Inflation oder notwendige Preiskorrektur Bäcker stemmen sich gegen Billigkonkurrenz

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Der Krieg in der Ukraine lässt die Preise steigen, nicht nur für Öl und Gas, sondern auch für die Nahrungsmittel. Mehrere Discounter haben in den letzten Wochen die Preise ansteigen lassen, vor allem für Fleisch, aber auch Gemüse ist deutlich teurer geworden. Selbst für Backwaren ist mit einer Erhöhung zu rechnen. Doch wie viel Panikmache steckt hinter den Zahlen und wie reagieren eigentlich Sachsen-Anhalts Bäcker auf diese Entwicklung?

Ein Korb mit Backwaren
In den vergangenen Jahren haben viele Bäckereien aufgegeben. Die von Denni Nitzschke gehört nicht dazu. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Fährt man durch die Regionen Sachsen-Anhalts, dann fällt es zunächst nicht gleich auf, dass in den vergangenen zehn Jahren in Sachsen-Anhalt rund ein Drittel aller Bäcker den Betrieb aufgegeben hat. Vielerorts haben Filialen von Großbäckereien das Geschäft übernommen oder Discounter, meist am Ortsrand gelegen.

Dennoch ist das Bäckerhandwerk in Sachsen-Anhalt nicht vom Aussterben bedroht. Davon ist zum Beispiel Denni Nitzschke überzeugt. Der junge Bäckermeister betreibt seit zwölf Jahren im Stadtzentrum von Calvörde eine Schaubäckerei.

Ein Mann vor seiner Bäckerei
Denni Nitzschke ist Bäckermeister in Calvörde Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Investition in die Zukunft

Unlängst sorgte die Bäckerei für Aufsehen in der Kleinstadt, als nämlich ein riesiger Kran im Einsatz war, um einen neuen Ofen über die Hausdächer hinweg in die Backstube zu heben. Jetzt kann Denni Nitzschke immerhin 600 Brötchen auf einmal backen, und das auch noch mit einer besseren Energiebilanz, als mit dem alten Ofen. Eine Investition im sechsstelligen Bereich, die man nur tätigt, wenn man an eine wirtschaftliche Zukunft glaubt.

Und einer solchen stehe eigentlich nichts im Wege, sagt Denni Nitzschke: "Es werden wohl noch viele Bäcker aufgeben, weil sie keine Nachfolger finden. Aber für die, die noch da sind, wird es immer irgendwie weitergehen." Für die nächsten drei Jahrzehnte stellt sich in Calvörde das Nachfolgeproblem jedoch nicht, denn Denni Nitzschke ist erst Anfang dreißig.

Vom Müllerssohn zum Bäcker

Seine erste eigene Bäckerei gründete er bereits im Alter von 21 Jahren, mit tatkräftiger Hilfe seiner Eltern, die lange Zeit in der Nähe von Calvörde eine eigene Mühle betrieben. Auf den Beruf des Bäckers kam der Müllerssohn allerdings durch ein Schulpraktikum: "Erst wollte ich Koch werden, dann Logistikkaufmann. Und dann hat mein Vater mir ein Schulpraktikum vermittelt, in einer Bäckerei. Und schon am ersten Tag habe ich gesagt, das ist es, das macht Spaß."

Ein Mann vor seiner Bäckerei
Auch süßes Gebäck wird angeboten. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Dabei gilt der Beruf vor allem wegen seiner Arbeitszeiten als schwierig. Morgens um vier in der Backstube das Licht anzumachen, ist nicht Jedermanns Sache. Für Denni Nitzschke war das jedoch kein Problem: "Damals habe ich noch im Nebengewerbe als DJ gearbeitet, und da war ich die Nachtarbeit schon gewohnt. Mich hat das nie gestört. Ich habe auch in der Ausbildung nicht einmal verschlafen."

Hummer für alle?

Doch solche gelungenen Einzelbeispiele können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Ernährungshandwerk seit Jahrzehnten unter hohem Veränderungsdruck steht. Denn die Rolle der Ernährung hat sich in den vergangenen 100 Jahren deutlich geändert.      

Gaben die Menschen in Deutschland im Jahr 1850 noch mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, so ist dieser Wert im Zuge der Industrialisierung aller Lebensbereiche auf deutlich unter 15 Prozent gefallen. Obwohl die Ernährung eine wichtige Voraussetzung für das menschliche Leben ist, sind wir es gewohnt, preiswerte Nahrungsmittel im Überfluss zur Verfügung zu haben. Das gilt inzwischen auch für jene Bereiche, die noch vor Jahrzehnten als Luxus galten.

Champagner und Hummer gibt es nun auch beim Discounter, doch es mehren sich Stimmen, dass die Party vorbei sein könnte. Denn der Klimawandel und der russische Krieg in der Ukraine sorgen dafür, dass die Transportkosten steigen. Die Halbwertzweit des vielfach geschmähten Werbespruchs "Geiz ist geil" ist offenbar abgelaufen. Das gilt auch für das Essen.

Preis und Leistung

Für Denni Nitzschke gilt dieser Spruch ohnehin schon lange nicht mehr. Alljährlich gibt es unter den Bäckern eine Preisumfrage, und da gehörten seine Produkte zu den teuersten in der Region, so Nitzschke: "Letztes Jahr im August hat das einfache Brötchen bei uns schon 40 Cent gekostet. Das hat aber einen Grund, weil nämlich meine Mitarbeiter ihr Geld auch wert sind, so dass ich sie halbwegs ordentlich bezahlen muss."

