Tag der Deutschen Einheit Ossi – Wessi – "In der Generation unserer Kinder ist das verwachsen"

30 Jahre deutsche Einheit. Was bedeutet der Tag denen, die 1990 Kinder waren und heute Kinder in einem ähnlichen Alter haben? Zwei Generationen erzählen, in Osterwieck, direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Dabei zeigt sich, dass Ost-West-Muster in den Köpfen eine immer kleinere Rolle spielen.

Nach ihrem Namen gefragt, antwortet Nadine Janeck mit ihren Mädchennamen. Kaum auf dem Schulhof, fühle sie sich wohl zurückversetzt in die Schulzeit? "Ja genau", sagt die 45-Jährige lachend. 1993 hatte sie als erster Jahrgang im neu gegründeten Fallstein Gymnasium in Osterwieck Abitur gemacht. Eine spannende Zeit sei das gewesen damals. Sie habe sich gefreut, dass aus der ehemaligen POS Wilhelm Pieck das Fallstein Gymnasium wurde. "In den Fächern, die uns Freude gemacht haben, konnten wir Leistungskurse belegen", sagt sie. Das sei toll gewesen.

Für Claudia Eue kam die Wende etwas früher im Leben. Sie war erst neun Jahre alt, als die Mauer fiel. Aufgewachsen im Sperrgebiet, sagt sie rückblickend über ihre Schulzeit: "Es war einfach alles lockerer, als zu DDR-Zeiten. Vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor, weil wir älter waren." Viele tolle Lehrer habe es gegeben. Und die gebe es auch heute noch im Fallstein Gymnasium.

Das Fallstein Gymnasium

Das Fallstein Gymnasium in Osterwieck liegt am ehemaligen Zonenrandgebiet. Das Thema DDR und die Grenze spielen im Geschichtsunterricht noch immer eine besondere Rolle. So entstand direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bei Wülperode ein Grenzdenkmal, das die Schüler zusammen mit dem Heimatverein Abbenrode errichtet haben und weiter pflegen. Zu sehen ist ein Teil des ehemaligen Grenzzauns sowie Informationstafeln.

Einheit wird als gut gelungen empfunden

Das Fallstein Gymnasium hatte Ende der 1990er-Jahre auch Schüler aus Niedersachsen aufgenommen. Der Schulweg war einfach für viele Kinder kürzer. In den Klassen von Claudia Eue und Nadine Janeck waren zwar keine Schüler aus Niedersachsen. Dennoch haben sie während der Schulzeit keine großen Unterschiede zwischen den Schülern aus dem Westen und sich selbst festgestellt. 

Heute 30 Jahre nach der Wende empfinden sie Ost und West als gut vereint. Mehr noch, sie kennen sich in Niedersachsen viel besser aus. Durch die bessere Verkehrsanbindung würden sie ohnehin eher nach Goslar, Braunschweig oder Vienenburg fahren, als nach Halberstadt oder Magdeburg.

Unterschiede in Familienangelegenheiten

Claudia Eue arbeitet in Niedersachsen. Manchmal komme es vor, dass sie Arbeitskollegen im Spaß als Wessis bezeichnet. Das sei aber nicht böse gemeint. Auch wenn sie über Ost oder West gar nicht mehr so viel nachdenke, glaube sie dennoch, dass diese Einteilung in Ost und West in den Köpfen der Menschen noch eine ganze Zeit bestehen bleiben wird.

Dieser Ansicht ist auch Nadine Janeck. Auf die Frage, ob sich die beiden Frauen als Ostdeutsche wahrnehmen, verneinen beide vehement. Sie hätten Freunde und Bekannte in Ost und West. Es würde gar keine Rolle mehr spielen. Dann allerdings fallen ihnen doch Unterschiede ein. Vor allem bei der Kindererziehung oder der Frage, wann Frauen nach der Geburt wieder arbeiten gehen sollten, würden Freunde und Kollegen aus dem Westen ganz andere Ansichten haben. "Jetzt, da wir alle Familien gegründet haben, merkt man doch Unterschiede, sagt Nadine Janeck. "Bei uns ist ja klar, dass sowohl ich als auch mein Mann arbeiten gehen."

