein in der politischen DNA der Christdemokraten. Zum Thema Heimat befragt, muss der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU im Magdeburger Landtag, Markus Kurze, nicht lange nachdenken: "Ich liebe meine Heimat und wenn ich meine Heimat liebe, dann kann ich mich auch für sie engagieren. Das ist also keinesfalls altbacken. Und heute merkt man schon, dass das bei jungen Leuten eine Rolle spielt."

Heimat in Ostdeutschland

Markus Kurze kennt das aus eigener Erfahrung. Wenn nämlich in seiner Heimatstadt Burg junge Leute mit einem Moped der Marke Simson umherknattern, dann ist auch der Sohn des CDU-Politikers dabei. Was aber hat das mit Heimat zu tun? "An der Simson kann man eben auch selber herumwerkeln, man kann den Vergaser säubern, man kann den Reifen selber wechseln, was mit den modernen Motorrädern eben nicht mehr möglich ist. Und die Simson kommt nun mal aus der Urheimat, in der wir geboren sind." 

Allerdings wurde die Simson seinerzeit nicht in Burg, sondern in Suhl gebaut, was darauf schließen lässt, dass die Herkunft aus Ostdeutschland für den Christdemokraten Markus Kurze eine Rolle spielt, auch im Ringen um einen Heimatbegriff. "Wenn ich zum Fußball gehe und dann die Fankurve 'Ostdeutschland' ruft und alle springen dazu auf den Rängen, dann ist das natürlich Kult. Und auch das ist natürlich Heimat." Vor zwanzig Jahren hätte man eine solche Äußerung aus der CDU, die sich ja selbst als Partei der Wiedervereinigung versteht, wohl nicht vernommen.

Eva von Angern ist Spitzenkandidatin der Linken und eigentlich wäre es ihre Aufgabe über ostdeutschen Stolz zu reden. Denn nach der Wende waren die Linken, damals noch unter dem Namen PDS, ein politischer Heimatverein für ostdeutsche Interessen. Doch inzwischen hat die Partei sich geändert, seit dem Zusammenschluss mit der mehrheitlich westdeutschen WASG. "Ich habe nicht nur die PDS verloren, sondern damit auch die politische Heimat. Aber da bin ich pragmatisch, denn auch Parteien ändern sich. Und der Schritt hin zu einer gesamtdeutschen Partei war wichtig." so Eva von Angern.

"Heimat darf nicht ausschließend sein"

Die Partei hat sich geändert, ebenso wie das Land, und das hat möglicherweise auch Wählerstimmen gekostet. Heimatverbundenheit sei keine politische Kategorie an sich, so von Angern. Es gehe darum, wie man diesen Begriff fülle: "Wir werden dieses Wort als Linke nicht als Allererstes verwenden, aber natürlich sind wir für ein liebens- und lebenswertes Sachsen-Anhalt. Wenn der Begriff aber genutzt wird, um zu erklären, wer alles nicht zur Heimat gehört, dann ist das für mich nicht akzeptabel."

Darüber hinaus gehört es zum Selbstverständnis linker Parteien, die bestehenden Verhältnisse ändern zu wollen. Und so wundert es nicht, dass die Linke mit dem Heimatbegriff etwas zurückhaltend argumentiert, denn Heimat ist ja gerade jener Sehnsuchtsort, der sich möglichst nicht allzu stark ändern sollte: "Natürlich ist es menschlich zu sagen, ich möchte an dem, was ich habe, festhalten. Das kann man schon als konservativ bezeichnen. Das hat auch etwas mit Lebenserfahrung zu tun. Als Linke versuche ich, die Menschen zu ermuntern, auch mal neue Wege zu gehen, denn es gibt ja immer wieder auch eine neue Heimat." Dennoch bleibt es bis auf weiteres dabei, dass die Linke keine Heimatlieder auf ihren Parteitagen singen wird, sondern die Internationale.

