Traditionsgaststätte Richter in Haldensleben schließt Früher Faustrecht, später ein gestürzter Ministerpräsident: 100 Jahre Sachsen-Anhalt-Geschichte in einem Restaurant

Mario Köhne
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Seit genau 100 Jahren gibt es die Gaststätte Richter in der Haldensleber Innenstadt. Nun ist Schluss. Die Richters gehen in Rente und suchen einen Nachfolger. Der würde eine Institution übernehmen, in der auch Sachsen-Anhalts Landesgeschichte mitgeschrieben wurde.

Michael und Birgit Richter, die Wirte der Gaststätte Richter in Haldensleben, stehen am Tresen. 2 min
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Wer die Gaststätte Richter in Haldensleben betritt, der sieht, riecht und hört Geschichte. Es riecht wie in einer guten Gaststätte. Der Holzboden knarzt und überall an den Wänden hängen Bilder, Fotos, Urkunden und Erinnerungsstücke aus 100 Jahren Familiengeschichte. Denn genauso lange ist die Gaststätte in Familienhand. Doch Ende 2020 ist Schluss damit. Birgit und Michael Richter gehen in den Ruhestand.

Fäuste und schwere Jungs

"Irgendwann muss auch mal Schluss sein", erklärt Michael Richter diesen Schritt. Er sagt aber auch: "Ich gehe mit zwei Gefühlen. Ein Gefühl sagt mir: Es reicht, die Knochen tun weh. Das andere Gefühl sagt: Es ist schade um eine Institution, die meiner Meinung nach zu Haldensleben gehört." Denn für viele sei die Gaststätte auch ein Zuhause. Von der Geburt bis zum Tod hätten einige Familien die besonderen Feste bei Richters gefeiert.

Angefangen hat alles 1920. Da kam Familie Richter nach Haldensleben und übernahm die "Gaststätte Zentrum". Das Haus hatte damals nicht den besten Ruf. Oder wie Michael Richter es beschreibt: "Es verkehrten viele leichte Mädchen und umso schwerere Jungs hier." Sein Großvater habe dann mit Faustrecht versucht, Ordnung und Sauberkeit reinzubringen. Das blieb nicht immer ohne Folgen. Als der Hausherr Richter einen Haldensleber Möbelspediteur aus der Gaststätte schmeißen musste, kam der am nächsten Tag mit fünf seiner Möbelträger wieder. Am Ende war das Mobiliar in der Gaststätte Kleinholz. Ein Gericht verdonnerte den Spediteur, Richter die Möbel zu ersetzen. Sie stehen bis heute in der Gaststätte.

Geschichte und Geschichten: 100 Jahre Gaststätte Richter in Haldensleben

Sie haben einen besonderen Charme: die Traditionsgaststätten in Sachsen-Anhalt. Doch es gibt sie immer weniger. Und auch bei der Gaststätte Richter in Haldensleben ist bald Schluss – nach mehr als 100 Jahren.

Fotos und Urkunden hängen an der Wand der Gaststätte Richter in Haldensleben.
Michael Richter erinnert sich – Mitte der 80er-Jahre hatte er die Gaststätte von seinen Eltern übernommen. Seit 1920 ist das Haus in Familienhand. Bildrechte: MDR/Mario Köhne
Fotos und Urkunden hängen an der Wand der Gaststätte Richter in Haldensleben.
Michael Richter erinnert sich – Mitte der 80er-Jahre hatte er die Gaststätte von seinen Eltern übernommen. Seit 1920 ist das Haus in Familienhand. Bildrechte: MDR/Mario Köhne
Die Gaststätte Richter in der Haldensleber Innenstadt
Damals musste Richters Großvater noch durchgreifen und sich gegen randalierende Spediteure zur Wehr setzen. Bildrechte: MDR/Mario Köhne
Der Gastraum der Gaststätte Richter in Haldensleben
Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Gäste geändert. Aber die Richters sind sich immer treu geblieben. Wer in die gemütliche Gaststätte kommt, nimmt zur Begrüßung den Hut ab. Jacken kommen an die Garderobe und nicht über die Stuhllehne. Bildrechte: MDR/Mario Köhne
Ein Geschirrset hängt an der Wand der Gaststätte Richter in Haldensleben.
Ab Ende des Jahres wollen die Richters in Rente gehen Für ihre Kneipe wünschen sich die beiden Nachfolger – am liebsten eine junge Familie. Bildrechte: MDR/Mario Köhne
Alte Zeitschriften dokumentieren die Geschichte der Gaststätte Richter in Haldensleben.
Die Geschichte und Geschichten werden trotzdem nicht vergessen. Michael Richter hat in all den Jahren Alben angelegt mit Fotos, Zeitungsartikeln und Erinnerungen. Bildrechte: MDR/Mario Köhne
Michael und Birgit Richter, die Wirte der Gaststätte Richter in Haldensleben, stehen am Tresen.
Schließlich haben einige Haldensleber Familien von der Taufe bis zur Beerdigung alles bei Richters gefeiert. Stammgäste, Vereine, Stammtische – all das wird Michael Richter vermissen.

