Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Wo die Frauen fehlen – und wo die Jugend: Mit diesen Kandidaten wollen Sachsen-Anhalts Parteien überzeugen

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Listen der großen Parteien stehen – und damit ist klar, wen Sachsen-Anhalt im Juni wählen kann. Ein Blick auf das Personalangebot der Parteien an die Wählerinnen und Wähler – und damit auf junge Familien im ländlichen Raum, kämpferische Frauen und vom Verfassungsschutz Beobachtete.

Eine Wählerin kommt 2016 in einem Wahllokal aus der Wahlkabine.
So wie hier in Stößen vor fünf Jahren wählt Sachsen-Anhalt auch im Juni wieder einen neuen Landtag Bildrechte: dpa

Im Juni gilt es, einen neuen Landtag für Sachsen-Anhalt zu wählen. Statt bislang 87 Mandaten werden dieses Mal 83 vergeben. Der Landtag schrumpft also weiter, die Steuerkasse freut’s. Die meisten Fraktionen werden deshalb selbst dann Abgeordnete verlieren, wenn sie ihr Ergebnis von 2016 wiederholen können. Außerdem drängt laut Umfragen mit der FDP eine sechste Partei in den Landtag.

Entsprechend eng geht es auf den Landeslisten der Parteien zu, die CDU, AfD, Linke, SPD, Grüne und FDP mittlerweile aufgestellt haben. Aber wie gut repräsentieren diese Listen Sachsen-Anhalts Bevölkerung? Welche Angebote werden Wählerinnen gemacht? Drei Beobachtungen.

Die Generation "Fridays for Future" fehlt – Anfang 30 ist das neue Jung

Zumindest für die vorderen Plätze gilt: Es fehlt die Generation "Fridays for Future" und es fehlen Menschen, die für all jene stehen, die mit ihren Familien in Sachsen-Anhalt neu angefangen haben – nicht aus anderen Regionen Deutschlands kommend, sondern aus anderen Ländern. Igor Matviyets, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Migration der Landes-SPD, wäre so jemand. Mit einem hinteren Listenplatz hat er aber nur als Direktkandidat in Halle Chancen auf einen Einzug in den Landtag.

In puncto Jugend stehen einzig bei den Grünen und der FDP sehr junge Kandidaten auf nicht vollkommen aussichtslosen Plätzen: der erst 2002 geborene Marek Boeck (Grüne, Platz 12) sowie Konstantin Pott und Maximilian Gludau (23 bzw. 22, Platz 7 bzw. 8 bei der FDP). Für einen Sitz im Landtag müsste sich für alle drei in den Umfragen aber noch einiges tun. Dafür müsste sich in den Umfragen aber noch einiges tun. Besser sieht es für die 28-jährige Fahrradaktivistin und Stadträtin, Madeleine Linke, auf Platz sieben der Grünen-Liste aus.

Die AfD hatte 2016 gleich sechs Abgeordnete in den Landtag entsenden können, die damals unter 30 waren. Fünf Jahre später zeigt sich: Das war ein einmaliges Phänomen, der Aufbauphase der Partei geschuldet. Eine Wiederholung gibt es nicht. Allerdings: Männer Anfang 30 wie Ulrich Siegmund oder Tobias Rausch prägen dafür jetzt die Landesliste.

Bei der Linken sollen Carola Kunde (Platz 13) und Marco Heide (Platz 16) – beide ebenfalls Anfang 30 – ein Angebot für junge Familien im ländlichen Raum bieten. Das Gleiche gilt für Katharina Zacharias aus Haldensleben bei der SPD (Platz 13).

Neulinge gibt es vor allen unter den Frauen – Letztere sind aber in zwei Parteien weiter unterrepräsentiert

Auf allen Listen gibt es einen Ausgleich zwischen Land und Großstadt. In kommenden Landtag dürfte sich jede Region gut vertreten fühlen, auch über die jeweils direkt gewählten Abgeordneten hinaus. Neulinge sind dabei – wenig überraschend – eher die Ausnahme. Die allermeisten Kandidierenden bewerben sich um eine zweite oder dritte Mandatszeit. Bei keiner der Parteien kam es zum ganz großen Umbruch.

So dürften auch zwei Männer, die mit dem Parlament groß geworden sind, diesem erhalten bleiben: Detlef Gürth sitzt für die CDU seit 1990 im Landtag, Wulf Gallert für Die Linke seit 1994. Beide haben sichere Plätze erhalten.

Allerdings: Gerade unter den Frauen sind bei allen Parteien viele, die bislang noch nicht im Landtag sitzen. Auch wenn es für manche – wie die Grüne Susan Sziborra-Seidlitz – bereits der zweite Anlauf ist.

Überhaupt, die Frauen. In der Bevölkerung stellen sie etwas mehr als eine Hälfte, der derzeitige Landtag aber ist sehr männerlastig. Schuld sind daran vor allem CDU und AfD. Und beide haben nur wenig dafür getan, dass sich das ändert.

