Tödliches Zugunglück Stilles Gedenken in Hordorf zehn Jahre danach

Am Freitag vor zehn Jahren prallten in Hordorf ein Güter- und ein Regionalzug frontal aufeinander. Zehn Menschen kamen ums Leben, 23 wurden zum Teil schwer verletzt. Ein Notfallseelsorger war wieder am Unglücksort und berichtet von seinem Einsatz.

Notfallseelsorger Olaf Pichler am Gedenkstein in Hordorf
Notfallseelsorger Olaf Pichler am Gedenkstein in Hordorf Bildrechte: MDR/ Mario Köhne

Nachdenklich geht Olaf Pichler über den Bahnsteig des stillgelegten Haltepunktes in Hordorf bei Oschersleben. Pichler hat seine dunkelblau-violette Funktionsjacke angezogen. Auf dem Oberarm prangt das Wappen der Notfallbegleitung Bördekreis-Süd. Vor zehn Jahren war er in dieser Funktion hier: als Notfallseelsorger. "Wenn man an den Ort zurückkehrt, ist es ergreifend. Die Erinnerungen und bestimmte Bilder sind wieder da", erzählt Pichler.

Pichlers Hauptaufgabe: Zuhören

Polizeifahrzeug neben zerstörtem Zug
Die Unglücksstelle in Hordorf: Neben den Gleisen liegen die Reste des HEX-Zuges. Bildrechte: IMAGO / Xinhua

Es war der bitterkalte Sonnabendabend des 29. Januar 2011. Auf der eingleisigen Strecke prallen am Bahnhof Hordorf ein Güterzug aus Richtung Halberstadt und ein Regionalzug aus Richtung Magdeburg frontal zusammen. Der Personenzug mit 32 Menschen an Bord wird zertrümmert und landet auf einem Acker. Eine Stunde nach dem Unglück ist Pichler vor Ort. Er sucht zunächst das Gespräch mit der leitenden Notärztin, denn: "Keiner geht für sich alleine an eine solche Einsatzstelle und sucht sich, was er denkt. Es muss koordiniert sein."

Pichler berichtet von vielen Gesprächen. Die Hauptaufgabe für ihn und seine Kolleginnen und Kollegen damals: den vielen Arbeitskräften zuhören, sei es in einer ruhigen Ecke oder bei einer Tasse Kaffee. Denn der Redebedarf bei den Menschen kommt meist erst, wenn sie zur Ruhe kommen, wie Pichler aus seiner Erfahrung berichtet. Wie viele Gespräche er in der Unglücksnacht geführt hat, weiß er heute nicht mehr. Es waren viele. An den Tagen danach sind die Notfallbetreuer vor allem im kleinen Hordorf unterwegs gewesen, um mit den Menschen dort über das Geschehene zu sprechen.

Lokführer im Güterzug übersieht Haltesignal

Es ist kurz vor halb elf Uhr abends, als sich der Regionalzug aus Magdeburg auf der eingleisigen Strecke Hordorf nähert. Aus Richtung Halberstadt ist ein Güterzug unterwegs. Dessen Lokführer übersieht zwei Haltesignale. Als der Fahrer des HEX-Triebwagens bei dichtem Nebel den entgegenkommenden Zug entdeckt, versucht er noch zu bremsen. Aber er kann die Katastrophe nicht verhindern.

Nur wenige Meter weiter ist die Strecke wieder zweigleisig.
Nur wenige Meter vorm Bahnhof ist die Strecke wieder zweigleisig. Bildrechte: MDR/ Mario Köhne

"Ich hatte das gar nicht auf dem Plan, dass hier auf dieser eingleisigen Strecke, wo ja relativ wenig los ist, es zu so einem Unglück kommen kann", erzählt Olaf Pichler zehn Jahre später. Ein Unglück, das auch hätte verhindert werden können, wenn es auf der Trasse damals schon die punktförmige Zugbeeinflussung gegeben hätte. Über magnetische Signale werden damit Züge gestoppt, die an Haltesignalen vorbeigefahren sind.

Noch keine neue Technik an der Strecke

Achim Stauß
Achim Stauß ist Konzernsprecher bei der Deutschen Bahn. Bildrechte: Deutsche Bahn

Und eigentlich war das für die Strecke Magdeburg – Halberstadt schon 2008 geplant. Achim Stauß ist Konzernsprecher bei der Deutschen Bahn. Er spricht in diesem Fall von Verzögerungen: "Natürlich kann es beim Ausrollen von so großen Programmen zu Verzögerungen kommen. Tragischerweise war die Strecke zum Zeitpunkt des Unglücks noch nicht ausgerüstet. Eine gesetzliche Verpflichtung dazu gab es damals aber noch nicht." Vier Monate später bekommt die Trasse durch die Börde die Technik. Gesetzlich vorgeschrieben ist sie seit 2014.