Dieses Thema im Programm
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. November 2020 | 14:40 Uhr
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Landespolitik im Vereinszimmer

Es gibt viele Dinge, an die sich Birgit und Michael Richter zurückerinnern. Er hat neun Fotoalben angelegt. Dort hat er alles gesammelt, was in den mehr als 30 Jahren unter seiner Leitung in der Gaststätte Richter so alles passiert ist: Fotos, Zeitungsartikel, Karten. Michael Richter spricht mit einem Augenzwinkern von den "Brigadetagebüchern". In der DDR dokumentierten Arbeitskollektive in Brigadetagebüchern ihren Alltag, die Planerfüllung und gesellschaftliche Aktivitäten.

Einige Ereignisse fallen aber besonders ins Auge. 1991 wurde im Vereinszimmer der Gaststätte große Landespolitik gemacht, erzählt Michael Richter. Landtagsmitglieder und Parteivertreter treffen sich dort, um Gerd Gies (CDU) zu stürzen. Er war wenige Monate zuvor Sachsen-Anhalts erster Ministerpräsident geworden. Die Runde einigt sich. Anschließend wird bekannt, wie Gies einige CDU-Politiker mit dem Vorwurf der vermeintlichen Stasi-Mitgliedschaft unter Druck setzen wollte. Daraufhin trat der Regierungschef zurück. Wie in Haldensleben besprochen, wird Werner Münch (CDU) sein Nachfolger.

Wenige Jahre später sind die Richters für das Catering bei der Grundsteinlegung des Otto-Versandes zuständig. Heute ist es das große Hermes-Versandzentrum. Aber schon damals war Otto eine große Nummer und das kleine Familienunternehmen war glücklich, bei einem solchen Termin dabei sein zu können. Es sei viel Aufwand gewesen, erinnert sich Michael Richter. Otto habe damals gewollt, dass er und seine Mitarbeiter Otto-Shirts tragen. Darauf habe er so reagiert: "Ja, das machen wir, aber nur wenn sie auf jedes Versand-Paket schreiben: Gaststätte Richter. MR, wohl bekomm’s." Nach einer kurzen Pause löst der Wirt lachend auf: "Ich brauchte keine T-Shirts tragen und sie brauchten keine Stempel auf ihre Pakete zu drucken."

Gaststätte Richter: LPG – Letzte Private Gaststätte

Auf dem Bild sind zwei Gesichter in Großaufnahme zu sehen, die einander zugewandt sind, vor einem lilafarbenen Hintergrund. Unten im Zentrum ist die Schrift "Beim Jägerschnitzel bleibt die Teilung" zu lesen. 42 min
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In der 7. Folge beschäftigen sich Doreen Jonas und Mario Köhne mit dem Essen in Ost und West. Der Klassiker der Verwechslung ist wohl noch immer das Jägerschnitzel, aber es gibt doch noch einiges an Unterschieden mehr.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 10.11.2020 06:00Uhr 41:44 min

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Die Gaststätte Richter gibt es seit 100 Jahren in Haldensleben. Michael und Birgit Richter führen das Familiengeschäft seit 1984 fort. Davon gab es nicht allzu viele in der DDR, die meisten waren in staatlicher Hand. Denn eigenen Unternehmergeist, das war nicht allzu wohl gelitten.

Deshalb, so Richter, nannte man ihre Gaststätte im Volksmund auch LPG – für Letzte Private Gaststätte. Dabei sei ihnen das Nischendasein als Privatunternehmer durchaus zugute gekommen, so Richter im Podcast "Von drüben und drüben | Folge 7". Hier traf sich schon mal der Bürgermeister mit dem Pfarrer oder mit Händlern. Problematisch jedoch sei die Bereitstellung der Ware gewesen. Vor allem im Sommer, sagt Birgit Richter. Dann gab es den typischen Biertest – erst die Flasche auf den Kopf drehen und schauen, ob es flockt.

