Zum 90. Geburtstag Nach 9.000 Aufstiegen: Brocken-Benno will nicht weiterzählen

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
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Wer schon mal auf den Brocken gewandert ist, hat ihn vielleicht getroffen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedenfalls groß, denn Benno Schmidt aus Wernigerode wandert seit 33 Jahren fast täglich auf den höchsten Harz-Berg. Jetzt hat Brocken-Benno, wie er von den meisten genannt wird, sein großes Ziel erreicht und 9.000 Aufstiege geschafft. So feiert er nun nicht nur seinen 90. Geburtstag, sondern auch seinen Wandererfolg. Wo? Natürlich auf dem Brocken.

Brocken-Benno in seinem Garten vor Wanderweg-Schildern
Brocken-Benno hat sich den Brocken zur Lebensaufgabe gemacht. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

  • Als der Brockengipfel für Besucher geöffnet wird, entbrennt nach und nach ein Wettkampf um die meisten Aufstiege. Durch eine Provokation wird Brocken-Benno angestachelt.
  • Brocken-Benno kann auch unbequem. Mit Leidenschaft und Ausdauer setzt er sich für zwei spezielle Wanderwege zum Brocken ein.
  • Noch vor seinem 90. Geburtstag hat Brocken-Benno die 9.000 Aufstiege geschafft. Er will weiter auf den Gipfel wandern – aber nicht mehr mitzählen.

Am 3. Dezember 1989 ist der Brocken noch von einer hohen Mauer umgeben. Der Gipfel ist Sperrgebiet. Am Morgen haben sich Tausende Wanderer dorthin aufgemacht. Sie haben Transparente dabei. Die Mauer soll weg, so wie einen Monat zuvor in Berlin.

In Wernigerode kämpft zu dieser Zeit ein Bereichsleiter der Konsum-Genossenschaft namens Benno Schmidt mit seinem Gewissen. Der sitzt dort in einer wichtigen Tagung. Doch nach dem ersten Referat hält es der damals 57-Jährige nicht mehr aus. Er müsse dringend nach Hause, erzählt Benno Schmidt seinem Sitznachbarn. Dort angekommen zieht er sich um, schnappt seine Frau und den Trabant, und beide sausen ins 18 Kilometer entfernte Schierke. Gemeinsam wandern die beiden hinauf in Richtung Brocken und kommen noch rechtzeitig, als das Tor zum Gipfel geöffnet wird. Die Demonstranten vor dem Brockentor fühlen sich im Freudentaumel, auch Benno Schmidt. 

Dieses Erlebnis prägt sein Leben. 28 Jahre lang hatte Benno Schmidt den Brockengipfel von seinem Dachfenster aus beobachtet. Nun ist er zum ersten Mal auf dem Berg, dessen Namen er bald tragen wird. Das aber ahnt er damals noch nicht, denn der Wettbewerb um die meisten Gipfelaufstiege beginnt ganz verhalten. Nur vier Mal wandert der Wernigeröder noch bis Ende 1989 auf den Brocken, im gesamten Jahr darauf nur 33 Mal.

Wie wird dieser Mann genannt, der fast jeden Tag den Brocken besteigt? 7 min
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Mi 10.10.2007 11:21Uhr 06:59 min

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Stempel für den Brockenaufstieg

Der Wettbewerb um die meisten Aufstiege wird angefacht, als der Brockenwirt damit beginnt, jeden Aufstieg mit einem Stempel zu dokumentieren. Als sich dann in der Zeitung ein Wanderer brüstet, er sei schon einhundert Mal auf dem Brocken gewesen und deshalb nun der Brockenkönig, ärgert sich Benno Schmidt. Er hat damals nur 60 Aufstiege. Das soll sich ändern.

Benno Schmidts Ehrgeiz ist geweckt. Die Konkurrenten fahren in den Urlaub, er wandert auf den Brocken. Die anderen bleiben bei Sturm zu Hause, er rennt trotzdem los. An manchen Tagen ist er gar mehrmals oben. Manchmal auch nachts. Dann hinterlässt er einen Zettel mit einer Nachricht, er sei oben gewesen und hole sich den Stempel am nächsten Tag ab.