Fahrer des Güterzugs verurteilt

Im November 2012 wurde der Fahrer des Güterzugs wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Auf dem Hordorfer Friedhof erinnert ein großes Holzkreuz an die Opfer. Zehn kleine Kreuze sind in das Holz gesägt: eins für jedes Opfer. Eine kleine Tafel daneben erklärt die Hintergründe. Den Bahnhaltepunkt in Hordorf gibt es mittlerweile nicht mehr. Neben dem verfallenden Bahnsteig steht ein kleiner Gedenkstein. Die Gemeinde hat kurz vor dem 10. Jahrestag einen kleinen Kranz abgelegt. Es gibt Windlichter, in denen Angehörige Kerzen abstellen können. Außerdem haben Besucher kleine Figuren neben den Stein gestellt.

Auf dem Friedhof in Hordorf erinnert ein Holzkreuz an die Opfer.
Auf dem Friedhof in Hordorf erinnert ein Holzkreuz an die Opfer. Bildrechte: MDR/ Mario Köhne

Es ist vor Ort die einzige Erinnerung an die bitterkalte Winternacht Ende Januar 2011. Als Olaf Pichler zum Stein kommt, nimmt er seine Mütze ab. Der Notfallbegleiter wird still und hält inne. Danach erzählt er: "Ich will nicht sagen, dass ich sensibler geworden bin. Aber jeder von uns weiß, wie schnell es sich doch ändern kann im Leben. Wenn man sowas erlebt, dann ist das doch nochmal eine andere Erfahrung: Wie schnell sich das Leben von jetzt auf gleich ändern kann."

Recherche & Redaktion: MDR, dpa/Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 29. Januar 2021 | 11:10 Uhr

15 Kommentare

Denkender Buerger vor 37 Wochen

Zu Ihren Ausführungen noch eine kleine Ergänzung:
Bevor ein Lokführer eine Strecke allein befahre darf, muß er eine bestimmte Anzahl an Belehrungsfahrten absolviert haben, um u.a. die Standorte der Signale zu kennen. Damit er sich z.B. bei schlechter Sicht an den betreffenden Stellen besonders auf die Signalbeobachtungen konzentrieren kann.
Erkennt er dabei die Stellung eines Vorsignals nicht, hat er die sog. Warnstellung.anzunehmen, also die Stellung, die ihm anzeigt, daß das zugehörige Hauptsignal auf "Halt!" steht.
Er hat in diesem Fall nach dem Vorsignal die Bremsung einzuleiten - unabhängig davon, welche Stellung das Hauptsignal tatsächlich hat. Das geht aus den Fahrdienstvorschriften klar und eindeutig hervor.
Im Fall Hordorf hat der Lokführer ganz offenkundig weder den Standort noch die Stellung des Vorsignals erkannt und beachtet - ist ein sicheres Indiz dafür, daß in seiner Wahrnehmung irgend etwas nicht gestimmt hat.

Denkender Buerger vor 37 Wochen

Waren Sie dabei, daß Sie das so genau wissen?
Ich war als Zuschauer im Gerichtssaal dabei, als die Frage erörtert wurde, ob der Zug vom Führerstand der führenden (vorderen) Lok aus gesteuert wurde oder nicht. Und die Sachverständigen haben klar dargelegt, daß es so war.
Auch wenn ich nicht den Eindruck hatte, daß alle der Anwesenden das richtig verstanden haben.

Denkender Buerger vor 37 Wochen

In modernen Gleisbildstellwerken bekommt der Fahrdienstleiet auf dem Stellwerk amhand der Rotausleuchtung der Fahrstraße angezeigt, wenn ein Signal üerfahren wurde. Das kann hier aber dahingestellt bleiben, weil es in Hordorf kein Gleisbildstellwerk gab.
Genauso wie sich hier alles Erörterungen über die Funktionsweise und den Sinn der PZB bzw. Indusi erübrigen, weil es die zum Unfallzeitpunkt in Hordorf ebenfalls noch nicht gab.
Und die hier an einigen Stellen recht polemisch vertretene Auffassung, der Lokführer sei zum Unfallzeitpunkt gar nicht im Füherstand der vorderen Lokomotive gewesen, wurde von den Sachverständigen vor Gericht klar widerlegt - obwohl ich als Zuschauer im Gerichtssaal nicht den Eindruck hatte, daß alle der Anwesenden das auch wirklich verstanden haben.

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