Fachkräftemangel Warum junge Vietnamesen ihre Ausbildung im Harz machen

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Zahlreiche Unternehmen im Harz sind händeringend auf der Suche nach Fachkräften. Dabei geht der Blick nun bis nach Fernost: In einem vom Land geförderten Projekt werden junge Menschen aus Vietnam nach Sachsen-Anhalt geholt, um hier eine Ausbildung zu machen. Doch wie ergeht es den jungen Vietnamesinnen und Vietnamesen im Harz – und sind sie tatsächlich die Lösung für das hiesige Fachkräfteproblem? Ein Besuch in Wernigerode.

Rund 8.500 Kilometer Luftlinie, 15 Grad Temperaturunterschied und sechs Stunden Zeitverschiebung – den Harz und Hong Hoangs Heimat trennen Welten. Aufgewachsen ist die 19-Jährige in Vietnams Hauptstadt Hanoi, einer dicht besiedelten Acht-Millionen-Metropole voller Megastraßen und trubeliger Gassen. Nun macht sie eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau im beschaulichen Wernigerode, wo Rentnergruppen durch Fachwerkgassen spazieren und der kalte Herbstwind die letzten Blätter von den Bäumen bläst.

Zwei junge Frauen aus Vietnam
Die Vietnamesinnen Hong Hoan, links, und Minh Le sind im Rahmen des WiSo-Projekts in den Harz gekommen für ihre Ausbildung. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Hong Hoang ist Teil einer Gruppe von rund 20 jungen Vietnamesinnen und Vietnamesen, die im Rahmen des Projektes "Wirtschafts- und Sozialpartner Harz – Hoi An" (WiSo) in ihrer Heimat angeworben wurden und seit dem Sommer im Harz eine Ausbildung absolvieren. Unter ihnen sind angehende Hotel- und Restaurantfachleute, Pflegekräfte und eine Tourismuskauffrau. Hong Hoangs Geschichte erzählt von der Globalisierung und dem Fachkräftemangel in Sachsen-Anhalt, aber auch von einer mutigen jungen Frau auf der Suche nach einer Perspektive am anderen Ende der Welt.

Über das WiSo-Projekt

Hinter dem WiSo-Projekt stehen die Akademie Überlingen in Wernigerode sowie einige Projektpartner, darunter die Stadt Wernigerode, die Industrie- und Handelskammer Magdeburg und die Handwerkskammer Magdeburg. Das Land Sachsen-Anhalt hat das Projekt mit 623.000 Euro aus Landesmitteln und Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziell gefördert. Ziel ist es, dem Fachkräftemangel im Harz entgegenzuwirken.

Derzeit sind 20 teilnehmende Azubis im Harz, sieben weitere warten in Vietnam auf ihre Sprachprüfung bzw. ihr Visum. Viele der teilnehmenden Auszubildenden kommen aus Wernigerodes Partnerstadt in Vietnam, Hoi An.

Bunte Lampions unter grünen Blättern – die mit Strom aus einer Solaranlage betrieben werden, die in Zusammenarbeit mit Wernigerode aufgebaut wurde.
Mit Hoi An in Vietnam pflegt Wernigerode eine Städtepartnerschaft. (Archivfoto) Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Als Hong Hoang zum Gespräch vor die Tür des HKK Hotels tritt, in dem sie ihre Ausbildung absolviert, verzieht sie das Gesicht. Die Kälte. "An das Wetter in Deutschland muss ich mich noch gewöhnen", sagt Hong Hoang und lacht. Seit knapp drei Monaten ist sie in Wernigerode. Die Vorbereitung auf Deutschland und ihre Ausbildung begann für sie und die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des WiSo-Partner-Projektes allerdings schon ein Jahr zuvor, und zwar in Vietnam.

Rathaus Wernigerode
20 Vietnamesinnen und Vietnamesen absolvieren derzeit in Wernigerode und Umgebung eine Ausbildung im Rahmen des WiSo-Projektes. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Vorbereitungskurse in Vietnam

Die angehenden Azubis bekamen Deutschunterricht sowie Einblicke in die deutsche Kultur, aufgrund der Corona-Pandemie zunächst online in Videokonferenzen. Anfang des Jahres dann reisten eine Lehrerin und ein Lehrer aus dem Harz nach Vietnam, um vor Ort Präsenzunterricht zu geben. Nur mit bestandener Deutsch-Prüfung durften die Teilnehmenden überhaupt nach Deutschland kommen, um im Harz ihre Ausbildung anzutreten.

