Gemüse aus der Börde Die klimapositive Gurke aus Osterweddingen

Mario Köhne
Bildrechte: MDR/Olga Patlan

In Osterweddingen werden Gurken angebaut, die mehr Kohlendioxid aufnehmen als beim Anbau entsteht. Das Gemüse ist nicht nur klimaneutral. Es hat das Label "klimapositiv" bekommen. Wie funktioniert das? Ein Blick ins Gewächshaus.

ein Mann erntet Gurken
Betriebsleiter Jos Houwen schaut sich im Gewächshaus Gurkenpflanzen an. Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Mit einem leichten Surren hebt sich das dünne Rolltor, dann noch der Schritt über die Desinfektions-Fußmatte und schon steht man im sechs Hektar großen "Bördegarten"-Gewächshaus in Osterweddingen. Das Glasdach scheint zu schweben, ansonsten sind die Temperaturen dem heißen Juni entsprechend. In der Luft liegt ein leichter Geruch von Basilikum.

Denn auf dem Weg zu der besonderen Gurke kommt man als erstes an Kräuterfeldern vorbei – an Töpfen mit Basilikum, Petersilie oder Schnittlauch. Auf etwa der Hälfte der 6,3 Hektar Gewächshausfläche wird diese Gurkensorte, die das Label "klimapositiv" hat, angebaut.

Gewächshaus in "einzigartiger Lage"

Der "Bördegarten" profitiert beim Anbau vom Standort. Betriebsleiter Jos Houwen spricht bei MDR SACHSEN-ANHALT von einer "einzigartigen Lage". Denn in direkter Nachbarschaft liegt ein großes Glaswerk. Es produziert so viel Wärme, dass damit die Gurken beheizt werden können. 15 bis 20 Tage braucht das Gemüse bis es im Gewächshaus reif ist. Das liegt daran, dass der CO2-Gehalt in der Luft nochmals verstärkt wird. Das Kohlendioxid wird bei Industrieprozessen im Glaswerk ausgewaschen und ist somit eigentlich auch ein Abfallprodukt.

Mehr CO2 und weniger Wasser

Unterm Strich verbrauchen die Gurken aus Osterweddingen mehr CO2 als beim Anbau freigesetzt wird. Damit gilt sie als klimapositiv. Laut Unternehmen bindet die Gurkenproduktion pro Jahr mehr als 900 Tonnen Kohlendioxid. Das entspricht der Menge, die mehr als 70 Hektar Mischwald binden. Das Gemüse landet – wie auch die Kräuter – in Supermärkten wie Rewe und Penny in Mittel- und Norddeutschland.

eine Halle mit Gurkenpflanzen
Salatgurken werden in Osterweddingen von März bis November geerntet. Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Rund viereinhalb Liter Wasser verbraucht eine Bördegarten-Gurke zum Wachsen und Gedeihen. Sie profitiert dabei von den optimierten Bedingungen. Beim Anbau im Freiland ist rund die dreifache Menge notwendig. Das Unternehmen sammelt Regenwasser auf dem gesamten Gelände und den Dachflächen. So konnten rund 35 Millionen Liter Trinkwasser aus dem öffentlichen Netz ersetzt werden.

Einsatz von Nützlingen gegen Schädlinge

"Klimapositiv ist uns wichtig, weil es uns am Herzen liegt", erläutert Michael Tepfer. Er leitet die strategische Unternehmensentwicklung bei der Wimex Gruppe, zu der das Unternehmen "Bördegarten" gehört. Früh in der Planung sei angefangen geworden, die Grundlagen dafür zu legen, erläutert Tepfer weiter. Dazu zählt auch der Blick auf die Bekämpfung von Schädlingen. Auf Chemie wollen sie im Bördegarten verzichten. Stattdessen werden Nützlinge eingesetzt.

Eine Halle von Bördegarten
"Bördegarten" möchte die Gewächshausfläche gern verdoppeln. Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Wie das funktioniert, kann Betriebsleiter Houwen erklären. Läuse oder Milben gelangen durch die offenen Fenster in die Gewächshäuser und fühlen sich dort wegen des gleichbleibenden Klimas laut Houwen sehr wohl. Statt Pestiziden werden diese Schädlinge aber mit anderen Insekten bekämpft. Dafür werden zum Beispiel Florfliegen zugekauft, die verhindern, dass der Nachwuchs der Schädlinge überhaupt schlüpfen kann. Jos Houwen betont: "Wir können damit Schädlinge in unserer Kultur komplett chemiefrei bekämpfen."

Gewächshaus soll Fläche verdoppeln

Ein Mann mit vielen Pflanzen
Michael Tepfer von der Wimex-Gruppe mit einem Topf Basilikum. Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Ende 2018 hatte die Wimex-Gruppe das Gewächshaus in Osterweddingen aus einer Konkursmasse übernommen. Mehr als fünf Millionen Euro hat das Unternehmen damals in den Standort investiert. Jetzt werden weitere Pläne für die Zukunft geschmiedet. Die Gewächshausfläche soll sich auf mehr als zwölf Hektar verdoppeln. Baubeginn könnte 2023 sein. Wimex-Entwickler Tepfer sagte dazu, die Landwirtschaft im geschützten Anbau eröffne die Möglichkeiten, die Produkte wesentlich umweltschonender zu ziehen als das im Freiland möglich wäre. Was dort angebaut wird, ist derzeit noch unklar. Vieles spricht laut Wimex dafür, dort auf Kräuter zu setzen.

Mario Köhne
Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Der Autor Mario Köhne kommt gebürtig aus dem Emsland und arbeitet seit Anfang 2017 als freier Journalist bei MDR SACHSEN-ANHALT. Für das Studio Magdeburg berichtet er regelmäßig aus dem Landkreis Börde. Er schreibt außerdem für mdrsachsenanhalt.de. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, arbeitete er als Radiojournalist im niedersächsischen Lokalfunk. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind Schloss Hundisburg mit dem alten Steinbruch und das Elbufer in Magdeburg.

MDR/Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 22. Juni 2021 | 14:10 Uhr

1 Kommentar

C.T. vor 4 Wochen

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