Bei Freunden in Baden-Württemberg sei das ganz anders. Da sei klar, dass die Frau zuhause bleibt – mindestens die ersten drei Jahre. Diese Unterschiede seien immer wieder Thema für Diskussionen, aber es sei eben so, weil "wir ganz anders aufgewachsen und erzogen worden sind", meinen beide Frauen. Aber sie sind sicher: "In der Generation unserer Kinder ist das alles verwachsen."

Zwei Mädchen sitzen lächelnd auf einer Bank.
Für die Teenager Jette und Charlotte gibt es kein Ost- und Westdeutschland mehr. Die 14-Jährigen fühlen sich als Europäerinnen. Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt

Für Teenager spielt die Grenze gar keine Rolle mehr

Für ihre Töchter Charlotte und Jette, beide 14 Jahre alt, spielt die Unterscheidung in Ost und West oder die ehemalige Grenze schon heute gar keine Rolle mehr. Sie sind der Ansicht, dass sie einfach mitten in Deutschland leben und sie fühlen sich eher als Europäerinnen. Sie haben Freunde in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen und wissen lediglich durch Erzählungen von Oma und Opa, dass Deutschland mal geteilt war und die Grenze ganz nah an ihren Wohnorten verlief. Für Charlotte ist das alles unvorstellbar. Sie sagt: "Auch weil wir ja Verwandtschaft aus der anderen Region haben, kann ich mir das gar nicht vorstellen, wie das war."

Genauso geht es Jette. Deutschland getrennt? Das kann sie nicht nachvollziehen. Dass der 3. Oktober der Tag der Deutschen Einheit ist, wissen beide. Eine Bedeutung hat das Datum für die Mädchen aber nicht. Schade sei nur, dass er in diesem Jahr auf einen Sonnabend fällt, da gebe es leider keinen extra Tag schulfrei.

Zwei Frauen und zwei Mädchen sitzen auf Stufen
links unten: Nadine Janeck, rechts unten: Claudia Eue, links oben: Jette Janeck, rechts oben: Charlotte Eue Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt

Quelle: MDR/jw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 02. Oktober 2020 | 07:40 Uhr

3 Kommentare

wer auch immer vor 49 Wochen

Menschen die nicht beide Staaten gelebt haben, können meiner Ansicht nach nie sagen : die Einheit ist gelungen.
Dazu fehlt eben das "Erlebnis DDR ".
Das die jüngere Generation, jünger als 35 Jahren, keine Unterschiede zwischen Ost und West kennt, ist doch normal.
Die dann genannten Differenzen sind nicht aus eigener Erfahrung, nur vom Hörensagen.
In ca. 50 Jahren hat sich das dann erledigt. Zeitzeuge mit bewussten Erlebnissen wird es kaum noch geben. Und ob die Interesse für diese Zeit dann vorhanden ist, bezweifle ich.



Atheist vor 49 Wochen

Warum sollte es auch noch eine Rolle spielen, die Jugend hat heute ganz andere Probleme, die müssen heute was zusammenbringen was eigentlich nicht zusammengehört.
Mit riesigen Ärger in den Familien, da wird es in Zukunft mehr Leid und Elend geben als im geteilten Deutschland.

Kolo78 vor 49 Wochen

Sehe ich genauso, wunderbar auf den Punkt gebracht!

Mehr aus dem Harz

Die letzten Meter noch – dann hat die Brockenbahn ihr Ziel erreicht. Der Bahnhof "Brocken" zählt zu den höchstgelegenen in Deutschland. mit Video
Die letzten Meter noch – dann hat die Brockenbahn ihr Ziel erreicht. Der Bahnhof "Brocken" zählt zu den höchstgelegenen in Deutschland. Bildrechte: MDR/Sven Stephan

Mehr aus Sachsen-Anhalt