Das größte Problem beim Kochen – ob nun Privat oder als Gastronom – in der DDR war die Mangelwirtschaft. "Es gab nichts, wo Du hingehen konntest, liefert mir mal das oder das", erzählt Richter. Manchmal war das eine Katastrophe, erinnert er sich. Man musste wesentlich kreativer sein. Für den Brathering – ein Klassiker bei Richters – da half ein persönlicher Besuch mit gutem Kaffee oder einer West-Schokolade doch deutlich bei der Beschaffung. Und gekocht, so Birgit Richter, wurde natürlich saisonal. Und tatsächlich viel mit Kohl. Tomaten, was wir heute so kennen, das gab es zu DDR-Zeiten nur im Hochsommer. Beim Kohl stellt der Emsländer Mario Köhne auch gleich die Glaubensfrage – Grünkohl aber erst nach dem Frost – oder? Selbstverständlich – so die Antwort aus Haldensleben.

"Die Gaststätte wird auch eine junge Familie ernähren können."

"Ich wünsche mir für dieses Haus, dass ein junges Paar kommt und weitermacht. Diese Einrichtung hat drei Generationen Richter ernährt. Sie wird auch eine junge Familie ernähren können", ist sich Michael Richter mit Blick auf den Ruhestand nach dem Jahreswechsel sicher. Der Wirt und seine Frau Birgit hoffen, dass dabei der Stil des Hauses erhalten bleibt. Das würden sich auch viele Gäste wünschen.

Den Stil des Hauses beschreibt Birgit Richter genauer. Ihr Schwiegervater habe versucht, die Gäste zu erziehen: "Wenn jemand mit Mütze rein kam, wurde ihm beigebracht, zuerst die Mütze abzunehmen." Das sei auch heute noch so. Und wenn jemand seine Jacke über einen Stuhl hänge, werde sie zur Garderobe gebracht. Beim ersten Besuch würden viele denken: "Oh Gott". Aber wer öfter komme, genieße genau dieses Flair, so Birgit Richter weiter: "Und das, was der Volksmund hier in Haldensleben sagt: 'Bei Richters darfste nicht lachen', das ist schon lange nicht mehr so. Wir lachen selber gerne."

Das wollen sie auch im Ruhestand. Nachdem die beiden viel an Wochenenden arbeiten mussten, möchten sie nun öfter ihre Kinder in Bayern besuchen oder ins Theater gehen. Vieles sei auf der Strecke geblieben. Oder wie Birgit Richter es zusammenfasst: "Für den Ruhestand haben wir uns vorgenommen, zu leben."

Mario Köhne
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Über den Autor Mario Köhne kommt gebürtig aus dem Emsland und arbeitet seit Anfang 2017 als freier Journalist bei MDR SACHSEN-ANHALT. Er ist für den Hörfunk in der Nachrichtenredaktion und als Reporter unterwegs. Für das Studio Magdeburg berichtet er regelmäßig aus dem Landkreis Börde. Er schreibt außerdem für mdrsachsenanhalt.de. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, arbeitete er als Radiojournalist im niedersächsischen Lokalfunk. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind Schloss Hundisburg mit dem alten Steinbruch und das Elbufer in Magdeburg. Den Fall Blenkle begleitet er seit vier Jahren für MDR SACHSEN-ANHALT.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. November 2020 | 14:40 Uhr

4 Kommentare

W.Merseburger vor 22 Wochen

Harka2,
Was Sie schreiben ist durchaus nachvollziehbar. Warum muss sich ein deutscher Wohlstandsbürger oder eine solche Familie das antun? Allerdings wird das im größten Umfang von der Gastronomie in unseren beliebten Reiseländern erwartet, in Spanien, in Italien, in Österreich, in Kroatien usw., usw.

Harka2 vor 22 Wochen

Eine Gaststätte zu übernehmen ist auch außerhalb von Corona-Zeiten etwas, dass man sich gut überlegen muss. Es bedeutet, dass man nie mehr abends Freitzeit hat, jedes Wochenende und jeden Feiertag wird gearbeitet. Der Job beginnt spätestens um 10: 00 Uhr und endet erst nach Mitternacht. Eine Familie mit Kindern kann man knicken, da man für die Kinder nie Zeit haben wird. Urlaub gibt es, wenn überhaupt, nur außerhalb der Saison, was die Sache mit Kindern einmal mehr ausschließt. In einem Kaff am Ende der Welt im nirgendwo wie Haldensleben es nun mal ist, muss man von den ortsansässigen Kunden leben, da Touristen sich dorthin nicht verirren.

Typischerweise funktioniert das nur, wenn man örtlich gut vernetzt ist und keine Miete zahlen muss. Ok, Parkplätze sind fußläufig vorhanden, aber darüber hinaus auch nichts anderes.

Rotti vor 22 Wochen

Eine schöne Geschichte. Mit der im Rücken könnten Nachfolger es schaffen. Viel Glück

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