Sachsen-Anhalt Helfen 900 Stellen gegen chronischen Lehrermangel?

Sachsen-Anhalt hat 900 Stellen für Lehrer ausgeschrieben. Darunter sind auch 500 Stellen, die bisher mangels Bewerber und Bewerberinnen nicht besetzt werden konnten. Mit der neuen Stellen-Offensive soll der chronische Lehrermangel bekämpft werden.

Eine Schulklingel steht auf dem Lehrertisch.
Der Lehrermangel hat in Sachsen-Anhalt einen historischen Tiefpunkt erreicht. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

895 Stellen für Lehrer in Sachsen-Anhalt sind neu ausgeschrieben. Mit dieser Sonderausschreibung sollen Unterstützungslehrkräfte gewonnen werden, um die angespannte Lage an den Schulen im Land zu verbessern, erklärt das Bildungsministerium in einer Pressemitteilung. Der Lehrermangel hat in Sachsen-Anhalt einen historischen Tiefpunkt erreicht. Die Frage ist jetzt: Finden sich nun genug Bewerber? Denn zuletzt konnte nicht einmal die Hälfte der ausgeschriebenen Stellen besetzt werden.

Anfang Dezember hatte die neue Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) im Landtag erklärt, dass im aktuellen Schuljahr flächendeckend nur eine Unterrichtsversorgung von 94 Prozent erfolgen kann. 103 Prozent hat sich die neue schwarz-rot-gelbe Regierung des Bundeslandes in den Koalitionsvertrag geschrieben. So sollen normale Ausfälle durch Krankheit oder Elternzeit ausgeglichen werden, die Qualität des Unterrichts erhalten bleiben und möglichst wenige der Stunden ausfallen, die das Land in seinen Bildungsplänen vorgibt. Die 94 Prozent bedeuten: Etwa jede zehnte Stunde fällt aus. "Wenn Sie davon ausgehen, dass an einer Schule über zehn Jahre zehn Prozent des Unterrichts nicht gegeben werden, dann fehlt den Schülern am Ende ein ganzes Jahr", rechnet der Vorsitzende des Landeselternrates Matthias Rose vor.

An den Sekundarschulen fehlen die meisten Lehrer

Vom Unterrichtsausfall sind Grund- und Sekundarschulen besonders betroffen: An jeder zweiten der 148 Sekundar- und Gemeinschaftsschulen soll es im laufenden Schuljahr eine Unterrichtsversorgung von weniger als 90 Prozent geben, hatte die Mitteldeutsche Zeitung Ende November geschrieben. Im vergangenen Schuljahr war es noch jede Dritte, wie aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage des Linken-Landtagsabgeordneten Thomas Lippmann hervorgeht. Demnach waren im vergangenen Schuljahr von den 14.500 geplanten Lehrern in Vollzeit nur 13.500 verfügbar. Außerdem steigen die Schülerzahlen latent an und es scheiden pro Jahr etwa 1.000 Lehrer altersbedingt aus.

Für das Schuljahr 2021/ 2022 wollte Sachsen-Anhalt 905 Lehrerstellen neu besetzen. Doch tatsächlich gab es bis Anfang Oktober nur auf rund 400 der ausgeschriebenen Stellen Bewerber. Bis Anfang Dezember waren über 500 dieser Stellen immer wieder ausgeschrieben worden. Diese werden nun auch noch in der neuen Ausschreibungsrunde enthalten sein.

Bislang Hälfte der neuen Stellen mit Seiteneinsteigern besetzt

"Unter den ausgeschriebenen Stellen befinden sich 451 Stellen, für die eine Zulage gezahlt werden kann, weil sie schwer besetzbar sind", teilte das Bildungsministerium mit. Wie schwer Stellen gerade im ländlichen Raum in Sachsen-Anhalt besetzbar sind, hat sich unter anderem in Aken im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gezeigt. An der dortigen Sekundarschule war Anfang Oktober sogar jede zweite Stunde ausgefallen. Das Ministerium hatte die Ausschreibungen für die fünf Stellen für diese Schule Mitte November angepasst und dabei die Anforderungen für Seiteneinsteiger weiter gesenkt. So musste früher ein Bewerber oder eine Bewerberin etwa Deutsch, Mathe oder Physik studiert haben. Nun reicht es offenbar, wenn jemand ein Studium nachweisen kann. Dies dürfte nun ab Montag in den neuen Ausschreibungen bei vielen weiteren Stellen der Fall sein. Für die Schule in Aken hat es inzwischen drei weitere Zusagen gegeben, teilte das Bildungsministerium auf Anfrage des MDR Anfang Dezember mit.