Eine junge Frau aus Vietnam
Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Zack zack zack!

Hong Hoang auf die Frage nach einer typisch deutschen Redewendung

"Sehr schwer" sei es für sie, Deutsch zu lernen, erzählt Hong Hoang, "vor allem die Artikel und der Akkusativ. Aber inzwischen verstehe ich etwa 70 Prozent." Fragt man Hong Hoang nach einer typisch deutschen Redewendung, die sie bei der Arbeit gelernt habe, antwortet sie: "Zack zack zack!" Trotz der Sprachbarriere und der Temperaturen fühle sie sich in Wernigerode sehr wohl.

Sie wohnt in einer WG mit drei anderen Teilnehmerinnen des WiSo-Projektes, die ebenfalls in Wernigerode und Umgebung eine Ausbildung absolvieren. Zwei- bis dreimal pro Woche bekommen die Teilnehmenden Deutschunterricht in der Akademie Überlingen, hinzu kommt eine spezielle Förderung in ihren Ausbildungsfächern.

Ehrgeizig und mental stark

Eine junge Frau aus Vietnam videotelefoniert mit ihrer Familie
Mit ihrer Familie im mehr als 8.000 Kilometer entfernten Hanoi spricht Hong Hoang jeden Tag per Videocall. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Trotz der großen Entfernung sei ihre Familie glücklich, dass sie nun in Deutschland sei, sagt Hong Hoang. "Viele Leute in Vietnam kennen Deutschland und wollen hierher." Täglich spricht sie per Videotelefonat mit ihren Eltern zuhause in Hanoi, und mit ihrem großen Bruder, einem Arzt, und dessen Frau. Bevor sie nach Deutschland kam, hat Hong Hoang ein Jahr lang Hotelmanagement in Südkorea studiert. Das Studium sei ihr aber zu theoretisch gewesen, sagt sie.

Dass den jungen Vietnamesinnen und Vietnamesen die Integration verhältnismäßig leicht fällt, beobachtet Lidia Roca Garcia von der Akademie Überlingen, die sich als Betreuerin um Hong Hoang und einige andere Azubis kümmert und ihnen bei Problemen und Alltagsfragen zur Seite steht. "Sie sind mental sehr stark, ehrgeizig und haben ein klares Ziel vor Augen", sagt Roca Garcia. Bisweilen ungewohnt seien für sie jedoch die Gepflogenheiten im deutschen Arbeitsalltag: Dass man etwa zuhause bleibe, wenn man krank ist, oder sich beim Chef abmeldet, wenn man in die Pause geht.

Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber

Schon seit 2015 gibt es in Sachsen-Anhalt jedes Jahr mehr Ausbildungsstellen als Bewerberinnen und Bewerber. Der Trend hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft. Einer, der das zu spüren bekommt, ist Björn Rosenberg, der Direktor des HKK Hotels in Wernigerode. Neben Hong Hoang beschäftigt er im Rahmen des WiSo-Projektes in seinem Hotel aktuell noch drei weitere Azubis aus Vietnam.

Auszubildende aus dem Ausland sind für ihn ein wichtiger Faktor, um den Personalbedarf in seinem Hotel zu decken. "Wir sind beim Personalstand längst nicht da, wo wir sein wollen. Zudem hat uns auch die Pandemie in Sachen Personal stark zugesetzt", sagt Rosenberg. "Es ist an der Zeit, neue Wege zu gehen." Für ihn sei die Frage daher nicht gewesen, ob er bei dem WiSo-Projekt mitmachen wolle, sondern nur, wann es losgehe.

Ausbildungsbetriebe sichern Lebensunterhalt

Wie alle Unternehmen, die junge Menschen aus Vietnam eingestellt haben, musste sich das HKK Hotel verpflichten, für den Lebensunterhalt der Auszubildenden zu sorgen und ihnen den Rückflug zu bezahlen, falls sie ihre Ausbildung vorzeitig abbrechen sollten. Rosenberg hat allerdings wenig Sorge, dass sein Hotel tatsächlich ein solches Rückflugticket wird zahlen müssen.

