Sanierungsfall Uniklinikum Magdeburg: Anonymes Schreiben kritisiert Aufsichtsrat und Vorstand scharf

Thomas Vorreyer
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Mitarbeiter haben im Dezember ein Hilfegesuch an die Politik gerichtet. Sie werfen Vorstand und Aufsichtsrat die Gefährdung von Patienten vor. Das zuständige Wissenschaftsministerium und die Universität bestreiten das, sehen das Uniklinikum sogar auf einem guten Weg. Die Linke im Landtag will nun Aufklärung betreiben.

Am Universitätsklinikum Magdeburg gibt es wieder einmal Konflikte um Baumaßnahmen und Personalsituation
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In einem anonymen Brief erheben Mitarbeitende des Uniklinikums Magdeburg schwere Vorwürfe gegen dessen Vorstand und Aufsichtsrat. Es liege ein "Führungsversagen und Organisationsverschulden in riesigem Ausmaß" vor, Patienten und Mitarbeitende seien im jetzigen Zustand von Gebäuden und Personaldecke gefährdet. Der Tenor: Die Landesregierung schaue weg.

MDR SACHSEN-ANHALT liegt der Brief neben weiteren Dokumenten vor. Das Landesministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung – zuständig für die Rechtsaufsicht – sieht keine derartige Gefährdung und wirbt um Verständnis. Der Klinikvorstand wiederum ließ Fragen zur Sache bislang unbeantwortet, wies die Kritik gegenüber der "Magdeburger Volksstimme" aber zurück. In einem aktuellen Video geht man zudem teilweise auf die Vorwürfe ein, demnach seien diese in Teilen bereits überholt.

Die Fraktionsvorsitzende der oppositionellen Linksfraktion im Landtag, Eva von Angern, sieht in dem Brief einen Hinweis auf eine "große Ratlosigkeit" unter den Beschäftigten. Der aus dem Dezember stammende Brief ist an die Abgeordneten ihrer Fraktion adressiert. Die Vorwürfe müssten ausgeräumt werden, so von Angern, die Landesregierung stehe in der Verantwortung. Neben Wissenschaftsminister Armin Willingmann vertreten diese Sozialministerin Petra Grimm-Benne (beide SPD) und Finanzminister Michael Richter (CDU) im Aufsichtsrat.

Für das Uniklinikum setzt sich damit eine Reihe von Diskussionen fort, die zuletzt beinahe vergessen schienen.

Klinikvorstand will mit "Neubau der Unimedizin" begonnen haben

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU, links) und der Chef des Uniklinikums, Hans-Jochen Heinze, unterhalten sich vor dem Landtag.
Der Ärztliche Direktor Hans-Jochen Heinze (rechts, hier mit Ministerpräsident Haseloff) soll einen guten Kontakt in die Politik aufgebaut haben Bildrechte: dpa

So begannen am 26. Oktober 2020 die Bauarbeiten für einen Container-Neubau mit 99 Betten Kapazität auf dem Campus. Dieser soll dem Klinikum Luft verschaffen für noch größere Vorhaben. Vom Beginn von nicht weniger als dem "Neubau der Unimedizin" sprach der Vorstandsvorsitzende und Ärztliche Direktor, Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze, an diesem Tag. Heinze – deutschlandweit anerkannter Neurologe und ehemals jahrelanger Direktor der Klinik für Neurologie – will so in "zehn bis 15 Jahren" die "bestmögliche Universitätsmedizin" in Magdeburg anbieten können. 

In der kommenden Woche sollen nun für den Bau eines neues Herzzentrum erste Bäume  gefällt werden. In Diskussion und Planung befindet sich das Zentrum bereits seit über zehn Jahren. Das Wissenschaftsministerium erinnert in einer Stellungnahme daran, dass die meiste Zeit ein "harter Sparkurs" in Sachsen-Anhalt herrschte. Das Land hatte zuletzt aber 110 Millionen Euro für das Herzzentrum bewilligt.

Zielvereinbarung listet mehrere "hochprioritäre" Baumaßnahmen, die dennoch aufgeschoben werden

Die Verfassenden des anonymen Briefes hatten moniert, das Vorhaben käme nicht voran. Schlimmer noch: Notwendige Sanierungen sollen aufgeschoben worden sein. Verwiesen wird dabei auf die Zielvereinbarung 2020 – 2024, die Universitätsmedizin und Wissenschaftsministerium Ende Juni 2020 geschlossen haben.

