Modellprojekte Ideen aus Sachsen-Anhalt, um Mangel an Fachkräften zu beheben

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Der Fachkräftemangel wirkt sich auf immer mehr Branchen aus. Schon lange steht fest, dass das Problem mit ausländischen Fachkräften gelöst werden kann. In Sachsen-Anhalt hat man damit gute Erfahrungen gemacht. Die Beispiele aus Wolmirstedt und Magdeburg zeigen, dass vor Ort die besten Lösungen gefunden werden.

Fünf Frauen und drei Männer
Viele vietnamesische Fachkräfte kommen nach Sachsen-Anhalt, um hier zu arbeiten. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Thi Hon Han trennen derzeit knapp 9.000 Kilometer von ihrer eigentlichen Heimat im Norden Vietnams. Die junge Frau hat ein vietnamesisches Abitur und lässt sich nun hier in Deutschland zur Altenpflegerin ausbilden. Zuvor hatte sie bereits in Vietnam ein Jahr Deutsch gelernt und spricht inzwischen die Sprache so gut, dass sie selbstständig auf den Stationen unterwegs ist: "Ich habe schon im Krankenhaus, im Altenheim und in der ambulanten Pflege ein Praktikum gemacht."

Personalmangel fordert Anwerbung ausländischer Fachkräfte

Ausgebildet wird Thi Hon Han im "Seniorenwohnpark Wolmirstedt", einer Einrichtung mit immerhin 184 Betten. Kjeld Zachert leitet den Seniorenpark und er bestätigt, dass es ohne die Unterstützung durch ausländische Fachkräfte nicht funktionieren würde:

"Also der Fachkräftemangel trifft auch uns hier im Unternehmen. Wir müssen auf ausländische Fachkräfte zurückgreifen. Um die Standards in der Pflege zu halten, setzen wir ganz klar auf Ausbildung. Derzeit sind drei junge Frauen bei uns und zwei davon haben ihre Prüfung bereits bestanden."

Ehemaliger Vertragsarbeiter als Integrationshelfer

Die Zuwanderung von Fachkräften wird allerdings auch kritisch gesehen. Nicht selten wird bemängelt, dass durch die Abwerbung die wirtschaftliche Situation in den Herkunftsländern dauerhaft schwierig bleibe, da vor Ort dann genau jene Kräfte fehlten. Im Fall der vietnamesischen Pflegekräfte treffe dieser Vorwurf aber nicht zu, sagt Ngyen Duc. Er kam vor über 40 Jahren als Vertragsarbeiter in die DDR und lebt seitdem in Magdeburg.

Bei der Caritas war er lange Zeit für die Integration ausländischer Fachkräfte zuständig. Er kennt die Verhältnisse in Vietnam sehr gut: "Es gibt für junge Leute noch immer nicht genügend Arbeit in Vietnam und das, obwohl sie gut ausgebildet sind." Weil es durch die ehemaligen Vertragsarbeiter noch immer viele Kontakte zwischen Deutschland und Vietnam gebe, sei es nicht schwierig, junge Vietnamesen für eine Zukunft in Sachsen-Anhalt zu begeistern, sagt Duc.

Wohnheimleiter setzt auf ausländische Fachkräfte

Doch es gibt einen weiteren Vorwurf: Die Anwerbung von ausländischen Fachkräften diene auch dazu, mit Niedriglohnverträgen den Arbeitsmarkt zu unterwandern. Kjeld Zachert vom "Seniorenwohnpark Wolmirstedt" weist diesen Vorwurf klar zurück: "Fachkraft ist Fachkraft, da gibt es bei uns keinen Unterschied, wo die Leute herkommen. Hier werden alle gleich bezahlt." Hinzu kommt, dass aufgrund des Fachkräftemangels im Pflegebereich Lohndumping nicht funktionieren würde, da das Personal jederzeit anderswo zu besseren Konditionen arbeiten könnte.

Doch wie sieht es eigentlich mit den kulturellen Unterschieden aus? Gerade in der Pflege kommt es ja auch auf die soziale Kompetenz an, zum Beispiel auf Mitgefühl und Verständnis. Die jungen Menschen aus Vietnam kommen schließlich aus einer völlig anderen Kultur. Das allerdings sei kein Problem, sagt Kjeld Zachert: "Die Integration bei den Kollegen läuft sehr gut. Ich habe gerade mit unserem Bewohnerbeirat gesprochen. Die sind sehr froh und sagen auch, dass es keine Verständigungsprobleme hier in der Einrichtung gibt. Ich würde sagen: voll integriert."

Fünf Frauen und drei Männer
Vietnamesische Fachkräfte und ihre deutschen Betreuer treffen sich in Wolmirstedt. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Magdeburgerin organisiert Treffen mit Vietnamesen

In Sachsen-Anhalt leben etwa 5.000 Vietnamesen, überwiegend ehemalige Vertragsarbeiter. Sie gelten als ein positives Beispiel für gelungene Integration in Deutschland. Um die jungen Zuwanderer schneller mit ihrer neuen Heimat vertraut zu machen, nutzt Ngyen Duc seine zahlreichen Kontakte in Sachsen-Anhalt. So treffen sich zum Beispiel Deutsche mit den jungen Vietnamesen, um mit ihnen das Sprechen zu üben und ihnen gleichzeitig die Kultur des Landes nahe zu bringen.

Eine, die sich dabei engagiert, ist Ulrike Groß aus Magdeburg: "Als ehemalige DDR-Bürgerin habe ich mich schon immer besonders für Vietnam interessiert, wegen des Vietnamkrieges damals. Deshalb habe ich jetzt begonnen, mit den jungen Leuten in loser Reihenfolge Treffen zu organisieren. Wegen Corona war das zwar im letzten Jahr schwierig, aber nun setzen wir das fort."

