Ratlose Hauseigentümer Reform der Grundsteuer: "Die Bürger werden allein gelassen"

Volontärin Fabienne von der Eltz
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2025 wird die Grundsteuer refomiert. Schon bis zu diesem Herbst müssen alle Hausbesitzerinnen und -besitzer dafür den Wert ihres Grundstücks neu berechnen lassen. Was genau sie dafür beim Finanzamt abgeben müssen, wissen viele nicht. Die Angst, Fehler zu machen, ist groß.

Kerstin Dörfel
Hausbesitzerin Kerstin Dörfel vermisst Informationen zur Grundsteuerreform. Bildrechte: MDR/Fabienne von der Eltz

Kerstin Dörfel graut es vor ihrer nächsten Steuererklärung. Eigentlich macht sie die immer selbst. Doch in diesem Jahr weiß sie nicht, wie. Der Grund: Die Grundsteuer wird reformiert und damit müssen die Grundstückswerte neu berechnet werden. Bis zum 31. Oktober muss Dörfel, genau wie andere Eigentümerinnen und Eigentümer von Grundstücken, eine sogenannte "Erklärung zur Feststellung des Grundsteuerwerts" beim Finanzamt abgeben. Doch wie genau diese Erklärung aussieht und welche Daten sie dafür braucht, weiß Dörfel nicht.

Dabei hat sie mehrfach versucht, sich über die anstehenden Änderungen zu informieren, hat das Thema durch Suchmaschinen geschickt, auf der Webseite des Finanzministeriums gesucht und sogar das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Bemessung der Grundsteuer von 2018 gelesen. "Ich möchte es verstehen", sagt Dörfel, "aber was an der bisherigen Berechnung der Grundsteuer ungerecht ist, steht da nicht." Dass die Grundsteuer, die noch mit Einheitswerten von 1935 für die neuen Bundesländer bzw. von 1964 für die alten Bundesländer berechnet wird, kann Dörfel verstehen. Sie vermisst aber weitere Informationen dazu.

Man findet gar keine Informationen. Ich weiß nicht, was von mir erwartet wird. Das ist traurig.

Kerstin Dörfel Hausbesitzerin
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MDR SACHSEN-ANHALT Fr 04.03.2022 16:25Uhr 01:43 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/boerde/audio-eigentuemerin-will-informationen-zur-grundsteuerreform100.html

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Dörfel fühlt sich schlecht informiert

Kerstin Dröfel ist Ortsteilbürgermeisterin der Gemeinden Siestedt, Klinze und Ribbensdorf. Zusammen mit ihrem Mann Thomas besitzt sie ein Grundstück in Klinze, einem Ortsteil der Stadt Oebisfelde-Weferlingen im Landkreis Börde. 1987 hat ihr Mann das Grundstück gekauft, die alten Gebäude abgerissen und drei Jahre später neugebaut. Auf den insgesamt 927 Quadratmetern stehen zwei Grundstücke, eines mit Garage, Partyraum und Abstellraum, das andere ist das Wohnhaus, in dem Kerstin und Thomas Dörfel mit ihrem Sohn auf 150 Quadratmetern leben.

Damals hat sie einen Fragebogen bekommen, auf dem sie Daten zum Grundstück wie die Gesamtfläche, die Wohnfläche und die Zahl der Zimmer angegeben hat, erzählt Dörfel. Daraus wurde dann die Grundsteuer berechnet, die sie jedes Jahr zahlt. Aktuell sind das 230 Euro im Jahr. Zudem hat Dörfel seit zehn Jahren ein Grundstück in Arendsee gepachtet. Hierfür zahlt sie noch mal 18,50 Euro im Jahr. Wegen des Wochenendgrundstücks macht sie sich weniger Gedanken, da es der Stadt Arendsee gehört. Viel mehr Fragen hat sie zur Steuer für ihr eigenes Grundstück. Einen Fragebogen zur Berechnung, wie sie ihn damals ausgefüllt hat, wünscht Dörfel sich auch für die reformierte Steuer. Doch bisher hat weder Informationen zugeschickt bekommen noch selbst finden können.

Den Bürgern wird nichts an die Hand gegeben. Das ärgert mich. Und ich erwarte einfach, dass Informationen an die Bürger rausgehen.

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Eine Eigentümerin aus Sachsen-Anhalt erklärt, warum sie Angst vor Fehlern bei Erklärung zur Grundsteuer hat.