"Wenn man bei den Neueinstellungen wie Sachsen-Anhalt im letzten Jahr zur Hälfte auf SeiteneinsteigerInnen setzen muss, ist das natürlich fatal für die Unterrichtsqualität", sagte Dirk Zorn, Bildungsforscher der Robert-Bosch-Stiftung – die unter anderem Projekte im Bereich Bildung und Wissenschaft fördert – im MDR. Diese retteten zwar den Unterricht, aber die Neueinsteiger benötigten eine intensive Vorbereitung, Qualifizierung und Mentoring vor allem in den pädagogischen Fragen, um ihre Aufgaben gut erfüllen zu können.

Zu wenige Lehramt-Studenten in Sachsen-Anhalt?

Eine andere Lösung des Lehrermangels könnte die Schaffung von mehr Studienplätzen in Sachsen-Anhalt und die Erhöhung der Anzahl an Abschlüssen sein. Zu dieser Erkenntnis war eine von der Landesregierung eingesetzte Expertengruppe gekommen. Diese hatte im Bericht zur Bestimmung des längerfristigen Lehrkräftebedarfs vorgeschlagen, die Zahl der Plätze an den Universitäten in Halle und Magdeburg von 1.000 auf bis zu 1.200 zu erhöhen. Bei einer Abschlussquote von 61 Prozent würden so ausreichend Lehrer im eigenen Land ausgebildet. Doch auch wenn dies bereits – wie 2018 vorgeschlagen – sofort umgesetzt worden wäre, hätte dies erst ab 2024 den gewünschten Erfolg haben können.

Der aktuelle Lehrermangel hatte sich auch schon in der Vergangenheit abgezeichnet und hat dort zum Teil auch seine Ursachen: In den Neunziger Jahren hatte es keinen Mangel, sondern einen Überschuss an Lehrern gegeben. Um damals dennoch Entlassungen zu vermeiden, wurden Teilzeitangebote unterbreitet. Hinzu kam dann ein jahrelanger Einstellungsstopp. Eine der Folgen: Die Lehrerschaft ist nun recht alt – ein Großteil deutlich über 50 Jahre. Deswegen scheiden aktuell pro Jahr 1.000 Lehrer altersbedingt aus dem Dienst. Viele gehen auch früher als mit 67 in Rente – rund die Hälfte, wie auch aus dem Bericht der Expertenkommission hervorgeht.

Viel Frust bei Lehrern über 50 Jahre?

"Unter den älteren Kollegen macht sich nun Frust breit und fehlt es auch an Wertschätzung", sagt der Chef des Philologenverbandes, Thomas Gaube. Neben dem chronischen Mangel an neuen Kollegen sei dafür ein weiterer Grund: Um mehr Absolventen der Lehramtsstudiengänge in Sachsen-Anhalt zu halten, gibt es bei Einstellung einen Beamtenstatus. Die neuen Lehrer erhielten somit deutlich mehr Geld als die Älteren. Das Höchstalter zur Verbeamtung ist in Sachsen-Anhalt auf 45 Jahre festgelegt. Alle Lehrer über 50 Jahre bleiben also Angestellte nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes der Länder.

Darüber hinaus ist in Sachsen-Anhalt an vielen weiteren Stellschrauben gedreht worden, um die Lage an den Schulen zu verbessern – was jedoch von Regierung, Opposition oder Lehrer-Gewerkschaften und -Verbänden jeweils unterschiedlich beurteilt wird: Es sollen etwa Schulverwaltungsassistenten und pädagogische Mitarbeiter eingestellt werden, um die Lehrer zu entlasten. Das Bildungsministerium wirbt mithilfe einer Agentur im Aus- und Inland. Das Referendariat ist um ein Drittel von 24 auf 16 Monate verkürzt worden. An den Sekundarschulen ist die Zahl der vorgegebenen Stunden in den Kernfächern gekürzt worden.

Doch bislang reicht sowohl das, was an Seiteneinsteigern als auch an ausgebildeten Lehrkräften da sei, nicht aus, hatte Bildungsministerin Eva Feußner kürzlich erklärt. Doch sie meint: "Schwieriges Fahrwasser bedeutet noch lange keinen Untergang."

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR "Fakt ist" | 15. November 2021 | 22:10 Uhr

2 Kommentare

Altlehrer vor 21 Wochen

"aber die Neueinsteiger benötigten eine intensive Vorbereitung, Qualifizierung und Mentoring vor allem in den pädagogischen Fragen, um ihre Aufgaben gut erfüllen zu können." Theoretisch ist das richtig. Das Gegenteil passiert. Mathe-Quereinsteiger an der Sekundarschule hören einmal in der Woche in der Fortbildung nur Fachliches (Algebra, Analysis), aber keine Fachmethodik oder Didaktik.

Hobby-Viruloge007 vor 21 Wochen

Ich dachte immer, gegen Lehrermangel würden Lehrer helfen.

Das werden Bürger Zensusdaten abgepresst, aber der Staat ist schon überfordert für Kinder 6 Jahre nach ihrer Geburt ausreichend Lehrer bereitzustellen.

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