Frankfurter Buchmesse Verleger Harry Ziethen aus Oschersleben auf der Buchmesse Frankfurt

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Vor 30 Jahren hat Harry Ziethen in Oschersleben einen Buchverlag gegründet, ohne genau zu wissen, ob das Experiment gelingen würde. Doch auch in diesem Jahr ist der kleine Verlag auf der Buchmesse in Frankfurt präsent, die am Mittwoch begonnen hat. Außerhalb von Sachsen-Anhalt ist der Verlag kaum bekannt und füllt dennoch eine wichtige Lücke in der Regionalliteratur. Uli Wittstock hat den Verleger in Oschersleben besucht.

Ein älterer Mann mit dunklem Sacko schaut in die Kamera. Im Hintergrund sind mehrere Computer zu sehen.
Harry Ziethen hat kurz nach der Wende einen Verlag in Oschersleben gegründet. Bildrechte: Uli Wittstock

Grundsätzlich gilt, dass Verleger nicht am Waldsterben schuld sind, auch wenn Harry Ziethen in den letzten 30 Jahren sicherlich tonnenweise Bücher produziert hat. Dabei interessiert den Verleger so ziemlich alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt: "Wir haben als Regionalverlag angefangen. Altmark, Börde, Harz und Anhalt waren unsere Gebiete, die wir bearbeiten wollten. Aber dann kamen auch Städte in Bayern dazu, später dann auch Niedersachsen. Das waren Bücher über Orte und Regionen. Dann kamen die Romane, erst mal von regionalen Autoren oder mit einem regionalen Bezug. Und so ist ein Schritt nach dem anderen gekommen."

Eigener Verlag statt Lektorat im Westen

Der Verlag residiert in einer kleinen Seitenstraße in Oschersleben im Landkreis Börde und beschäftigt neben dem Chef zwei Mitarbeiterinnen. Schon unten im Hausflur empfängt den Besucher eine Wand voller Bücher. In den Büros der zweiten Etage reihen sich ebenfalls die Buchrücken und als unbedarfter Besucher fragt man sich bang, ob denn die Baupolizei die Traglast der Decken geprüft habe. Eigentlich wollte Harry Ziethen nach der Wende in einem Verlag als Lektor arbeiten. Doch das selbst ernannte Leseland DDR war da schon in Auflösung begriffen und die Treuhand war zunächst für Buchhandel und Verlage zuständig, so wie auch für die Stahlindustrie oder die Chemie.

Jobs versprachen da hingegen westdeutsche Verlage: "Ich hatte eine ganze Reihe Gespräche mit westlichen Verlagen, also auch mit den Chefs. Die sind mit mir essen gegangen und haben sich interessiert mit mir unterhalten. Hinterher bekam ich eine Absage und ich merkte, die wollten eigentlich nur meine Konzepte haben. Drei westliche Verlage haben auch versucht, meine Idee in Sachsen-Anhalt umzusetzen. Es ist ihnen aber nicht gelungen, weil sie nicht die Kontakte hatten. Und da kam die Frage: Warum mache ich es dann nicht selber?"

In der DDR wurde kaum Regionalgeschichte verlegt

Ein Mann hält ein rotes Buch in den Händen. Auf dem Cover steht "Das große Sagenbuch der Altmark".
Harry Ziethen verlegt Bücher zur Regionalgeschichte, zu Beispiel "Das große Sagenbuch der Altmark". Bildrechte: Uli Wittstock

Der Start erwies sich als ziemlich unproblematisch, denn es mangelte nicht an Manuskripten. Das Büchermachen war ja in der DDR immer auch ein Politikum, sodass manches ungedruckt blieb, weil es nicht in das ideologische Weltbild passte. Aber das Leseland DDR war auch von ständigem Papiermangel geplagt, weshalb zum Beispiel Bücher zur Regionalgeschichte kaum verlegt wurden. In diese Lücke stieß der junge Verlag mit Erfolg:

Es gab plötzlich viele Möglichkeiten, denn wir hatten Themen, die für die großen Verlage uninteressant waren. So kamen die Autoren mit ihren Texten, die zum Teil schon jahrelang in den Schubkästen lagen. Es war ein großes Problem für uns, so viele gute Angebote zu haben, weil man eben nicht alle machen konnte.