"Heimat" spielt für AfD eine große Rolle

Das käme für Hans-Thomas Tillschneider, Landtagsabgeordneter der AfD und stellvertretender Landesvorsitzender seiner Partei, einem nationalen Verrat gleich. Auch wenn Karl Marx in seinem kommunistischen Manifest die Folgen der Globalisierung treffend beschrieben habe, so seien seine Ideen dennoch komplett abzulehnen, so Tillschneider. Heimat als Idee spielt für den AfD-Politiker eine große Rolle, allerdings in einer eher abstrakten Form. Tillschneider wurde in Rumänien geboren, wuchs in Baden-Württemberg auf und studierte später in Freiburg, Leipzig und Damaskus, um jetzt im Magdeburger Landtag für die AfD zu sprechen.

Er gilt als politisch klar rechtsstehend. "Die Region der Banater Schwaben in Rumänien existiert ja so nicht mehr, das ist jetzt Geschichte geworden. Deshalb taugt es nicht wirklich als Heimat für mich. Meine Heimat ist die deutsche Kultur. Ich sage immer scherzhaft, ich bin Hochdeutscher, weil mir so ein bisschen die regionale Verwurzelung fehlt. Aber ich sehe darin auch nicht wirklich einen Mangel."

Es mutet schon ein wenig paradox an, dass ausgerechnet einer der weltläufigsten Abgeordneten des Landtages zu den schärfsten Kritikern der Globalisierung zählt, wenn es um das Thema Heimat geht. "Diese Entwicklung, die sich Globalisierung nennt, ist natürlich gegen die Heimat gerichtet. Sie strebt nach Entortung, entwurzelt Menschen und zerstört die Heimat. Deshalb ist es so wichtig, an der Heimat festzuhalten." Aus Sicht von Tillschneider ist die Heimat eine Art Kampfzone, um sich gegen das zu wehren, was er als Zumutung empfindet, nämlich die globalisierte Wirtschaft.

Ringen um Heimat als Selbstbehauptung

Dass man eine Heimat kämpferisch zu verteidigen habe, ist eine Erfahrung die Tillschneider auch aus seiner Herkunft ableitet: "In Rumänien war es so, dass die Deutschen sich behauptet haben gegen die Mehrheitsgesellschaft. Sie haben ihre Sprache und Kultur erhalten, über Jahrhunderte in einem fremdkulturellen Umfeld. Das war eine Selbstbehauptungsleistung und so etwas macht einen auch zum Deutschen." Man könne die Kernauseinandersetzungen der heutigen Zeit durchaus auch als ein Ringen um Heimat bezeichnen, so Tillschneider.

Sachsen-Anhalt Grüne sehen derzeit ganz andere politische Notwendigkeiten, vom Klimawandel über den Kohleausstieg bis hin zum Naturschutz und können über diese Stichworte aber relativ leicht auch zum Thema Heimat umschwenken. Cornelia Lüddemann, Fraktionschefin und Spitzenkandidatin ihrer Partei bei den Landtagswahlen, sieht durchaus einen Bewusstseinswandel bei diesem Thema: "Ich glaube, dass viele Menschen auf der Suche sind. Auf der Suche, sich irgendwo zu Hause zu fühlen, sich andocken zu können. Es verändert sich so viel."

Die Grünen hätten eben schon immer über den Naturschutz eine konservative Seite in ihrer Ausrichtung, so Lüddemann. Deshalb sei das Thema Heimat kein Fremdkörper in der Partei, allerdings nur unter ein paar wichtigen Voraussetzungen: "Wenn wir akzeptieren, dass der Heimatbegriff ein Konstrukt ist, dass jede und jeder mit ganz eigenen Emotionen füllen kann, dann haben wir auch weniger Probleme anzuerkennen, dass Heimat auch etwas für Menschen ist, die hier nicht geboren sind."

Weil der Mensch im Innern Wurzeln schlagen will, wächst das Interesse am Thema Heimat, auch bei jungen Leuten.

Cornelia Lüddemann | Grüne Spitzenkandidatin

Auch wenn die Grünen nicht als ökologische Heimatschützer in den Wahlkampf ziehen werden, so ist für Cornelia Lüddemann klar, dass dieses Thema nicht den politischen Gegnern überlassen werden sollte: "Ich denke, wir haben das viel zu lange konservativen Kreisen überlassen, die das aber auch nicht im konservativ besten Sinne interpretiert haben. Denn wenn man das Wort Heimat ernst nimmt, dann ist das ein Versprechen an alle, insbesondere für die jungen Menschen. Und dazu gehört, dass Sachsen-Anhalt immer ein Schmelztiegel war. Also müssen wir den Begriff auch fortschrittlich interpretieren, als Heimat für alle, die hier etwas Neues entwickeln wollen."