Als er vor mehr als zehn Jahren seine Lehre beendete, hätten sehr viele junge Leute nach der Ausbildung die Region verlassen. Jetzt, so Denni Nitzschke, gehe keiner mehr. Zudem setzt er auf regionale Wertschöpfungsketten. Einen Teil des Mehls bekommt er von Schröder-Mühle in Thale. Und im Eingangsbereich des Ladens finden sich weitere regionale Produkte, von Eiern über Bauernkäse aus Templin bis hin zu einem speziellen Bäckerbier.

Mit dem Verkaufswagen in die Region

Aus eigener Herstellung finden sich zudem Erdbeermarmelade, Eierlikör oder Baumkuchen in den Auslagen. Und die Nachfrage sei groß, so Nitzschke: "Es gibt viele Anfragen und wir könnten sofort fünf weitere Läden aufmachen. Das wollen wir aber nicht. Wir wollen uns wirklich auf unseren Laden hier vor Ort konzentrieren."

Allerdings betreibt der Jungunternehmer noch einen Verkaufswagen und ist so in der Region präsent, bei Volksfesten und auf Märkten oder auch bei Veranstaltungen der Motorsportarena in Oschersleben.

Einkommen und Auskommen

Allerdings gibt es bereits jetzt Menschen, die darauf angewiesen sind, sich auf mit Hilfe von Nahrungsmittelspenden der Tafeln über Wasser zu halten, vor allem in den Städten, wo der Anteil an Selbstversorgern geringer ist, als in den ländlichen Regionen. Und auch wenn die Lebensmittelpreise steigen, so liegt Deutschland im europäischen Vergleich auf einem relativ guten Platz.

Der Vergleich zeigt aber auch deutlich: Je ärmer die Menschen sind, um so höher ist der Anteil der Nahrungsmittelkosten. So wundert es nicht, dass im europäischen Vergleich die Ausgaben für Nahrungsmittel in Rumänien mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland sind.

Wenn nun Sozialverbände warnen, dass vor allem arme Menschen die Preissteigerung im Lebensmittelbereich spüren, dann liegt dem auch eine jahrelange Erfahrung zu Grunde. Bei dem Hartz IV-Regelsatz von 449 Euro sind täglich 5 Euro und 19 Cent für die Ernährung vorgesehen. Wenn nun die Discounter ihre Preise deutlich anheben, kann das durchaus Einfluss darauf haben, was und wieviel bei den Betroffenen auf dem Tisch steht. 

Unternehmer mit Verantwortung

Bäckermeister Denni Nitzschke ist als Unternehmer von diesen Problemen nicht unmittelbar betroffen. Dennoch sieht er sich auch in der Verantwortung für sein Umfeld. Da er selbst zwei kleine Kinder hat, setzt er vor allem auf die Zusammenarbeit mit Kindergarten und Grundschule.

In diesem plant er, Hochbeete anzulegen, auch als Hilfe zur Selbsthilfe. "Himbeeren und Johannisbeeren wollen wir pflanzen, außerdem Erdbeeren und Kartoffeln. Für den Herbst planen wir Kürbisse, so dass wir dann auch gemeinsam eine Kürbissuppe kochen können." Man müsse als Bäcker im Gespräch bleiben, so Denni Nitzschke, auch außerhalb der Backstube.

Etwas neues Ausprobieren

Natürlich ist er in den sozialen Medien unterwegs und natürlich gibt es eine Homepage seiner Bäckerei. Für den Erfolg braucht man aber auch gute Ideen.

Als etwa das Klopapier hierzulande Mangelware wurde, hat Denni Nitzschke sofort reagiert und Baumkuchen in Form einer Klopapierolle produziert, mit großem Erfolg: "Die Industrie kann nicht so schnell reagieren, die kriegen mit ihren Maschinen eben nur Standard hin. Und wir können hier schnell mal was Neues ausprobieren. Außerdem setzten wir natürlich spezielle Kundenwünsche um."

MDR (Max Schörm)

4 Kommentare

Soldaten Norbert vor 16 Wochen

Schön, wenn man noch einen echten Bäcker vor Ort hat. Aber heutzutage haben die Kinder keinen Bock mehr auf diese anstrenge Arbeit. Bei uns haben die ehemaligen kleinen Familienbetriebe inzwischen alle geschlossen.

Kelte vom Oechsenberg vor 16 Wochen

OK. Ich gebe es zu, gelegentlich wird schon mal ein Brötchen von der Backstation im Supermarkt geholt. Aber, Samstags und Sonntags gibt es nur Brötchen vom Bäcker im Ort. Auch wenn ich mit dem Rad gute 12 Minuten hin und 12 Minuten zurück brauche. Nichts geht über ein frisches Bäckerbrötchen mit Gehacktem und Zwiebeln zum Samstagmorgen. Gute Ware ist ihren Preis wert. Bei mir wird nichts weggeworfen. Zur Not wir Semmelmehl gemacht.

Soldaten Norbert vor 16 Wochen

Habe heute 3 kleine Brötchen vom nahen "Bäckerstand" im Supermarkt gekauft - 1.25 € !!! Wenn da der richtige Bäcker , mit seinen Preisen nicht mithalten kann und von der Preisentwicklung nicht auch profitiert, dann weiss ich auch nicht mehr.

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