Harz Nach Rettung von Pfadfindern am Brocken: Ermittlungen gegen Gruppenleiter

Einsatzkräfte mussten am Mittwoch eine Gruppe Pfadfinder aus Kiel am Brocken retten. Die Kinder und Jugendlichen waren trotz der extremen Hitze zum Gipfel aufgebrochen und schafften es danach nicht mehr zurück. Fünf mussten mit einem Hitzschlag ins Krankenhaus. Gegen den 20-jährigen Gruppenleiter wird jetzt ermittelt.

Eine Wandergruppe mit Hunden geht im Licht der aufgehenden Sonne auf dem Brocken.
Eine Gruppe Pfadfinder ist am Brocken bei extremer Hitze in Not geraten. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Nach der Rettung einer Pfadfindergruppe am Brocken am Mittwoch hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den 20-jährigen Gruppenleiter wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung aufgenommen. Das hat Oberstaatsanwalt Hauke Roggenbuck MDR SACHSEN-ANHALT am Freitagmorgen bestätigt. Zuerst hatte die Volksstimme (€) berichtet.

Die 16 Kinder und Jugendlichen zwischen sieben und 15 Jahren waren mit ihrem Betreuer am bislang heißesten Tag des Jahres, am Mittwoch, trotz der extremen Witterungsverhältnisse zum Brockengipfel aufgebrochen. Infolge der Hitze waren die Pfadfinder aus Kiel am frühen Abend derart erschöpft, dass die Gruppe den Notruf alarmieren musste.

Pfadfinder aus dem Krankenhaus entlassen

Fünf Pfadfinder mussten nach Polizeiangaben mit Symptomen von Hitzschlag und Dehydrierung in Kliniken gebracht werden. Ein Jugendlicher sei bereits am Donnerstag, die weiteren vier Kinder am Freitag wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden, sagte Polizeisprecherin Nadine Sünnemann dem MDR.

Die übrigen Jugendlichen waren am Mittwoch zunächst in das Feuerwehrgerätehaus nach Schierke gebracht worden, um sich dort abzukühlen. Danach hätten sie die Nacht in ihrer Jugendherberge in Schierke verbracht, so Sünnemann weiter.

Verantwortlich für die Gruppe war laut der Polizeisprecherin ein 20-Jähriger. "Gegen diese Person richten sich die Ermittlungen", sagte Oberstaatsanwalt Roggenbuck, der darauf hinwies, dass es sich bei dem jungen Mann selbst noch um einen Heranwachsenden handle.

Gruppe hatte zuvor verbotenerweise in Schutzhütte übernachtet

Vor dem Rettungseinsatz am Mittwochabend waren die Pfadfinder am Mittwochmorgen bereits einem Ranger der Nationalparkverwaltung Harz aufgefallen. Wie Nationalpark-Sprecher Martin Baumgartner dem MDR sagte, habe die Gruppe in der Nacht zum Mittwoch verbotenerweise in einer Schutzhütte übernachtet.

Der Ranger habe sie darauf hingewiesen, dass Übernachten im Nationalpark nicht gestattet sei. Laut Baumgartner war die gleiche Pfadfinder-Organisation aus Kiel vor ein bis zwei Jahren schon einmal beim Übernachten erwischt worden.

Ermittlungen, ob Pfadfinder aus Schutzhütte verwiesen wurden

Der Ranger habe die Gruppe aber nicht dazu aufgefordert, die Schutzhütte zu verlassen, betont Baumgartner. Beim Kurznachrichtendienst Twitter erhebt ein Vater, dessen Tochter unter den Pfadfindern gewesen sei und einen Hitzschlag erlitten hat, genau diesen Vorwurf und gibt der Nationalparkverwaltung folglich eine Mitschuld am Vorfall.

"Das weise ich entschieden zurück, dass der Ranger die Gruppe einer Gefahr ausgesetzt hat", so Baumgartner. Die Pfadfinder hätten alle Zeit der Welt gehabt, sich in Sicherheit zu bringen. Zudem sei der Aufenthalt in den Schutzhütten bei Tag nicht verboten.

Der Polizei liege eine Erstinformation vor, wonach der Ranger die Gruppe aus der Hütte verwiesen haben soll, sagte Polizeisprecherin Sünnemann. Wie sich die Situation genau zugetragen habe, sei nun Teil der Ermittlungen.

Mehr als 60 Rettungskräfte im Einsatz

Im Zentrum der Ermittlungen stehe aber die Frage, warum der Gruppenleiter nach dem Zusammentreffen und in Anbetracht der angekündigten Extremwitterung nicht den Rückweg eingeschlagen habe, sondern mit den Kindern und Jugendlichen zum Gipfel aufgebrochen sei und sich stundenlang mit ihnen unter freiem Himmel augehalten habe, so die Polizeisprecherin. "Der Harz ist relativ kahl und bietet kaum Schutz", betonte Sünnemann.

Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse findet für den Vorfall nur das Wort "Dummheit". MDR SACHSEN-ANHALT sagte er: "Von Pfadfindern hätte ich mehr erwartet, da sollten sich die Verantwortlichen hinterfragen." Schließlich sei es nie eine gute Idee, bei extremer Witterung rund um den Brocken unterwegs zu sein.

62 Einsatzkräfte waren nach Polizeiangaben am Mittwoch ausgerückt, um die Pfadfinder zu retten. Neben dem Rettungsdienst brachen laut Kreisbrandmeister Lohse auch Katastrophenschutz-Einheiten zu der Gruppe auf, die sich im Bereich der Brockenstraße aufhielt.

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MDR (Daniel Salpius)

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 21. Juli 2022 | 11:00 Uhr

7 Kommentare

xiheva5352 vor 2 Wochen

"Campen" bedeutet üblicherweise das Aufstellen von Zelten oder das Schlafen unter *freiem* Himmel und das Kochen mit Feuer.

Ob man das Schlafen in einer Hütte dazu zählen möchte ist wohl eher Interpretationssache. Da hätte die Webseite es schon eindeutiger formulieren können.

MDR-Team vor 2 Wochen

Auf der Seite des Nationalparks Harz ist erklärt, dass Campen im Nationalpark verboten ist. Besonders gefährlich sind Übernachtungen bei großer Hitze wegen der Waldbrandgefahr.

MDR-Team vor 2 Wochen

In diesem zweiten Bericht findet sich ein neuer Kenntnisstand des MDR wieder, entsprechend finden sich im zweiten Bericht mehr Informationen als in dem ersten.

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