Aktionen in mehreren Städten Protest gegen Corona-Regelungen: Leere Stühle vor den Cafés

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Vor den Verhandlungen von Bund und Ländern am Mittwoch zu weiteren Corona-Lockerungen haben Gastronomen auf ihre Existenzsorgen aufmerksam gemacht. In Sachsen-Anhalt gab es in mehreren Städten Protestaktionen.

Konditoren und Cafébesitzer haben Mittwoch an mehreren Orten in Sachsen-Anhalt auf ihre prekäre Lage aufmerksam gemacht, zum Beispiel in Wernigerode, Lieskau, Haldensleben, Dessau und Wanzleben. Infolge der Corona-Verordnungen dürfen die Cafés seit November nicht öffnen. Die Betreiber fordern, wenigstens draußen bald Gäste bedienen zu dürfen. Initiatorin der Aktionen ist die Landesinnung der Konditoren. Landesinnungsmeister Michael Wiecker hatte vor seinem "Café am Markt" in Wernigerode 100 leere Stühle aufgestellt und mit Schriftzügen versehen. Das blieb nicht unbemerkt.

"Man muss darauf aufmerksam machen, wahrscheinlich waren wir viel zu lange ruhig", sagt der Wernigeröder Matthias Winkelmann, Goldschmiedemeister mit eigenem Laden und damit selbst von den Schließungen betroffen. Unweit steht Thomas Balcerowski, der Landrat des Harzkreises, und lässt sich mit einem Schild fotografieren, auf dem geschrieben steht: "Außengastronomie mit Abstand öffnen". "Da ich der gleichen Auffassung bin, unterstütze ich das", sagt der CDU-Mann.

Menschen stehen mit Schildern vor Café mit abgesperrtem Außenbereich
Der Protest hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, auch der Landrat des Harzkreises beteiligt sich (Mitte). Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

400 Plätze leer seit November

Konditormeister Michael Wiecker hat an diesem Vormittag 100 Stühle nach draußen getragen und sie an 20 Tische gestellt, so als würden gleich Gäste kommen. Einzig rot-weiße Absperrbänder verhindern das. Die Sitzplätze bleiben leer. An jede Stuhllehne hat Wiecker ein A4-Blatt geklebt. Darauf steht "Außengastronomie mit Abstand öffnen".

Mann steht mit Schild "Außengastronomie mit Abstand öffnen" vor Café
Konditormeister Michael Wiecker vor seinem Café in Wernigerode. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Das ist die Forderung, die ich habe und das ist das Signal, das wir an die Politik senden wollen, dass man uns Ende März die Möglichkeit gibt, dass sich die Menschen hinsetzen können und etwas genießen können.

Michael Wiecker, Landesinnungsmeister der Konditoren

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Michael Wiecker ist 57 Jahre alt, und er betreibt ein großes Café am Marktplatz von Wernigerode. Vor Corona saßen an sonnigen Tagen hier 200 Gäste vor der Tür, im Innenbereich gibt es noch einmal so viele Plätze. Über 30 Mitarbeiter sind normalerweise dafür da, dass alles reibungslos läuft im "Café am Markt". Sämtliche Mitarbeiter sind nun seit Monaten in Kurzarbeit. Lediglich die Auszubildenden sind noch da und organisieren einen Außer-Haus-Verkauf von Kaffee, alkoholfreiem Punsch und selbsthergestelltem Eis.

Sorgen ums Personal

Michael Wiecker befindet sich einer 1A-Lage mit seinem Café. Die Geschäfte liefen vor Corona gut, und er weiß, irgendwann wird es wieder laufen. Deshalb jammert er nicht, auch wenn die Hilfen spärlich fließen und die Einnahmeverluste enorm sind. Doch der Konditormeister macht sich trotzdem Sorgen, vor allem um sein Personal. Die müssten seit Monaten mit Kurzarbeitergeld auskommen. Einer seiner besten Kellner habe schon gekündigt. Der habe Frau und zwei Kinder zu versorgen und arbeite jetzt in einer Gießerei. Wiecker befürchtet, dass solche Beispiele Schule machen.

Auch deshalb hat er sich mit den leeren Stühlen auf den Marktplatz gestellt. Er fordert eine Perspektive für sich und seine Mitarbeiter. Er wolle, dass möglichst bald wenigstens in den Außenbereichen wieder Gäste bedient werden können, so Wiecker. "Ostern wäre schön", sagt er.