Für mehrere Einrichtungen seien Baumaßnahmen "dringend" oder "zwingend" erforderlich. Nicht nur in der Hautklinik, Krebsklinik und Kinderklinik, sondern etwa auch in der Klinikküche, der zentralen Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte und der Apotheke lägen entweder "unzureichende Hygienestandards", "bauliche Mängel" oder "ein erhöhtes Havarierisiko" vor. Gelistet werden teilweise auch "Brandschutzmängel" und die Nichteinhaltung geltender Strahlenschutzvorgaben.

Die Planungen für all diese Baumaßnahmen sind als "hochprioritär" eingestuft worden, doch in der Zielvereinbarung heißt es, sie sollen "zunächst nicht weiter verfolgt" werden.

Klinikum sucht Heil in der Zentralisierung – und der möglichen Fusion mit Olvenstedt

Armin Willingmann (SPD), Wissenschaftsminister Sachsen-Anhalt
Das Haus von Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD) sieht keine Patientengefährdung Bildrechte: dpa

Das Wissenschaftsministerium erklärt, dass die Verhandlungen für die Zielvereinbarung bereits im Oktober 2018 begonnen hätten, rund ein halbes Jahr bevor Heinze Ärztlicher Direktor wurde und bevor unter seiner Ägide und der der Kaufmännischen Direktorin Dr. Kerstin Stachel zwei Ideen vorangetrieben wurden:

Zum einen, eine stärkere Zentralisierung des weitläufigen Klinikumbetriebes mit seinen fast 50 Häusern in einem einzigen Großbau. Zum anderen, eine mögliche Fusion des Uniklinikums mit dem anderen großen Magdeburger Krankenhaus, dem städtischen Klinikum in Olvenstedt.

"Aufsichtsrat sowie Finanz- und Wissenschaftsministerium begrüßen diese Pläne ausdrücklich", heißt es aus Willingmanns Haus. Sie müssten aber erst abgeschlossen werden, damit die Bauvorhaben nicht überholt würden. Auch mit Blick auf die Corona-Pandemie bitte man um Verständnis, "dass nicht jede Planung kurzfristig abgeschlossen oder umgesetzt werden kann".

Ärztlicher Direktor: "Zu keiner Zeit Gefahr für Patienten"

Bemerkenswert ist der Aufschub bei der Hautklinik. Noch im Juni 2018 wurde sie in einer Klinikdirektorenkonferenz laut Protokoll als "heißester Brandherd auf dem Gelände" bezeichnet. Der anwesende Wissenschaftsminister antwortete, die für 2023 geplante Sanierung der Hautklinik müsse vorgezogen werden. Jetzt liegt das wieder auf Eis.

Die Krebsklinik hatte das Uniklinikum im Mai 2019 kurzzeitig schließen müssen – wegen hygienischer Probleme. Schon da hatte es einen Brandbrief gegegeben. 24 Klinikdirektoren schrieben Ministerpräsident Haseloff und dem Aufsichtsrat, wie die "Volksstimme" berichtete. Eine Gefahr für Patienten habe aber "zu keiner Zeit" bestanden, sagte Heinze damals.

Darauf verweist heute auch Willingmanns Ministerium. Akute Mängel seien vor zwei Jahren umgehend beseitigt wurden, etwa durch Brandwachen. Der Vorstand müsse dem Aufsichtsrat zudem regelmäßig über den Sicherheitsstand vor Ort berichten.

"Magisches Dreieck" scheint die Belegschaft noch nicht verzaubert zu haben

Für eine Zentralisierung des Uniklinikums scheint es gute Argumente zu geben. In der jetzigen Struktur summieren sich allein die unterschiedlichen Transporte zwischen den Häusern jährlich auf Kosten von 15 Millionen Euro. Der Klinikumsvorstand um Heinze verfolgt stattdessen die Vision eines "Magischen Dreiecks": Das jetzige Haupthaus, das Haus 60, soll um drei weitere Abschnitte für die restlichen Klinikbereiche erweitert werden.