Heimat als politisches Selbstverständnis

Auch Sachsen-Anhalts Sozialdemokraten verbinden den Begriff der Heimat mit dem Wandel. Katja Pähle, Fraktionschefin der SPD und Spitzenkandidatin für die anstehenden Landtagswahlen, wuchs im Mansfelder Land auf, erlebte also ihre Kindheit und Jugend in einer Region, in der sich die Lebens- und Arbeitswelt radikal wandelte. "Wir brauchen einen vielfältigen Heimatbegriff, nicht nur weil die Menschen ganz unterschiedliche Heimatorte haben, sondern weil wir auch Heimat bieten wollen für Menschen, die hier herkommen, die hier investieren oder arbeiten wollen. Wenn man Heimat immer nur im Vergleich setzt zu den Filmen der fünfziger Jahre, dann schließt man sehr viel aus, auf das wir heute angewiesen sind."

Dennoch ist auch für die SPD das Thema Heimat nicht zentral im eigenen politischen Selbstverständnis. "Wann wir schreiten Seit an Seit" ist ein beliebtes Lied der Sozialdemokratie, das überall gesungen werden kann, denn Berge, Flüsse, Seen oder Wälder spielen in dem Text keine Rolle. Und so wundert es nicht, wenn Katja Pähle den Begriff der Heimat mit der Idee einer Solidargemeinschaft unterfüttert: "Heimat ist kein rein patriotischer Begriff, sondern Heimat hat auch etwas damit zu tun, dass man vor Ort zusammensteht, gemeinsam Probleme bewältigt und füreinander da ist."

Ostdeutsche Erfahrungen prägen die Definition von Heimat

Aber natürlich wird auch Katja Pähles Nachdenken über die Heimat begleitet von der Frage nach einer ostdeutschen Identität. "Ostdeutsch zu sein heißt auf einen bestimmten Erfahrungsschatz bauen zu können. Da spielen die Wendefolgen eine Rolle, welche Unsicherheit Familien erlebt haben, wie Freundeskreise sich änderten und wie viel Kraft es brauchte, um Mut für einen Neuanfang zu finden. Das tragen viele Ostdeutsche mit in die heutige Zeit. Aber eben auch die Erfahrung, dass es möglich ist, Dinge zu ändern."

Doch stellt sich zunehmend die Frage, wieviel Änderungen die Menschen bereit sind anzugehen, denn die Herausforderungen sind groß. Sachsen-Anhalt hat, wie auch die übrigen ostdeutschen Bundesländer, in den letzten Jahrzehnten dramatische Veränderungen erlebt. Wo einst Schornsteine qualmten, drehen sich nun Windräder. Doch Klimawandel, demografische Entwicklung und Digitalisierung sind Zeichen eines tiefgreifenden Wandels, der mit Sicherheit auch Folgen hat, für das, was wir Heimat nennen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und kommentiert die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt.

MDR/ Uli Wittstock, Thomas Tasler

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wir | 12. März 2021 | 14:40 Uhr

11 Kommentare

Eulenspiegel vor 31 Wochen

Hallo Atheist
Da muss ich ihnen widersprechen. Es stimmt nicht das wer heute Heimat sag automatisch als rechtsradikal, ausländerfeindlich und rückwärtsgewandt eingestuft wird. Das trifft nur auf die zu die sagen: Das ist meine Heimat ihr habt hier nichts zu suchen. Verrisst euch sonst muss ich euch zeigen wo es lang geht“.

ule vor 31 Wochen

@ Horst

Dabei geht es um Grundsatzfragen. Will man die Ehrlichkeit eines Politikers auf den Prüfstand stellen, dann fragt als erstes nach seiner Beziehung zur Heimat.

ule vor 31 Wochen

@ Saxe

Meinen Sie Leistungen des Landes, welche da bestehen aus steuereingetriebenem Geld, oder meinen sie die Leistungen, die ihnen die Heimat bietet ?

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