Kopfschütteln über Vorlage für Beratung

Kopfschüttelnd habe er von Vorlagen zur neusten Beratung der Länderchefs gelesen, wonach die Außengastronomie wieder zugelassen werden soll, wenn mindestens zwei Wochen eine Inzidenz unter 35 erreicht ist. "Das würde heißen, dass wir dieses Jahr überhaupt nicht aufmachen können", so sein Kommentar.

Leere Stühle hinter Absperrband auf Marktplatz von Wernigerode
Wernigerode ist eine der Städte, in der sich Protest unter den Gastronomen regt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Über den Autor: Carsten Reuß wurde in Aschersleben geboren und ist in einem kleinen Ort in der Nähe, nur wenige Kilometer vom Harzrand entfernt aufgewachsen. Nach seinem abgeschlossenen Werkzeugmaschinenbaustudium entdeckte er die Liebe zum Journalismus. Nach ersten Erfahrungen bei einer Tageszeitung und einem Abstecher in ein Maschinenbauunternehmen arbeitet Carsten Reuß seit 1993 für den MDR. Seitdem berichtet er regelmäßig aus dem Harz. Den erkundet er außer zu Fuß auch gern auf dem Motorrad, mit dem Fahrrad oder auf Skiern.

MDR, Carsten Reuß, Hagen Tober, Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 03. März 2021 | 11:00 Uhr

13 Kommentare

DER Beobachter vor 10 Wochen

Prinzipiell finde ich die Idee, die ja auch in Aschersleben etc. praktiziert wurde und wo auch der MDR berichtete, gut. (Faktisch!) aufklären und zugleich das Geschäft auf die Straße zu verlagern, mit dem was geht, ist doch gut, gerade wenns jetzt ins Frühjahr geht. Man könnte ja sozusagen einen regelmäßigen gestaffelten Straßenmarkt der anliegenden Geschäfte und Cafes machen. Und solange das mit Abstand und Maske läuft... Freilich müsste dann Ordnungsamt und Polizei wegen der Unverständigen ztrotzdem präsent sein und nötige nicht zu billige Maßnahmen ergreifen. Aber wie man bei den Kommentaren zu Aschersleben sieht, sind Leute wie "Critica" etc. ja gegen alles, außer sofort alle maßnahmen zu beenden. Eigentlich Krokodilstränenwixcherei. Ihnen gehts überhaupt nicht um Freiheit und unser Volk. Es ist nur ein kindisches Dagegensein.

DER Beobachter vor 10 Wochen

Naja: das an sich gutgehende gastronomische Kleinunternehmen, bei dem ein Verwandter hier in DD beschäftigt ist, musste schon vor der allgemeinen Schließung schon Anfang Oktober dicht machen. Ein Gast, der wegen Falschangaben nicht ermittelt werden konnte, infizierte Teile des Personals, Beide Köche waren krank geschrieben mit eindeutigen Symptomen. Als sie wieder gesund geschrieben waren, gings trotzdem nicht los wegen der Geschmacks-/Geruchsproblematik. Als sie wieder hatten loslegen können, musste die Gastronomie vollständig schließen. Ich darf Ihnen versichern, die haben so einen Hals - nicht wegen der bösen CDU, sondern wegen der wandelnden Unvernunft...

DER Beobachter vor 10 Wochen

Naja, "deutlich" ist wie gesagt "gut". Es geht um 0,3 bzw. 0,4 je 100 000 EW. Das ist zwar eine erfreuliche Tendenz und macht Hoffnung. Aber wie gesagt steigen - wenn auch noch moderat - die (außer Dk ohnehin stets höheren) Infektionszahlen in o.g. Ländern wieder deutlicher an, und die Leichen haben wir ja etwas verzögert. Mir gehts auch nicht nur um die Toten und schweren Verläufe bei der älteren Generation (nicht nur Ü 80, das geht schon Ü 60 los), sondern auch das Problem vieler gerade nur der sg. leichten Verläufe Ü 30 länger (und länger als die Krankschreibungen) anhaltender berufshinderlicher Beschwerden wie chronische Kopfschmerzen, Konzentrationsverlust und bei Lebensmittelberufen etc. Geschmacksverlust... Nochmal, was hindert uns, bis eine Woche vor Ostern noch staatliche/behördliche Vorsicht walten zu lassen?

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