Doch aus Gesprächen mit unterschiedlichen Ebenen und Bereichen des Uniklinikums ergibt sich das Bild, dass der Vorstand die Belegschaft, darunter auch die Pflegekräfte, bei seinen Zukunftsvisionen bislang nicht mitgenommen hat. Eine Person erinnert die Kommunikation eher an "Durchhalteparolen". Im aktuellen Brandbrief wird die angebliche Nichteinbeziehung der Mitarbeitenden in die Planung ebenfalls beklagt.

Auch dazu hat MDR SACHSEN-ANHALT dem Klinikvorstand Fragen gestellt, die bislang unbeantwortet blieben. Nahezu gleichzeitig mit der Anfrage veröffentlichte die Universitätsmedizin allerdings ein Video auf YouTube. Darin richtet sich Heinze an die Belegschaft, um den Beginn "zahlreicher Baumaßnahmen" zu verkünden.

Nach seinem Amtsantritt als Ärztlicher Direktor habe man sich mit der Landesregierung erstmal "zurecht rütteln" müssen, mittlerweile habe diese aber die Dimensionen des Umbauvorhabens erkannt. Fünf Projektleiterinnen und Projektleiter stellen anschließend je ein laufendes oder bevorstehendes Bauvorhaben vor. Das "Magische Dreieck" gehört nicht dazu.

Heinze erwidert die Kritik aus dem Brandbrief, ohne diesen zu erwähnen, sagt: "Keiner bleibt hier irgendwie zurück." Man wolle Beteiligung. Wie diese aussehen soll, wird nicht gesagt.

"Standortprobleme" schon 2018

Die anonymen Verfassenden greifen den Klinikumsvorstand aber auch für die personelle Situation am Uniklinikum an. Seit mindestens zwei Jahren musste man Abgänge von Ärzten und Ärztinnen in größerer Zahl verzeichnen. Zu den betroffenen Bereichen gehören dem Vernehmen nach die Anästhesiologie, Gefäßchirurgie, Kinderklinik, Pathologie und Radiologie. Schon in einer Klinikdirektorenkonferenz am 19. Juni 2018 war deshalb von drohenden "Standortproblemen" und "grundsätzlichen Sorgen" die Rede.

Hinweise für einen organisierten Abgang aus Protest liegen MDR SACHSEN-ANHALT allerdings nicht vor. Auch sollen viele der Stellen, etwa in der Anästhesiologie, mittlerweile nachbesetzt sein.

Problembereich Pathologie: Fachgesellschaft hat sich eingeschaltet

Als besonders angespannt gilt die Situation am Institut für Pathologie. Für den Krankenhausbetrieb ist die Pathologie von zentraler Bedeutung. Aufgrund der Analyse von Gewebeproben entscheiden Ärzte, wie sie operieren oder therapieren. Im Sommer 2020 übernahmen aber zwischenzeitlich auch andere Krankenhäuser Befunde für das Klinikum. Der Grund: Seit der fristlosen Kündigung seines ehemaligen Chefs ist das Institut personell immer weiter ausgedünnt.

Wie sehen Sie die Recherche Sie möchten sich mit uns über die Situation des Uniklinikums austauschen? Sie arbeiten selbst vor Ort und würden uns gerne Ihre Erfahrungen schildern? Dann erreichen Sie unseren Reporter Thomas Vorreyer über thomas.vorreyer@mdr.de oder anonym und verschüsselt über Threema: YSJK89FX.

Der Mediziner musste gehen, weil es unter seiner Führung zu mehreren Fehldiagnosen gekommen sein soll. Das Universitätsklinikum ließ nachprüfen und erstattete schließlich Strafanzeigen gegen ihn. Doch die Ermittlungen – u.a. in einem Fall wegen des Tatverdachts der fahrlässigen Tötung – werden 2021 voraussichtlich nicht abgeschlossen, so die Staatsanwaltschaft.

Weil die "Volksstimme" im August aus vertraulichen Dokumenten des Auswahlverfahrens für den ehemaligen Leiter zitierte, hat sich mittlerweile auch die Deutsche Gesellschaft für Pathologie (DGP) eingeschaltet. Sie schrieb im Oktober dem Wissenschaftsminister.