MDR SACHSEN-ANHALT Fr 04.03.2022 16:25Uhr 01:20 min

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Angst vor Fehlern in der Steuererklärung

Wie Kerstin Dörfel geht es auch vielen anderen Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern in Klinze und Umgebung. Vor allem im ländlichen Raum wohnen die meisten Menschen in Eigenheimen. "Hier in Klinze fällt mir nur eine Familie ein, die zur Miete wohnt", erzählt Dörfel. Auf alle anderen kommt im Herbst die Reform der Grundsteuer zu. Doch was genau das heißt, wissen die wenigsten. "Gestern habe ich mit meinem Nachbarn gesprochen, der zwei Grundstücke hat. Er wusste nicht mal, dass es eine Reform gibt", sagt Dörfel.

Es ist weniger die Sorge davor, dass die Grundsteuer mit der neuen Berechnung steigt, die sie beschäftigt. Kerstin Dörfel hat viel mehr Angst, durch Unwissenheit eine falsche Steuererklärung abzugeben und sich womöglich wegen Steuerbetrugs verantworten zu müssen. Nun hofft sie, dass sie bis Mai konkretere Informationen zur Steuerreform findet. "Dann werde ich die Mitarbeiter im Finanzamt löchern. Und wenn ich da jeden Tag anrufe, bis ich eine zufriedenstellende Antwort habe", sagt Dörfel. Notfalls wird sie sich einen Steuerberater oder eine -beraterin suchen müssen, was sie eigentlich nicht möchte.

Ich habe Angst, dass ich durch Unwissenheit einen Fehler mache und mir dann Steuerbetrug vorgeworfen wird.

Kerstin Dörfel Hausbesitzerin

Steuerberater fehlen Kapazitäten

Nur: Dass ihr der Steuerberater helfen kann, scheint alles andere als ausgemacht – und das nicht, weil er nicht will. Eher ist es eine Frage der Zeit, wie die Steuerberater-Kammer in Sachsen-Anhalt betont. Sie kritisiert, dass die Masse an Grundstücken innerhalb der kurzen vorgegebenen Zeit gar nicht neu bewertet werden können.

Vizepräsident Hilmar Speck – Steuerberater in Halle – erklärte MDR SACHSEN-ANHALT, viele seiner Kolleginnen und Kollegen seien aktuell damit beschäftigt, bei der Beantragung von Überbrückungshilfen und Corona-Hilfen des Staates zu helfen. Problem sei außerdem, dass vielen Mandanten noch gar nicht klar sei, was da auf sie zukomme. Er habe deshalb eigenverantwortlich seine Mandanten angeschrieben und darum gebeten, die nötigen Daten zuzuarbeiten. Der Rücklauf: äußerst mau, sagt Speck.

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MDR FERNSEHEN Mi 16.03.2022 11:12Uhr 01:10 min

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Bürgermeisterin will, aber kann nicht helfen

Kerstin Dörfel ärgert sich derweil über etwas anderes: Die Erklärung zur neuen Berechnung der Grundsteuer soll in der Regel online eingereicht und nur in Einzelfällen in Papierform abgegeben werden. "Meine Eltern zum Beispiel sind über 70 und müssen als Rentner keine Steuererklärung machen", sagt Kerstin Dörfel, "sie haben nicht mal eine E-Mail-Adresse und brauchen jemanden, der sie an die Hand nimmt." Andernfalls werde die Reform viele Menschen überrollen. So wie ihren Eltern gehe es vielen, vor allem älteren, Menschen.

Als Ortsteilbürgermeisterin ihres Heimatortes Klinze sowie den Nachbargemeinden Ribbensdorf und Siestedt möchte Kerstin Dörfel dieser Jemand gern sein und den 480 Menschen, die sie vertritt, helfen. Doch dafür muss sie zunächst ihre eigenen Fragen beantworten. "Ich würde mir wünschen, dass es eine Fortbildung für Kommunalpolitiker oder Ortsteilbürgermeister wie mich gibt", sagt Dörfel. Dann wisse sie nicht nur selbst, was auf sie zukommt, sondern könne auch die Menschen in Siestedt, Klinze und Ribbensdorf verlässlich über die Reform der Grundsteuer informieren.

MDR (Fabienne von der Eltz)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 21. März 2022 | 06:00 Uhr

2 Kommentare

dieja vor 28 Wochen

Hier wird wieder dem Bürger in die Tasche gegriffen, denn das die Reform eine Entlastung bringt, glaubt doch wohl niemand, der mit offenen Augen durchs Leben geht. Die Arbeit haben erst einmal die Grundstückseigentümer. Erhöhungen werden aber auch die Mieter betreffen, denn die Grundsteuer wird auf die Miete umgelegt.

ElBuffo vor 28 Wochen

Steht doch nirgends geschrieben, dass die eine Entlastung bringen soll. Es soll lediglich gerechter als vorher zugehen.

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