Harry Ziethen, Verleger

Vor allem das Interesse an der Regionalgeschichte war groß, denn vieles, was bislang eher im privaten Kreis erzählt wurde, konnte nun veröffentlicht werden. Und es ist kein Zufall, dass Autobiografien im Ziethen Verlag eine große Rolle spielen. Nazizeit, Krieg, Flucht und Vertreibung, das Leben in der DDR, schließlich die Wendezeit – bei so vielen Umbrüchen gibt es genügend Erzählstoff.

Harry Ziethen stellt auf der Buchmesse regionale Geschichten vor

Wer hier sein Leben aufschreibt, sitzt normalerweise nicht in Fernsehtalkshows. Doch wenn ein Landwirt aus der Börde erzählt, wie er zum Regierungsberater in Ägypten wurde, dann ist das erlebte Heimatgeschichte, die sonst wohl in Vergessenheit geraten würde.

Auch zur Frankfurter Buchmesse fährt Harry Ziethen unter anderem mit zwei regionalen Büchern: "Wir haben dieses wunderbare Buch von einer Autorin, die den Schiffskoffer ihres Großvaters auf dem Dachboden gefunden hat, der 1908 als Altmärker um Afrika herumgesegelt ist und seine Erinnerungen daran sehr plastisch aufgeschrieben hat. Und wir stellen das Buch zu den Argo-Flugzeugwerken hier in Oschersleben vor. Dass es hier mal ein Flugzeugwerk gegeben hat, wissen ja nur noch die Alten. Wir werden auch die Romane unseres leider verstorbenen Autors Christian Amling mitnehmen. Seine Krimis spielen ja in Quedlinburg."

Doch wen interessieren im fernen Frankfurt Bücher aus dem Norden Sachsen-Anhalts? Die Argo-Flugzeugwerke sind ja selbst in Oschersleben so gut wie vergessen. Für den Verleger Ziethen ist es jedoch wichtig, auch dort Flagge zu zeigen, wo der Osten sonst keine große Rolle spielt, und sei es nur auf Sachsen-Anhalts Gemeinschaftsstand: "Natürlich schließen wir in Frankfurt keine großen Verträge ab, wir werden auch keine Lizenzen dort vergeben. Aber die Gespräche mit den Leuten sind für uns wichtig. Sonst bekommen wir Feedback ja überwiegend von Leuten aus den östlichen Bundesländern, Reaktionen nun mal aus dem Westen zu hören, ist für uns natürlich auch sehr interessant." 

Corona-Langzeitfolgen in der Branche

Allerdings ist derzeit noch unklar, welche Langzeitfolgen die Pandemie für die Branche haben wird. In Frankfurt sind in diesem Jahr gerade mal ein Fünftel der Verlage aus Vor-Corona-Zeiten angemeldet. Neben dem Gemeinschaftsstand ist auch der Mitteldeutsche Verlag aus Halle in Frankfurt mit einem eigenen Stand vor Ort.

Auch für den Verleger Ziethen waren die letzten zwei Jahre ziemlich schwierig: "Wir mussten auf Buchpremieren verzichten. Es gab keine Lesungen für unsere Autoren. Unser Autor U.S. Lewin macht normalerweise über 200 Lesungen im Jahr und verkauft allein so 2.500 Bücher. Das ist völlig weggebrochen. Oder wenn ich an die Weihnachtsmärkte denke, die ja leider auch in diesem Jahr wieder nicht stattfinden, wie zum Beispiel "Advent in den Höfen" in Quedlinburg. Das waren immer Highlights für uns, die natürlich auch Geld eingebracht haben. Es gibt uns noch, aber es ist auf jeden Fall eine schwierige Phase gewesen." Auch deshalb freut sich Harry Ziethen auf die Buchmesse Frankfurt, denn bei allen Einschränkungen ist auch das ein Schritt hin zu etwas mehr Normalität.

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Der stellvertretende Kultusminister der DDR während der 38. Internationalen Frankfurter Buchmesse am 1. Oktober 1986.
Bildrechte: dpa

MDR/Uli Wittstock, Nicole Franz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. Oktober 2021 | 15:30 Uhr

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