Damit der Wettkampf nicht weiter eskaliert, gestattet der Brockenwirt bald nur noch einen Stempel pro Tag. Trotzdem führt Benno Schmidt bald souverän, und im August 1995 kann er seinen 1.000. Brockenaufstieg feiern. Wanderfreunde überreichen ihm an diesem Tag eine Urkunde mit der Aufschrift "Brocken-Benno". Benno Schmidt bekommt seinen Spitznamen. Bald nennen ihn alle nur noch so.

Brocken-Benno wird berühmt

Doch für Benno Schmidt geht der Wettbewerb nun erst richtig los. Der 1.000. Aufstieg ist Ansporn für ihn. Er geht weiter beinah täglich auf den Brocken hinauf und wieder runter, bei Regen, Schnee, Sturm, Kälte und Hitze. Die Medien berichten, Einträge ins Guinness-Buch der Rekorde folgen. Der hagere Mann mit der dicken Brille und dem grünen Base-Cap voller Wanderabzeichen wird berühmt. Seine Jubiläumsaufstiege zelebriert er regelrecht mit seinen Wanderfreunden. Höhepunkt ist sein 75. Geburtstag am 22. Mai 2007. Bei seinem 5.000. Brockenaufstieg an jenem Tag begleiten ihn über 200 Wanderfreunde, zahlreiche Journalisten und fünf Fernsehteams.

Doch Brocken-Benno wird nicht nur berühmt, sondern auch ein Botschafter – für den Harz, für das Wandern, für die Natur. Wer ihn unterwegs auf seinen Wanderungen anspricht, bekommt Informationen und Flyer von Nationalpark, Harzklub oder dem Harzer-Wandernadel-Projekt sowie jede Menge Tipps für erlebnisreiche Wandertouren und schöne Ausblicke.

Er macht Werbung für seinen Harz, schwärmt von der Natur, die er unterwegs erlebt. Nie werde ihm langweilig auf seinen Touren, beteuert er stets. Benno Schmidt ist als Wanderführer im Harzklub ehrenamtlich tätig. Er ist Sonderbotschafter für die Harzer Wandernadel. Und die damalige sachsen-anhaltische Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne) ernennt ihn zum Botschafter des Grünen Bandes.

Beeindruckende Statistiken

Auf seinen Brockenwanderungen hat Benno Schmidt 120.000 Kilometer zurückgelegt, dabei 4,5 Millionen Höhenmeter überwunden und über 30 Paar Wanderschuhe verschlissen.

Am 20. August 2012 hat er den heißesten Tag auf dem Gipfel seit 1895 erlebt. 29 Grad wurden dort an diesem Tag gemessen. Auch am mutmaßlich kältesten Tag war er oben. Am 17. Dezember 2007 herrschten gefühlte Minus 32 Grad auf dem Brockengipfel.

Auch Orkan Kyrill im Winter des Jahres 2007 erlebte Benno Schmidt auf dem Brocken. Bei Windgeschwindigkeiten bis zu 198 km/h wanderte er hinauf. "Äußerst leichtsinnig" urteilt der Rekordwanderer heute über sein damaliges Verhalten.

Rekordwanderer Benno Schmidt aus Wernigerode besucht den Brocken.
Er gehört quasi zum Inventar des Harzes: Rekordwanderer Benno Schmidt aus Wernigerode besucht immer wieder den Brocken. Bildrechte: dpa

Anecken für Wanderwege

Doch Benno Schmidt kann auch unbequem und sehr hartnäckig sein. Das zeigt er, als er im Jahr 2003 nach zahlreichen Wanderungen entlang der alten Grenze auf die Idee kommt, einen Harzer Grenzwanderweg einzurichten. Der soll den Harz in Nord-Süd-Richtung entlang der alten Grenze überqueren. Es gibt viele Gegner des Projekts, doch nach harten Auseinandersetzungen setzt er es schließlich gegen viele Widerstände durch. "Da musste ich so kämpfen, das hat Nerven gekostet noch und noch", sagt Benno Schmidt heute.