Ein Mann im Anzug steht auf einer Treppe
Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Die Auszubildenden aus Vietnam haben sich toll integriert und gehören zu 100 Prozent zum Team.

Björn Rosenberg, Direktor des HKK Hotels

Bereits in der Vergangenheit hatte das HKK Hotel ausländische Azubis, etwa aus Syrien, Afghanistan, Iran, Schweden oder der Ukraine. Eine weitere Vietnamesin ist zudem derzeit im dritten Lehrjahr in dem Hotel beschäftigt. "Unsere Erfahrungen sind durchweg positiv. Auch die deutschen Azubis profitieren davon, wenn sie durch ausländische Kolleginnen und Kollegen über den eigenen Tellerrand hinaus schauen können", sagt Rosenberg.

WiSo-Projekt vor dem Aus

Dass das WiSo-Projekt zum 30. Juni 2022 endet und im nächsten Jahr nicht in eine neue Runde geht, weil die Fördermittel auslaufen, stößt bei dem Hoteldirektor auf Unverständnis: "Jeder Cent, den man in Bildung investiert, zahlt sich später doppelt und dreifach aus." Das Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung begründet das Ende der Förderung des WiSo-Projektes mit dem Erreichen der maximal möglichen Förderdauer.

Bei der Gewinnung von Fachkräften und Azubis im Ausland setze man künftig auf ein verstärktes Eigenengagement der Unternehmen, heißt es – obwohl das Ministerium mit der Zwischenbilanz des WiSo-Projekts zufrieden ist: "Trotz der anhaltenden Pandemie mit den damit verbundenen zusätzlichen Hürden und Schwierigkeiten ist das bisherige Fazit des Projektes positiv", lässt ein Pressesprecher ausrichten.

Keine vietnamesischen Azubis im Handwerk

Allerdings: Nicht alle Branchen profitieren gleichermaßen vom WiSo-Projekt und den Azubis aus Vietnam. So absolviert von den 20 Teilnehmenden, die derzeit bereits in Deutschland sind, niemand eine Ausbildung im handwerklichen Bereich, obwohl auch im Handwerk an allen Ecken und Enden Fachkräfte fehlen. Man schaue bei der Suche nach Azubis und Mitarbeitenden bereits ins Ausland und wolle dies künftig weiter verstärken, sagt Burghard Grupe, der Geschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, die an dem WiSo-Projekt beteiligt ist.

Dass sich bislang keiner der vietnamesischen Auszubildenden für einen handwerklichen Beruf entschieden habe, sei für ihn aber nicht enttäuschend, so Grupe. "Wir können aus dem Projekt trotzdem viel für die Zukunft lernen." Ausländer allein könnten das Fachkräfteproblem jedoch nicht lösen. Wichtig sei, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, damit eine Ausbildung auch für junge Deutsche wieder attraktiver wird.

Langfristige Perspektive im Harz?

Hoteldirektor Rosenberg hofft derweil, dass ihm seine neuen Mitarbeitenden aus Vietnam über die Ausbildung hinaus erhalten bleiben. "Ich habe schon am ersten Tag gesagt, dass wir alle übernehmen, wenn die Leistungen stimmen", sagt er.

Hong Hoang kann sich das gut vorstellen. Wenn sie ausgelernt hat, will sie noch einige Zeit in Deutschland bleiben. "Irgendwann", sagt sie, "gehe ich dann bestimmt zurück nach Hause." Nun ist die 19-Jährige aber erstmal gespannt auf den eisigen Winter im Harz. Sobald Schnee liegt, will sie Schlittenfahren gehen – zum ersten Mal in ihrem Leben.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

MDR/Lucas Riemer

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. November 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

SusiB. vor 9 Wochen

Wieso haben wir in unserem Land Mangel an Auszubildenden und Fachkräftemangel? In den letzten Jahren sind doch Millionen Menschen nach Deutschland gekommen. Die müssen doch irgendwie ausgebildet werden und sich Arbeit suchen um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber aber aber

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