Auf der Landesliste der AfD haben nur zwei Frauen einen mehr oder minder sicheren Platz erhalten, bei der CDU immerhin sechs, auch wenn sie sich zumeist im Mittelfeld der Landesliste einreihen. Begleitet wurde das von deutlicher Kritik aus der Frauen Union. Insgesamt kandidieren neun Frauen für die CDU. Die meisten von ihnen haben gute Chancen, ihren Wahlkreis direkt zu gewinnen bzw. zu verteidigen.

Damit dürfte Generalsekretär Sven Schulze Recht behalten. Er hatte immer gesagt: "Die neue Fraktion wird weiblicher" – egal, wie weit vorn die Frauen auf der CDU-Landesliste stehen. Was er nicht sagte: Die Fraktion wird aber auch mit sechs statt zwei Frauen deutlich männerlastig bleiben.

Anders Linke, SPD, Grüne und ja, auch die FDP. Alle vier treten mit einer Spitzenkandidatin an: Eva von Angern bei der Linken, Katja Pähle bei der SPD, Cornelia Lüddemann bei den Grünen und Lydia Hüskens bei der FDP. Dahinter ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Bei Linken und SPD ist man je Hälfte-Hälfte besetzt, bei den Grünen treten sogar mehr Frauen als Männer an. Alle drei Parteien haben sich in ihrer Satzung eine paritätische Liste verordnet. Eine solche Regelung gibt es bei der FDP nicht, dennoch finden sich auch hier mehrere Kandidatinnen unter den vorderen Plätzen.

AfD wird vom Verfassungsschutz beobachtet – die CDU stützt dennoch weiterhin jene, die über eine Zusammenarbeit nachdenken

Und dann sind da die inhaltlichen Schwerpunkte. Auch diese werden durch Personen präsentiert. Bei der CDU tritt etwa der Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt, Olaf Feuerborn, neu an – neben Menschen aus der Wirtschaft wie Guido Heuer, der bis zur Wahl 2016 Geschäftsleiter bei einem Fliesenhändler war.

Auf den vorderen CDU-Plätzen landeten zudem zwei Männer, die noch im Sommer vor zwei Jahren "das Soziale mit dem Nationalen versöhnen" wollten und für eine mögliche Zusammenarbeit mit der AfD stehen: die beiden stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Ulrich Thomas und Lars-Jörn Zimmer. Eine solche Zusammenarbeit schließt ihr Spitzenkandidat, Reiner Haseloff, aber kategorisch aus. Thomas und Zimmer wurden dennoch gewählt, wenn auch nicht mit den allerbesten Ergebnissen.

Bei der AfD wiederum fällt Hans-Thomas Tillschneider besonders auf. Er war bundesweit einer der ersten Politiker der Partei, der wegen seiner Äußerungen vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Innerhalb der großen Parteien Sachsen-Anhalts ein einmaliger Vorgang.

Die führenden Köpfe der Landes-AfD haben sich davon aber offenkundig nicht beeindrucken lassen. Im Gegenteil: Man hat Tillschneider sogar zum stellvertretenden Landesvorsitzenden gemacht und ihn immer wieder gestützt. Mittlerweile wird die gesamte Landespartei nach Informationen der Mitteldeutschen Zeitung und des ARD Hauptstadtstudios als rechtsextremistischer Beobachtungsfall geführt. Die AfD geht dagegen juristisch vor. 

Anm. d. Red.: Wir haben den Beitrag um weitere Angaben zur Landesliste der FDP ergänzt.

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Die Spitzenkandidaten der sechs großen Parteien zur Landtagswahl, von links nach rechts: Eva von Angern (Die Linke), Cornelia Lüddemann (Grüne), Katja Pähle (SPD), Reiner Haseloff (CDU), Lydia Hüskens (FDP), Oliver Kirchner (AfD)
Die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der sechs großen Parteien zur Landtagswahl Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Auf blauem Hintergrund sind die Logos mehrerer Parteien in Sachsen-Anhalt zu sehen.
Bildrechte: Parteien | Collage: MDR/Max Schörm

MDR/Thomas Vorreyer

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT Heute | 20. Februar 2021 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

SusiB. vor 7 Wochen

Genau meine Meinung. Mir ist es total egal welchen Geschlechts der Mensch ist den ich eventuell wählen werde, wenn er seine Arbeit gut macht und mehr oder weniger die Interessen aller vertritt und sich auch mal dem Wahlvolk nach den Wahlen die Sorgen und Probleme anhört und versucht diese zu ändern.

Anni22 vor 7 Wochen

Warum stellt nie jemand die Frage, nach der fachlichen und menschlichen Eignung?
Wenn das mittlerweile völlig egal ist, dann können wir doch ein paar Bürger auswürfeln und die sind dann eben die Regierung für die nächsten 4 Jahre...

Jan-Lausitz vor 7 Wochen

"Die Generation "Fridays for Future" fehlt ..."

Das ist doch richtig, die Kinder sollen erst die Schule fertig bringen und für das reale Leben lernen, zum Beispiel in einer praktischen Berufsausbildung. Theorien und rosarote Wolkenschlösser werden schon so zur Genüge mit Lebenswirklichkeiten verwechselt.

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