Jahre später folgt eine ähnliche Aktion. Im Ergebnis entsteht der Ostteil des Harzer Teufelsstiegs. Dort kann man heute auf den Spuren von Mephisto wandern, unterwegs begleitet von Tafeln mit Textpassagen aus Goethes Faust. Auch der Gedenkstein auf dem Brocken, der an die Gipfelöffnung am 3. Dezember 1989 erinnert, geht auf die Initiative von Benno Schmidt zurück. Für dieses Engagement und für seine Botschaftertätigkeit erhält Benno Schmidt 2018 den Verdienstorden des Landes Sachsen-Anhalt. Zwei Jahre später wird er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Seine täglichen Brockentouren behält er derweil bei. Der Mythos des Berges treibe ihn dazu, sagt er immer wieder – Goethe, Heine, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung. Wichtige Motive seien aber auch, sich fit zu halten, die vielen Begegnungen mit den Menschen unterwegs und die sich stetig verändernde Natur, die er auf seinen Touren beobachte.

Nach 9.000 Aufstiegen wird nicht weitergezählt

Früher, sagt er, sei er durchs Eckerloch durch tiefen dunklen Wald gewandert. Kaum Sonne sei hindurch gekommen. Heute gäbe es Aussichten und ein ganz anderes Waldbild. Das sehe er gar nicht so negativ und meint damit die sich derzeit dramatisch verändernden Wälder am Brocken. Er habe einen Lieblingsbaum in der Gegend, einen abgebrochenen Baumstumpf, aus dem direkt eine junge Fichte wachse. Das sei phantastisch, findet er.

Doch jenen Baum und auch andere lieb gewonnene Stellen sieht er in letzter Zeit immer seltener. Seit Jahren leidet Benno Schmidt an Krebs. Der Mann, der täglich Wind und Wetter trotzte und nie einen Schnupfen hatte, kämpft sich nun durch Operationen und Chemotherapien. Auf seinen Berg wandert er trotzdem – langsamer allerdings und seltener. Zu seinem 88. Geburtstag kann er 8.888 Aufstiege feiern. Jetzt wird er 90, und hat die 9.000 geschafft. Schon vor Weihnachten hatte er die magische Zahl erreicht, vorsichtshalber. Denn er wusste wohl, was auf ihn zukommt.

Diese Zahl, die 9.000, solle nun stehen bleiben, sagt Benno Schmidt. Wie oft und ob er überhaupt noch hochläuft, werde von seiner Gesundheit abhängen. Doch auch wenn er noch zehn oder zwanzig Mal auf den Brocken wandere, wolle er das nicht mehr dazuzählen. "9.000 ist eine schöne Zahl. Ich bin froh, dass ich sie erreicht habe."

Von seinem geliebten Brocken will er allerdings auch künftig nicht lassen. Irgendwie werde er ab und zu schon auf den Gipfel kommen. Zur Not fahre ja auch die Brockenbahn.

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Mo 15.04.2019 16:29Uhr 00:21 min

https://www.mdr.de/kultur/app-kultur/entdecken/video-292644.html

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MDR (Carsten Reuß, Gero Hirschelmann, Fabian Frenzel)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. Mai 2022 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

geradeaus vor 4 Wochen

Ich würde es beinahe nicht als Marotte bezeichnen vom BrockenBenno. Es war für ihn mehr ein Lebensgefühl dieser Berg. Eine Identifikation. Mit der er sich immer wieder auseinandersetzen wollte. Sie erleben, fühlen.

Außerdem war/ist er doch ein Ranger gewesen. Der Brocken-Ranger. Wenn ihn da oben jemand sah dann wusste man: ok, jetzt bloß keinen sch... bauen ^^

geradeaus vor 4 Wochen

Also falls es doch jemand schaffen sollte das zu knacken wird das wohl nach unserer Zeit geschehen. Wäre interessant ein Ranking zu sehen, die Top10 der meisten Aufstiege. Wer weiß, vielleicht hat sich da still und heimlich jemand nach oben (im warsten Sinne des Wortes ^^) gepusht. Und geschummelt werden darf natürlich auch nicht.
Kann jedoch sehr gut sein das Sie Recht haben. Diese 9k sind überirdisch. 1 Tour >13km

Altlehrer vor 4 Wochen

Naja, muss man das jetzt als Leistung anerkennen oder kann man das auch nur als persönliche Marotte zur Kenntnis nehmen? In so einer ausgezeichneten körperlichen Verfassung wären auch gesellschaftlich sinnvollere Jobs wie Parkranger oder Naturschutzbeauftragter auf dem Brocken denkbar gewesen. Also mir fehlt das Verständnis für soviel Anerkennung für ein Spleen.

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