Der Vorsitzende der Gesellschaft, Prof. Dr. med. Gustavo Baretton, zeigt sich gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT empört über das "vertrauensschädigende" Vorgehen der Universitätsmedizin. Die DGP sei als Fachgesellschaft zudem nicht in die Aufklärung einbezogen worden. Außerdem kritisiert Baretton, dass die derzeitige kommissarische Direktorin "entgegen akademischer Gepflogenheiten" als Chefärztin inthronisiert worden sei. Letzteres behindere die Ausschreibung eines vollwertigen Lehrstuhls, wie sie Baretton fordert.

Mittlerweile befinden sich Klinikvorstand und Fachgesellschaft in Gesprächen. Die Verfassenden des anonymen Brandbriefes sorgen sich derweil um die Zukunft der Universitätsmedizin. "Wer", fragen sie, "soll sich in der Uniklink noch bewerben, wenn ihm eine solche Behandlung droht?" 

Kinderklinik soll nach über zwei Jahren sehr bald wieder Leitung haben

Der Rektor der Universität Magdeburg, Prof. Dr. Jens Strackeljan, erklärt, es müsse zeitnah zu einer Besetzung der vakanten Professur kommen. "Wirklich ein Problem" sei zudem, dass die Kinderklinik seit mehr als zwei Jahren nur kommissarisch geführt werde. Ein erstes Berufungsverfahren sei gescheitert, im Neuanlauf rechne man "in den kommenden Wochen" mit einer Besetzung.

Uni-Rektor Strackeljan erwartet vom Vorstand, Mitarbeitende "mitzunehmen"

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan - Rektor der Uni Magdeburg
Jens Strackeljan, Rektor der Universität Magdeburg, möchte die Professur zeitnah besetzen. Bildrechte: Jana Dünnhaupt/Uni Magdeburg

Strackeljan, der auch im Aufsichtsrat des Uniklinikums sitzt, unterstützt die Zentralisierungspläne des Klinikvorstands und lobt dessen Fortschritt bei den Planungen und Verhandlungen mit der Landesregierung. Beim Betriebsklima aber gebe es "fraglos Verbesserungsbedarf", so Strackeljan. Vom Vorstand erwarte er, die Mitarbeitenden in der jetzigen Situation "mitzunehmen". Anonyme Kritiker müssten aus der Anonymität heraustreten, im Gegenzug dürften ihnen keine Repressalien drohen.

Genau das schreiben die Verfassenden aber und werfen dem Ärztlichen Direktor und der Kaufmännischen Direktorin vor, Kritik massiv unterdrückt zu haben.

Das Wissenschaftsministerium erklärt, man sehe "aktuell keinen Grund", die Arbeit des Vorstands in der Öffentlichkeit zu bewerten. Gelegenheit dazu wird es in nächster Zeit noch mehrfach geben.

Die Linke hat der Landesregierung drei Kleine Anfragen gestellt, um die Vorwürfe zu prüfen. Außerdem wolle man das Thema auf die Agenden von Finanzausschuss und Wirtschafts- und Wissenschaftsausschuss setzen. Das Uniklinikum Magdeburg sei ein wichtiger Standort für das Land, sagte Eva von Angern, "selbstverständlich müssen sich dort auch die Bediensteten wohlfühlen".

Quelle: MDR/tv

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 23. Januar 2021 | 12:00 Uhr

16 Kommentare

Critica vor 21 Wochen

Frank,
ab einer gewissen Gehaltsgrenze (nach oben versteht sich) stecken alle unter einer Decke. Das geht so lange gut, bis sich unten Widerstand meldet, wie gerade jetzt. Inwieweit das jedoch verfolgt wird, hängt wieder an denen, die von dieser Decke noch profitieren. Und das sind schon einige...

ottovonG vor 21 Wochen

Das können Sie schon, wenn sie die Rente vor Augen haben und nie wieder im öffentlichen Dienst Fuß fassen möchten. Ansonsten trifft sie eine Art Berufsverbot.

Denkschnecke vor 21 Wochen

Also, zuletzt bei anonymen Beschwerden aus den Reihen der hiesigen Polizei über rassistische Sprüche und aus den Justizbehörden über hausinternen Chauvinismus sind die Kommentierenden hier zuhauf über die "Nestbeschmutzer" hergefallen.

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