Gewöhnungsbedürftiges deutsches Essen

Allerdings läuft die Integration nicht immer völlig problemlos. Die größten Schwierigkeiten gibt es nämlich nicht mit der deutschen Sprache, sondern mit der Esskultur. Freut sich der Deutsche am frühen Morgen über ein Brötchen oder Toastbrot mit Marmelade, so ist der Vietnamese nur glücklich, wenn es eine heiße Nudelsuppe gibt. Thi Hon Han antwortet sehr diplomatisch, wenn es um das Thema Essen geht. Ja, deutsche Gerichte esse sie auch, sie koche auch gern. Aber ihr fehle oft die Zeit dafür. Zum Glück gibt es ja überall Asialäden, sodass zumindest kulinarisch der Kontakt zur Heimat nicht abbricht.

Fachkräftemangel noch nicht bewältigt

Derzeit werden junge Vietnamesen in Sachsen-Anhalt vor allem in der Pflegebranche ausgebildet. Allerdings könnte Ngyen Duc, der frühere Caritasmitarbeiter, sich auch Fachkräfte für die Industrie oder im Handwerk vorstellen. Dort seien bislang aber noch keine Kontakte zustande gekommen.

Für Kjeld Zachert vom "Seniorenwohnpark Wolmirstedt" ist ein kleiner Teil des Personalproblems gelöst, aber die Anwerbung von ausländischen Fachkräften müsse weiter gehen: "Wir suchen natürlich ständig weiter, auch hier auf dem freien Arbeitsmarkt. Aber wir werden auch in Zukunft nicht umhinkommen, aus dem Ausland Fachkräfte zu rekrutieren." Man werde in regelmäßigen Abständen Leute aus dem asiatischen oder nordafrikanischen Raum anwerben und integrieren, um das Fachkräfteproblem zu lösen, sagt Zachert. Für Thi Hon Han ist klar, dass sie in Sachsen-Anhalt bleiben und sich hier ein neues Leben aufbauen will.

MDR/Uli Wittstock, Fabienne von der Eltz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

18 Kommentare

goffman vor 5 Wochen

Beim BGE bin ich gänzlich anderer Meinung, aber Sie haben recht, ist OT.

Ein hoher Bildungsstand ist etwas Gutes. Mich persönlich stört es nicht, wenn der Tischler Abitur hat - ich denke wir als Gesellschaft profitieren sogar davon.
Ja, aufgrund ihrer guten, schulischen Ausbildung und der niedrigen Arbeitslosenquote können junge Menschen heutzutage ihren Beruf frei wählen, aber ich denke nicht, dass die allgemeine Hochschulreife die Menschen von einer Ausbildung in der Pflege oder im Handwerk abhält. Im Gegenteil, ich kenne viele Abiturienten, die eine Ausbildung gerade im Handwerk machen, weil dies Spaß macht.
Wenn junge Menschen sich gegen einen Beruf entscheiden, dann nicht, weil sie gebildet sind, sondern weil der Beruf schlicht unattraktiv ist.
Zum einen, weil das Image des Berufs schlecht ist, oder weil die Arbeitsbedingungen schlecht sind.
Beides könnte man ändern.

ralf meier vor 5 Wochen

Hallo Goffman Ihre Einschätzungen zum Pflegeberuf teile ich. Was ich kritisiere ist eine Anspruchshaltung , die vom Staat massiv gefördert wird und nun immer deutlicher an der Realität scheitert. So hat der Anspruch 'Abi für alle' im Ergebnis dazu geführt, das nichtakademische Berufe auch im Handwerk und Dienstleistungssektor als immer unattraktiver angesehen werden. Als Lösung wird dann nicht ein Umdenken, sondern eine massive weitere Einwanderung von Migranten propagiert. Ich wage zu bezweifeln, das humanitäre Aspekte hier eine entscheidende Rolle spielen. Eher das Bedürfnis, sich auch zukünftig von unterbezahlten Menschen kostengünstig bedienen und pflegen zu lassen. Und was das bedingungslose Grundeinkommen angeht. Nun ja, nur kurz, da OT: das ist der Abschied von souveränen eigenverantwortlich handelnden Menschen hin zu einem unselbständigen Untertan, der vom Wohlwollen eines paternalistischen Sozialstaates abhängt. Bei den Römern nannte man das'Brot und Spiele'.

goffman vor 5 Wochen

Und was genau kritisieren Sie jetzt? Die Verteilungsungerechtigkeit, global und national, die Menschen u.a. zur Migration zwingt? Die Menschen (mit und ohne Migrationshintergrund) zwingt, zu Dumpinglöhnen zu arbeiten?
Auf nationaler Ebene würde ja genau hier das bedingungslose Grundeinkommen eine Verbesserung bewirken.

Oder kritisieren Sie, dass große Teile der Gesellschaft tatsächlich in sattem Wohlstand leben, dass ihre Grundbedürfnisse gedeckt sind und Bedürfnisse wie Selbstverwirklichung, Familie und "Hobbys" in den Fokus rücken? Weil letzteres halte ich doch für erstrebenswert. Dass diese Menschen sich zum Teil trotzdem um das Wohl der Ärmeren sorgen und ein BGE fordern - auch das ist gut.

Und um beim Thema zu bleiben: auch ein Pflegeberuf könnte das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung erfüllen - wenn man sich Zeit für die Menschen nehmen kann. Sich um die Menschen kümmern kann, anstatt sie "abzufertigen".

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